Zeitung Heute : Die gefilmte Hölle

CHRISTINA TILMANN

Zum Thema Einsamkeit in der Großstadt hatte Amos Kollek im letzten Jahr im Panorama mit "Sue" schon alles gesagt.Sein neuer Film "Fiona" widmet sich dem Thema Gemeinschaft.Es ist allerdings eine Gemeinschaft besonderer Art: Zwei Wochen lang filmte der in Jerusalem geborene Regisseur in einer Wohnung in Toronto, die Drogenabhängigen als Unterkunft diente: Mit Laiendarstellern, die sich unbefangen dem Blick der Kamera exponieren.Sein Star Anna Thomson, die zarte Gestalt mit dem Botticelli-Gesicht und dem weichen, weiblichen Körper schmiegt sich ein in die dokumentarischen Szenen.Ebenso ziellos und verloren irrt sie durch unaufgeräumte Zimmer und heruntergekommene Straßen, läßt sich von Männern demütigen und findet nur wenige Momente der Zärtlichkeit im Umgang mit den anderen Frauen: Beim gemeinsamen Bad in der Wanne, beim Einschlafen Arm in Arm.Etwas von jenem Zorn, der diese Zukurzgekommenen erfüllt, trägt auch sie durch die kalte Welt, die die schwankende Kamera zusätzlich entfremdet.

Schade nur, daß Amos Kollek den Mut zum Ganzen nicht hatte - weder zur Dokumentation noch zur Fiktion.Gewaltsam werden die dokumentarischen Szenen in ein fiktionales Gerüst gezwängt, das, mit Inserts wie "Kindheit", "Liebe" "Tod" überschrieben, ein Leben von Anfang bis Ende erzählen möchte.Die Geschichte der Tochter, die mit sechs Monaten auf der Straße ausgesetzt, vom Ziehvater mißbraucht, als Prostituierte arbeitet, immer auf der Suche nach der Mutter, die sie am Ende findet und wieder verliert, trägt kaum die heterogenen Szenen, die zudem so abrupt geschnitten sind, daß der Eindruck entsteht, Amos Kollek habe die Geduld nicht aufgebracht, seinen Figuren wirklich zuzuhören.Während "Sue", durch die Konzentration auf Anna Thomson so eindringlich wirkte, zerfasert in "Fiona" in ein mißglücktes Milieuporträt.

Heute 21 Uhr (Filmpalast)

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