Zeitung Heute : Die Gefahr trug Zivil

Sergeant Villafane ist im Irak verwundet worden. Aber er kämpft weiter – von seinem Krankenbett in Landstuhl

Benno Stieber

Statt Uniform trägt er jetzt einen blauen Krankenkittel und fleischfarbene Schläppchen an den Füßen. Sein linker Arm, dick eingegipst, liegt auf einem Stapel Handtücher. Sergeant Jamie Villafane sitzt im Krankenhaus, der einzige Schmuck im Raum sind drei Flaggen, die den Hintergrund für Fotos abgeben sollen: die amerikanische, die deutsche und eine mit dem Wappen des Militärkrankenhauses. Ins „Landstuhl Regional Medical Center", mitten in der Pfalz, werden die verletzten US-Soldaten des Irakfeldzugs geflogen. Seit Donnerstag wird hier auch die Soldatin Jessica Lynch behandelt, die nach neun Tagen aus irakischer Kriegsgefangenschaft befreit wurde.

Sergeant Villafane vom 30. Bataillon der US Army ist seit über einer Woche in Landstuhl. Dort leistet er den letzten Dienst für sein Vaterland, den Kampf um die öffentliche Meinung. Immer wieder erzählt er seine Geschichte. Eine Heldengeschichte – sonst hätte man ihm das wohl kaum erlaubt. Geschichten von Verlierern sind in diesen Tagen bei den Amerikanern nicht gefragt.

Villafane war südlich der Stadt Nassirijah im Einsatz. Sie waren unterwegs in zwei Jeeps, er und fünf Männer, für die er verantwortlich war. Als Scouts fuhren sie den Versorgungstrecks voraus, die den Nachschub für die kämpfende Truppe sicherstellen. Eine Fahrt in ungesichertem Gelände. Aber bisher hatten sie nichts getan, als ein paar steinige Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Nicht einen Schuss hätten er und seine Leute abgeben müssen, sagt er. Bis zu diesem sonnigen Samstagmittag, drei Tage nach Kriegsbeginn. Schon von weitem sahen sie die Menschentraube auf der Brücke vor ihnen. Zivilisten, die offenbar den Vormarsch der Truppen beobachten wollten, so wie es Villafane schon ein paar Mal zuvor erlebt hatte.

Diesmal war es anders. Als sie die Brücke erreichen, werden die Iraker seltsam nervös rennen auseinander. Einer hat ein Gewehr, das kann Villafanes Schütze Charles Horgan gerade noch erkennen. Dann kracht es, eine Rakete schlägt ein. Villafane und Horgan werden aus dem Jeep geschleudert. Was in den Sekunden danach passiert, wissen sie nicht mehr. Villafane erinnert sich nur, dass er noch sein M-4-Sturmgewehr zu fassen kriegt, bevor plötzlich eine zweite Rakete direkt auf ihn zukommt. „Sie war zum Greifen nah, ich konnte mich nur mit einem Sprung zur Seite retten.“ Die Rakete fliegt in den zweiten US-Jeep. Erst als Villafane in den Graben unter der Brücke flüchtet, merkt er, dass sein linker Arm blutet.

Jamie Villafane erzählt all das, als wäre es schon Jahre her. Es ist fast so, als ob ein Fußballer zum x-ten Mal berichtet, wie er damals bei einem wichtigen Spiel das Foul erlebt hat. Der Irakfeldzug war nicht Villafanes erster Fronteinsatz. Er trägt seit zwölf Jahren Uniform, war im Kosovo und in Afghanistan. Hunderte Male hat er den Ernstfall trainiert. Und als er dann eingetreten ist, scheint er einfach ein Programm abgespult zu haben.

Unter der Brücke erwartet ihn ein bewaffneter Iraker. Zu Villafanes Glück kehrt er ihm den Rücken zu. Als der Iraker sich umdreht und in den Gewehrlauf blickt, gibt er auf. Noch drei weitere Iraker, sagt Villafane, habe er ohne Gegenwehr gefangen nehmen können. Als die US-Soldaten die Gefangenen durchsuchen, entdecken sie unter ihrer Zivilkleidung Uniformen der irakischen Armee.

Natürlich quäle ihn die Frage, ob der Angriff zu verhindern gewesen wäre, sagt Villafane. Schließlich sei er für den Spähtrupp verantwortlich gewesen. Sie haben zwei Fahrzeuge verloren, und er und sein Kamerad sind verletzt. Keine gute Bilanz. Aber was könne man denn tun, wenn sich der Feind nicht an die Genfer Konvention halte und verkleidet kämpfe?

In Landstuhl gibt es Psychologen, mit denen die Soldaten ihre Erlebnisse besprechen können. Villafane macht nicht gerade den Eindruck, als sei er psychisch labil. „Die meisten Verwundeten hier sind in guter mentaler Verfassung“, sagt David A. Rubinstein, Kommandeur des Militärkrankenhauses. Was ihn nicht wundere: „Sie sind alle durch ein jahrelanges hartes Training gegangen und auf das vorbereitet, was sie im Gefecht erwartet.“

Für Sergeant Villafane ist dieser Krieg vorbei. Für immer. In wenigen Tagen wird er nach Hause fliegen, zu seiner Frau und seinen drei Kindern. Nein, er sei nicht froh, raus zu sein. Er fühle mit seinen Kameraden, die weiter einen harten Job machen. Dann gibt er sich kämpferisch: Verletzt zu werden, sei nicht so schlimm gewesen. Er sagt das fast trotzig. „Was mich angekotzt hat, war die Tatsache, dass wir die Angeschossenen waren."

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