Zeitung Heute : Die ganze Welt ist eine Bühne

Was verbindet ein Begräbnis mit einem Striptease? Die Theaterwissenschaftler sind Ritualen auf der Spur

Gesche Westphal

„Ich glaube an Menschen, nicht an Strukturen“, sagt Erika Fischer-Lichte, Professorin für Theaterwissenschaft. Ihr Fach ist eine vielseitige und junge Disziplin – und an der Freien Universität zudem außerordentlich erfolgreich. Unter einem Dach sind hier zurzeit der Sonderforschungsbereich der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) „Kulturen des Performativen“, die theaterhistorische Sammlung Walter Unruh, die deutschlandweit erste Professur für Tanzwissenschaft, das Graduiertenkolleg „Körper-Inszenierungen“ und vieles mehr vereint – ein bisschen kann man die rund 800 Studierenden um ihren bunten Studiengang beneiden.

Die Berliner Theaterwissenschaft wurde schon 1923 an der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität gegründet. 1948 zogen Studierende aus Protest gegen die von der SED indoktrinierte Universität Unter den Linden nach Dahlem und gründeten die Freie Universität. Darunter befanden sich auch zahlreiche Theaterwissenschaftler. Im 56. Jahr nach der Neugründung weht durch die Gänge des Institutes ein frischer Wind. Vergangenen Sommer ist Gabriele Brandstetter als Professorin für Theaterwissenschaft und Tanz an das Institut gekommen. Sie wird nun einen Studiengang Tanzwissenschaft – der an deutschen Universitäten noch nicht etabliert ist – aufbauen.

Im Februar erhielt sie den LeibnizPreis der DFG. Sie will mit diesem Geld ein Forschungslabor für Tanz einrichten, in dem sich Wissenschaftler und Künstler aus unterschiedlichen Gebieten mit Bewegung auseinander setzen. Dazu gehört auch ein Experimentierraum, in dem Lehrende und Studierende mit elektronischen Medien arbeiten können. Gedanklicher Freiraum ist Gabriele Brandstetter wichtig: „Mein Glück war, dass ich, eben weil die Tanzwissenschaft noch nicht als Wissenschaft etabliert ist, einen großen Freiraum zum Denken und Experimentieren hatte. Experimentelles Arbeiten ist besonders innovativ.“

Mittelmaß? Nein danke!

Worin liegt der Schlüssel zu diesem Erfolg des Faches an der FU? „Ich bin ein Feind der Mittelmäßigkeit“, sagt Erika Fischer-Lichte, die 1996 an das Institut kam. „Mittelmäßigkeit steckt an und zieht runter. Deswegen freue ich mich, dass hier so exzellente Wissenschaftler und tolle Studenten versammelt sind.“ Fischer-Lichte leitet das Interdisziplinäre Zentrum für Kunstwissenschaften und Ästhetik, ist Leiterin des Graduiertenkollegs „Körperinszenierungen“ und Sprecherin des Sonderforschungsbereichs. Derzeit arbeitet sie an zwei Monographien.

Die Theaterwissenschaftlerin kam bereits mit der Idee nach Berlin, einen Sonderforschungsbereich aufzubauen. Darin erforschen die Wissenschaftler, was schon William Shakespeare umtrieb: „Die ganze Welt ist eine Bühne.“ Die Theaterwissenschaftler untersuchen die Kultur in all ihren Ausprägungen unter dem Blickwinkel der Aufführung, der Performanz. Tatsächlich durchzieht die Performanz die gesamte Kultur und bestimmt zum Beispiel Rituale wie Hochzeiten, Begräbnisse oder Auftritte von Politikern und Industriellen. Sogar Striptease gehört dazu.

Performanz findet man auch im Alltag: Selbst wenn man ganz still und bescheiden da sitzt, „führt man sich auf“. Im Theater sind die Körperinszenierungen ein künstlerisches Geschäft und zugleich etwas, was jeder Mensch unbewusst den ganzen Tag über ausübt. Die Forschungen konzentrieren sich auf das Mittelalter und die Moderne, denn zu dieser Zeit fanden wesentliche Umbrüche statt: durch die Verschriftlichung der Volkssprachen etwa, die Erfindung des Buchdrucks, durch die elektronischen Medien. Diese Entwicklungen führten zu neuen Verschränkungen zwischen Textualität und Performativität.

Mit dem gesprochenen Wort setzt sich Doris Kolesch in ihrem Forschungsprojekt „Stimme“ auseinander. Die Stimme ist zwar so individuell wie ein Fingerabdruck, gleichzeitig aber auch durch kulturelle Einflüsse geformt. Hört man sich Aufnahmen von Schauspielern vom Beginn des 20. Jahrhunderts an, kann man feststellen, dass sie alle höher gesprochen haben. Auch Männer, die für ihre tragende, volle Stimme bekannt waren, haben für unsere heutigen Ohren eine sehr hohe Ton- und Stimmlage. Es gibt regionale Variationen: Amerikanische Frauen zum Beispiel sprechen tendenziell in einer höheren Stimmlage als deutsche.

Das Gegengewicht zur Flüchtigkeit von Wort und Tanz, die im ersten Stock des Instituts erforscht werden, bilden die Archive im Keller. Dagmar Walach betreut die theaterhistorische Sammlung Walter Unruh, eine Dauerleihgabe des Senats von Berlin. Ihr untersteht auch das Archiv des Instituts.

Der junge Kinski

Beide Sammlungen stehen ausdrücklich der interessierten Öffentlichkeit offen. Walter Unruh, der Begründer der nach ihm benannten Sammlung und einstiger Direktor der Likörfirma „Danziger Lachs“, war Zeit seines Lebens vom Theater fasziniert. Mit dieser Leidenschaft legte er den Grundstock für eine der größten theaterhistorischen Privatsammlungen in Deutschland. Die Sammlung, die Unruh der Stadt Berlin als Geschenk übereignete, kam 1954 als Dauerleihgabe an das Institut. In einem von der DFG von 1997 bis 2001 finanzierten Erschließungsprojekt gelang es, die wichtigsten theaterhistorischen Nachlässe, darunter den Nachlass des bedeutenden Schauspielers Albert Bassermann, wie auch die Sammlungsbibliothek mit ihren rund 20 000 Bänden zu erfassen.

In beiden Sammlungen befinden sich kleinere und größere Schätze. Ein Kleinod: ein Taschenkalender aus dem Jahre 1819, kaum so groß wie eine Streichholzschachtel. Er gibt Auskunft über die Mondphasen und Namenstage. Ihm sind zwölf gezeichnete Theaterfiguren beigegeben, zum Beispiel die „Nachbarin“, die, wie der Anhang erklärt, „Mad. Tochtermann“ im Lustspiel „Das war ich“ spielte. Auch detaillierte Kostümentwürfe aus vielen Jahrzehnten gehören zu den Skizzen, die mit rührender Liebe zum Detail gezeichnet sind.

Obwohl der Schwerpunkt der Sammlungen im 18. und 19. Jahrhundert liegt, lagern dort auch Stücke neueren Datums. Zum Beispiel gibt es eine Fotografie des jungen Klaus Kinski aus dem Jahr 1946. Das spätere Enfant terrible der deutschen Schauspielszene ist kaum wiederzuerkennen in einer seiner ersten Rollen in Henrik Ibsens Drama „Die Gespenster“.

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