Zeitung Heute : Die ganze Harmonie ist hin!

REIMZEIT Marco Tschirpke erfand das „Lapsuslied“ - und singt es in seinem Programm „Am Pult der Zeit“.

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Alte Leier

Nichts schwingt so tabugeschwängert

Wie die Lyrik der Moderne:

Niemand hat noch Großbuchstaben,

Keiner mehr das Versmaß gerne.

Prosa fließt aus spitzen Federn,

Konrad Duden wird erstochen

Und damit es lyrisch aussieht,

Werden Zeilen umgebrochen.

Ein Gespenst geht durch Europa:

Blitzgefährlich ist der Reim.

Wenn sie könnten, wie wollen

– Sie erstickten ihn im Keim.

Auf den Winter

Auf den Winter freun wir uns,

Die wir Dank empfinden,

Wenn von Schultern, Arm und Fuß

All die niedlichen Tattoos

Unterm Stoff verschwinden.

Am Pult der Zeit

Ein Fliegenschiß war so placiert,

Daß er den Maestro irritiert:

Die Note da hat keinen Sinn,

Die ganze Harmonie ist hin!

Beschließt, den Mozart hinzuknallen.

Bei Schönberg wärs nicht aufgefallen.

Kammerspiele

Rief die Jungfer: Kammerfrau,

Bring nur schnell den Kamm!

Daß dem Prinzen Möchtegern

Rasch das Herz entflamm!

Einen Kamm! faucht da die Kammer-

frau die Kammerzofe an.

Diese hat nur unzureichend

Jenen Dienst getan:

Blieb auf halbem Wege stecken

In des Kammerjägers Kammer.

Kam heraus, die Röcke ordnend,

Seufzte leis: Das war der Hammer!

Schließlich wars das Kammermädchen,

Welches nun den Kamm gebracht,

Doch das Königssöhnchen hatte

Auf dem Absatz kehrtgemacht.

Heringsdorf

Hier, wo die Ostsee sich schreckhaft

Zusammenzieht

Zur Badewanne Berlins,

Huldigten schon Maxim Gorki, Lyonel Feininger, Hermann Göring und Harry Tisch

Dem Fisch.

Man muß sich einmal ausruhen

Vom Dichten, Malen, Morden und Tischlern.

Mehringhoftheater,

29.1. - 1.2., 20 Uhr

Marco Tschirpke ist einer, der Literatur ernst genug nimmt, um lustig zu sein. Wie Wilhelm Busch, Robert Gernhard, Ernst Jandl, Fritz Grasshoff – um mal ein paar aufmerksam- keitsstarke Schubladen anzutippen. Doch der Mann kann nicht nur komische, sondern auch musikalische Dichtung. Wie etwa Georg Kreisler oder Freund und Kollege Sebastian Krämer. Alles Namedropping kann natürlich nur unzulängliche Orientierungshilfe sein, denn Tschirpke allein macht „Lapsuslieder“. Die meistens sekundenkurz sind, einge- dampfte Miniaturen für hellwache Zuhörer, bei inhaltlichem Bedarf aber auch einmal in vier, fünf Verse ausufern können. Sein bisheriges Gesamtwerk, „Gedichte. Band 1“ (Verlag André Thiele), birgt lyrische Edel- steine, die auch ohne den Bühnenvortrag funkeln. Aber halt! Wenn der 38-jährige Brandenburger seiner musikalischen Ausbildung Rechnung trägt und witzig-kluges Wortwerk in raffinierte Kompositionen zwischen Jazz und Neuem Kunstlied verpackt, ist das ein unbedingt erlebenswerter Mehrwert – live am Klavier oder instrumental aufgemöbelt auf CD. Sein hintersinniger Umgang mit dem Publikum tut ein Übriges. Zugleich zurückhaltend und anarchisch spielt Marco Tschirpke den Kabarettisten, der er eigentlich nicht ist. eNTe

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