Zeitung Heute : Die ganze Welt in einem Haus

Ein Ehepaar kauft einen Topf – es braucht ihn zwar nicht, will damit aber helfen: Warum Karstadt am Hermannplatz so viele Fans hat

Roland Koberg

Am besten ist es morgens um acht. Dann nimmt man die kleine Eisentür im Hinterhof, mit etwas Kraft zieht man sie auf, läuft die Treppe in den Keller hinab. Da erwartet sie einen: die Lebensmittelabteilung von Karstadt am Hermannplatz. Sie heißt seit ein paar Jahren „Marktplatz“ und ist schon offen, wenn alle anderen Eingänge des Kaufhauses noch versperrt sind. Mitarbeiter schieben Paletten durch die Gegend, wuchten Obst- und Gemüsekästen, füllen die Regale auf. Die Frauen am Fischstand inszenieren Adlerfisch und Knurrhahn auf gebröckeltem Eis, die Weinflaschen werden auf Dekofässern formiert wie Kegel auf der Bowlingbahn.

Es ist ein intimer Vorgang, dem man in der Frühe beiwohnen darf, beinahe Kunst, gerade noch real genug, dass man nicht den Einkauf vergisst. Um halb zehn, untermalt von psychedelischer Musik, kommt dann folgende Lautsprecherdurchsage: „Und vergessen wir nicht… wir sind Karstadt.“ Dann gehen alle Türen auf.

Die Lebensmittelabteilung ist die umsatzstärkste Abteilung und die berühmteste. Einem Neuberliner, der in den Problemkiez Nord-Neukölln zieht, kann sie die Gegend schmackhaft machen. Samstagnachmittag in der Lebensmittelabteilung von Karstadt am Hermannplatz – dieser magische Moment kurz vor Ladenschluss, die Treffen der Spätaufsteher, die zum Frühstück noch Milch holen und dazu Schweineschulter und Estragon für den Sonntag. Man blickt in Gesichter, die zu fragen scheinen: Sie also auch?

Karstadt-am-Hermannplatz wird in Berlin lückenlos ausgesprochen, wie ein Adelstitel. Niemand würde es abkürzen, niemand sagt Karstadt oder Karstadt Neukölln oder Karstadt Kreuzberg, wo sich das Kaufhaus befindet – nur das Kaufhaus, nicht der Platz, der zu Neukölln gehört. Alle sagen Karstadt-am-Hermannplatz, so, als würde dadurch beides geadelt: der Hermannplatz und sein Hauptgebäude. Gäbe es Karstadt am Hermannplatz nicht, man müsste sich mehr Sorgen machen um Kreuzberg und Neukölln.

Doch sorgen muss man sich im Moment eher um die Mitarbeiter von KarstadtQuelle. Der Konzern geriet – als Beteiligungen und Übernahmen in Mode waren – mit Fitnessstudios, Coffeeshops und Reiseveranstaltern in Insolvenzgefahr. Jetzt ist das Kerngeschäft wieder in Mode: alles verkaufen, was den Kern umgibt. Dazu zählen aus Konzernsicht 77 Warenhäuser in Deutschland, die mit weniger als 8000 Quadratmetern Verkaufsfläche als klein gelten. Von der Krise betroffen sind womöglich auch Mitarbeiter der anderen 107 Warenhäuser, wie zum Beispiel Karstadt am Hermannplatz mit seinen 30000 Quadratmetern Verkaufsfläche.

Die Nachricht mit der Horrorzahl von 10000 bedrohten Arbeitsplätzen kam in der Woche, als bei Karstadt am Hermannplatz gefeiert wurde. Noch bis 9. Oktober begeht das Haus mit Pauken und Trompeten und tausenden dunkelroten Papierrosen in dunkelblauen Riesentüten sein 75-jähriges Jubiläum.

Hätte man sich an den Kalender gehalten, man müsste jetzt nicht mehr feiern: Am 21. Juni 1929 nämlich wurde am Hermannplatz, den der Wismarer Firmengründer Rudolph Karstadt als neues Zentrum des Berliner Südostens ausgeguckt hatte, das größte und modernste Warenhaus des europäischen Kontinents eröffnet. Mit 73000 Quadratmetern Verkaufsfläche auf sieben Etagen übertraf es das heute geforderte Karstadt-Quelle-Mindestmaß um das Neunfache. Auf den alten Fotos sieht Berlin an dieser Stelle aus wie New York. Zwei kräftige Türme ragten aus dem kathedralenhaften Gebäude, das von Strebepfeilern in den Himmel getrieben wurde. Das Plakat zur Eröffnung war nicht übertrieben: „Das gigantische Werk ist vollendet!“ Sein Ende war tragisch: Zwei Tage, bevor die Rote Armee den Hermannplatz erreichte, legte die Waffen-SS das Gebäude in Schutt und Asche. Den Russen sollten keine Vorräte in die Hände fallen. Vom „Kleid aus edlem Muschelkalk“, wie die Fassade bei der Eröffnung genannt worden war, blieb nur mehr ein Fetzen zur Hasenheide hin.

„Wir gewinnen!!!“ Ein Satz mit drei Ausrufezeichen schont den Bildschirm von Dirk Dzewas. Der Geschäftsführer des größten Berliner Karstadt-Warenhauses ist ein kantiger Vierziger, um seinen Hals baumelt das Karstadt-Hermannplatz-Schlüsselband, das alle Mitarbeiter zum Jubiläum bekommen. Im Jahr 2002 – zwei Jahre nach dem großen Umbau für 100 Millionen Euro – hat ihn die Essener Konzernzentrale hierher berufen. Am vergangenen Mittwoch informierte er die 600 Mitarbeiter, dass man sich am Markt neu positionieren müsse. Die gute Nachricht: Karstadt am Hermannplatz gehört in die größte Kategorie, soll also „weiterentwickelt“ werden. Wenn ihn aber ein Mitarbeiter frage, ob sein Arbeitsplatz sicher sei, könne er nur antworten: „Der Kunde entscheidet mit seinem Kauf darüber, wie sicher die Arbeitsplätze sind.“

Der Kiez sei nicht das Problem, sagt Dirk Dzewas. „Wir sind Händler und folglich überall dort zu Hause, wo man Geschäfte machen kann. Wir lassen uns auf die sozialen Daten nicht ein.“ Man setze bei Karstadt am Hermannplatz auf Berliner, ja auf überregionale Kundschaft. Gerade die West-Berliner seien oft überrascht, „dass das schönste Haus von Karstadt hier steht“, sagt Dirk Dzewas. Das Problem sei auch nicht das Einkaufscenter auf der grünen Wiese, nicht die Geiz-ist-geil-Masche der Mitbewerber – problematisch seien die Leute, die fast gar nicht einkaufen. Da geht es dem großen Warenhaus nicht anders als den Volksparteien: Die Nichtwähler sind das Problem.

Das Gegenmittel der Geschäftsführung heißt „Highlights“ – damit will man neue Kunden gewinnen und alte motivieren. Highlights sind Star-Abteilungen wie Wein und Fisch. Es sind aber auch die Veranstaltungen, die in der Jubiläumswoche für Stimmung sorgen sollen. Man kann in Wanderkluft durch ausgestreutes Laub und künstliche Pfützen waten. Firmenvertreter setzen einen auf eine mit Cola-Schriftzug lackierte Harley-Davidson und schießen Digitalfotos. Und der Künstler Enrico malt die Muster der aktuellen Herbstbettwäsche auf den nackten Körper eines „dekorativen Modells“.

Karstadt am Hermannplatz, so wie man es liebt, ist an solchen Tagen kaum wiederzuerkennen. An guten Tagen ist das Warenhaus zu vielem im Stande. An guten Tagen erklärt Karstadt am Hermannplatz dem Kunden die Welt. Die Welt als Warenhaus betrachtet hat man sich als eine Art Inselreich vorzustellen. In dieser Welt steht nichts mehr fest, es gibt keinen Anfang, kein Ziel. Die Regale sind ersetzt durch autonome Stände, manche mit Firmenschild. Die Waren darauf sind nach Themenkomplexen geordnet. Das führt dazu, dass man in der Lebensmittelabteilung an vier verschiedenen Stellen Kartoffeln kaufen kann, in jeweils anderer Gemüsenachbarschaft.

In diesem Reich hat man Luft und den freien Blick: Die kleinen Waren-Inseln ragen nicht über Augenhöhe hinaus. Auch wird man auf den vier Etagen von Karstadt am Hermannplatz nicht wie im Super- oder Baumarkt hinterhältig zu einem Fußmarsch durch das gesamte Sortiment gezwungen, nur weil man zur Spülmaschinenreparatur einen Schlüssel „Torx T20“ braucht.

Und erst die Fachverkäuferinnen – sie sind diskret, aber ansprechbar. Man lernt von ihnen. Wenn man die Wiener Würstchen doppelt verpackt, „und zwar so“, dann halten sie länger im Tiefkühlfach. Oder: Wenn die letzten Tage zu warm waren, dann gibt es eben keine Miesmuscheln. Das versteht man als Kunde dann auch. Jeder Verkäufer identifiziert sich mit seinem Inselreich. „Wenn man als Verkäufer keine Beziehung zu Fischen hat“, sagt die Fischhändlerin, „dann soll man es lieber lassen.“

Außerdem ist Karstadt am Hermannplatz: Landeskunde. Regionale Firmen bündeln ihre Sortimente wie auf einer Messe. Bald hat der Kunde seine Lieblinge und Lieblingsländer, die hier periodisch eine Chance bekommen. Nach der Grünen Woche ist es meistens Österreich. Man erfährt über dieses Land bei Karstadt am Hermannplatz mehr als während eines zweiwöchigen Urlaub in Tirol. Im Oktober ist es natürlich Bayern. Davor war es unerklärlicherweise Baden-Württemberg. Wenn die Aktionswochen vorbei sind, kann man noch lange verfolgen, wie der badische „Spitzbüble-Sauerkrautsaft“ und der bayerische „Pikante Spaß im Miniglas“ durch die Lebensmittelabteilung wandern, und die Preise fallen. Aber manches bleibt. Auch das Hässliche: „Ja!“ – so heißen die dem Karstadt-Sortiment untergeschobenen Billigprodukte des neuen Zulieferers Rewe. Es gibt jetzt Ja!-Toilettenpapier und Ja!-Zucker, er hat den Nordzucker schon fast verdrängt.

In den Personalräumen von Karstadt gibt es Spiegel für die Angestellten. Auf dem Spiegel steht „So sieht Sie der Kunde“. Die Angst um den Arbeitsplatz soll der Kunde nicht sehen. Trotzdem erkundigen sich in diesen Tagen viele bei den Verkäuferinnen und Verkäufern, wie es weitergeht. Ein Mitarbeiter erzählt von einem Topf, den ein altes Ehepaar gekauft hat: „Wir brauchen ihn gar nicht“, sagte das Ehepaar. „Aber wir haben schon so lange nichts mehr gekauft.“ Vielleicht rettet Karstadt ein Methusalem-Komplott.

Während anderswo, etwa bei Hertie eine U-Bahn-Station weiter, Rettung nicht in Sicht ist, scheint man hier noch einmal davongekommen zu sein. Die Mitarbeiter sollen bald 40 Stunden arbeiten, bei einer Woche weniger Urlaub – das gehört wohl zum „historischen Solidarpakt“, von dem Karstadt-Quelle-Chef Christoph Aschenbach gesprochen hat.

„Geh mal weg da!“, kreischt es im Erdgeschoss. Es ist Django, der rote Papagei, der seit Jahren mit zwei unverkäuflichen Artgenossen in der Tierabteilung im Käfig hockt. Er ist vor einem Monat mit der gesamten Abteilung, den Fischen, Schlangen und Vögeln, von Karstadt an „Zoo Günther“ verkauft worden, eine Tierhandlungs-Dynastie aus Dessau. Horst Günther, 70-jähriger Seniorchef der Firma, ist stolz auf seinen neuen Laden am nördlichen Eingang des Warenhauses. Alle Mitarbeiter der Karstadt-Tierabteilung, die übernommen werden wollten, haben die Günthers übernommen. Auch den Filialleiter, Herrn Drexhage. Er arbeitet seit 27 Jahren bei Karstadt am Hermannplatz, davor war er Tierfachverkäufer bei Karstadt in Bielefeld. Er hat noch Affen und Hunde verkauft, was heute „Gott sei Dank“ nicht mehr erlaubt sei. „Ich bin zwar nicht in Karstadt geboren, aber sonst…“, scherzt der hagere Mann mit Lesebrille und schaut zufrieden auf die aufgeregten Kinder im „Zoo Günther“. „Wir bringen Karstadt die Kunden.“ Was wäre eine Arche Noah auch ohne Papagei, der zu den schlechten Prognosen einfach sagt „Geht mal weg da!“ Tiere, Bücher, Lampen, Kleider, Obst, Butter Lindner, Kartoffel Kohn und Brautmoden Balayi – sie bleiben bis auf weiteres an Bord, auf dem letzten großen Schiff im Berliner Südosten.

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