Zeitung Heute : Die ganz neue Ostpolitik

Merkel charmiert Polens Premier Kaczynski

Sebastian Bickerich

Um 12 Uhr 17 bricht im Bundeskanzleramt ein Bann. Er hat gelächelt. Das ist so etwas wie eine Anzahlung in der für die Diplomatie zuweilen bedeutsamen Währung, die da heißt: gegenseitige Herzlichkeit. Jaroslaw Kaczynski, polnischer Ministerpräsident und bislang allem Deutschen gegenüber ein bisschen misslaunig, hat gelächelt. Er steht unsicher da in der „Sky-Lobby“ im Haus von Kanzlerin Merkel, in einem Land, das er nach eigenem Bekenntnis nicht kennt, neben einer Gastgeberin, die sich so sichtlich um Herzlichkeit bemüht, dass sich ihre Gäste wirklich ein bisschen wie bei Merkel zu Hause fühlen: Willkommen, gleich gibt es Thunfisch und Rinderfilet, jetzt noch ein paar Fragen für die Journalisten.

„Wollen Sie jemandem das Wort erteilen?“, fragt Merkel mit Blick auf die vielen polnischen Medienleute, die Kaczynski bei seinem Antrittsbesuch begleiten. Einen langen Moment überlegt der, was er machen soll. Ich? Jemanden fragen? Träge sieht er sich um. „Bei uns ist das nicht üblich“, sagt er – und lacht.

Ein seltsames Missverhältnis steht hier im Raum, als die beiden sich den Objektiven der Fotografen stellen: Der kleine Mann da neben Angela Merkel, das soll der Mann sein, der jeden Tag einen Deutschen zum Frühstück frisst? Der für das Absinken der Beziehungen auf Tiefkühlniveau verantwortlich ist? Bislang hatte er sich ja durchaus bemüht, den Nachbarn im Westen zu verteufeln – bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Da warf er Deutschland schon mal vor, in Europa nach Dominanz zu streben, da gab es Verwirrungen um deutsche Schiffe in der Ostsee, da kritisierte er einen Auftritt des Bundespräsidenten vor dem Bund der Vertriebenen, ohne dessen Rede zu kennen. Und dann ließ Kaczynski auch noch eine finstere Gestalt wie seinen Erziehungsminister Roman Giertych von der rechtsradikalen „Liga polnischer Familien“ an den Topf für das deutsch-polnische Jugendwerk – prompt saß man bei der Zentrale in Potsdam beinahe auf dem Trockenen, weil Giertychs Ministerium die Kofinanzierung verweigerte. Und das in dem Bereich, der von den Reibereien bislang verschont geblieben war: 1,5 Millionen Jugendliche kamen in den vergangenen 15 Jahren zusammen, bisher ist die Zahl der gegenseitigen Besuche von Jahr zu Jahr gestiegen.

Nun also steht dieser Jaroslaw Kaczynski neben der drei, vier Zentimeter größeren Bundeskanzlerin, und er ist zahm, fast zurückhaltend. Das Gespräch sei für ihn „etwas Neues“ gewesen, sogar von einem „guten persönlichen Verhältnis“ spricht er, und die „Irritationen“, die es gegeben habe, sie seien in den meisten Punkten – darunter auch beim Jugendwerk – ausgeräumt. Auch bei der umstrittenen deutsch-russischen Ostseepipeline gibt er sich überraschend versöhnlich.

Zwar sei er weiterhin gegen das in Polen schon mit dem Hitler-Stalin-Pakt verglichene Projekt. Er sei jedoch „voll und ganz einverstanden“, wenn Deutschland einen gemeinsamen Energiemarkt aller EU-Mitgliedstaaten anstrebe. Damit könne der Gefahr entgegengetreten werden, dass „uns von Russland der Gashahn abgedreht wird“. Nur in einem Punkt kommen beide sich nicht näher: Kaczynskis Vorschlag, einen Vertrag zur Abwehr von Entschädigungsforderungen deutscher Vertriebener aufzusetzen, hält Merkel „nicht für die richtige Lösung“. Schließlich habe Deutschland ja bereits zum Ausdruck gebracht, dass es die Klage einer kleinen Vertriebenentruppe vor dem Straßburger Menschenrechtsgerichtshof nicht unterstütze.

„Wir bleiben darüber im Gespräch“, sagt Kaczynski freundlich – und spätestens jetzt ist klar, was die vier Stunden seines Besuches in Berlin vor allem gebracht haben: Man redet miteinander. Das ist doch schon mal was.

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