Zeitung Heute : Die gefühlte Wahrheit

Man hat ihn Schöffe Gnadenlos genannt – dabei hat er noch kein einziges Mal geurteilt. In zwei Wochen wird es so weit sein. Dann will Bernd Ramm zeigen, dass es ihm nicht um Härte geht, sondern um Gerechtigkeit für die Opfer

Axel Vornbäumen

Bernd Ramm mag Otto Schily und Joschka Fischer. Er kann aber Claudia Roth nicht ab, „diese Party-Jule“. Er war schon in Thailand, und 25 Jahre in der SPD war er auch. Er hat in Berlin die „Statt-Partei“ mitgegründet, aber das war nix. Sein Vater hat unter den Nazis gelitten, seine Mutter war Sekretärin, das Elternhaus „liebevoll“. Er ist nun 64. Demnächst geht er in Ruhestand. Seine Freundin heißt Vicky. Sie ist 40. Zurzeit ist sie allerdings in Neuseeland.

Bernd Ramm sagt: „Ich bin ein politischer Mensch.“ Er sagt auch: „Man muss sich in dieser Gesellschaft ein bisschen deutlich äußern.“ Das hat er getan.

Wir treffen uns im „Marx“, tiefes Kreuzberg, und Bernd Ramm sagt: „Das hätten Sie nicht gedacht, was, dass das mein Stammlokal ist? Ich mag die Atmosphäre, das Publikum, den links-liberalen Touch.“ Er ist früher da als verabredet. Er trinkt Tomatensaft. Er hat schon einen Tisch in der Ecke ausgewählt. Er will, dass man ein faires Bild von ihm zeichnet, mit schnellem Stift, dabei ist man eigentlich noch auf der Suche nach einem Haken für Schal und Mantel.

Er will ein faires Bild, weil es ein Bild von ihm gibt, das ihm nicht gefällt. Seit nun schon einer Woche existiert es, seit jenem Dienstag, an dem Bernd Ramm in der „Berliner Morgenpost“ eine Anzeige geschaltet hat, in der er darauf aufmerksam macht, dass er fortan für vier Jahre am Landgericht Berlin als Schöffe tätig sein wird. 2500 Euro hat ihn das gekostet, eine Stange Geld für ein „paar Bemerkungen“, zusammengestellt in Spiegelstrichen auf einer Viertelseite, aber das war es ihm wert. „Ehrensache“, sagt er.

„Strafe“, schreibt Ramm da, „dient meiner Ansicht nach nicht nur der Resozialisierung des Täters sondern auch:

– einer Individualprävention (Abschreckung des Täters vor neuen Taten);

– einer Generalprävention (Abschreckung anderer potenzieller Täter);

– der Sühne für die Tat(en);

– der Orientierung und dem Gerechtigkeitsempfinden der Menschen;

– und vor allem dem Schutz der Gesellschaft vor Verbrechen.“

Das alles hört sich schwer nach Law and Order alter Schule an, nach harter Hand, nach einem, der es der Gesellschaft demnächst zeigen wird und der Justiz gleich mit. Eine Art Grundsatzprogramm hat der angehende Laienrichter da für sich entworfen, wenn man so will: einen Wertekatalog, zusammengestellt aus den Zutaten des gesunden Menschenverstandes. An den will er sich halten in den kommenden vier Jahren. Bernd Ramm schreibt: „Im Rahmen der bestehenden Gesetze werde ich alles tun, um z.B. in Zukunft folgende Urteile zu verhindern helfen: Für die Vergewaltigung eines Kindes (13 Jahre) mit einer anschließenden Totgeburt wurde der Täter zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt.“

Bernd Ramm, promovierter Strahlenmediziner an der Charité, trägt seit dieser Anzeige einen zweiten Titel: Schöffe Gnadenlos.

Der Boulevard hat ihn so genannt, der Tagesspiegel auch, und nun liegt die Assoziation zu „Richter Gnadenlos“ auf der Hand, dem selbstgefälligen, unsäglichen Hamburger Rechtspopulisten Ronald Schill, der eine Zeit lang oben im Norden als Amtsrichter das Bauchgefühl des hanseatischen Bürgertums bediente. „Das hat mich geärgert“, sagt Bernd Ramm, „so ist es nicht.“ Er verabscheue Schill.

So weit, so fair, das Bild, bis hierhin? Es gibt ja noch keine Überprüfungsmöglichkeiten auf Ramms neuem Wirkungsfeld. Sein erster Fall wird erst am 4.Februar verhandelt, ein Diebstahl, kein Gewaltverbrechen, nix Dolles; keine Projektionsfläche jedenfalls, an der der Laienrichter seinen Furor über den existierenden Gerechtigkeitsstau auslassen könnte. „Unspektakulär“, sagt Ramm, „ich bin da relativ emotionsfrei.“ Der Angeklagte könne sich auf ein absolut faires Verfahren verlassen, „absolut“. Es ist nämlich so, dass Bernd Ramm vor einigen Jahren schon zwei Mal als Hilfsschöffe tätig war. Und beide Male endeten die Verfahren mit milden Strafen. „Weichei“, hatten seine Bekannten damals gescherzt. Soviel differenzierende Pinselstriche müssen schon sein.

Vielleicht ist es so: „Ich habe eine Grundeinstellung, dass bestimmte Straftatbestände zu mild bestraft werden“, sagt Ramm. Urteile über Skinheads, die auf ihren Opfern herumtreten und dafür nur Bewährungsstrafen bekommen, gehören in diese Kategorie. Oder eben jener Vergewaltigungsfall, den Ramm in seiner Anzeige angesprochen hat und der ihn, „ich weiß auch nicht, wieso“, so umgetrieben hat. Derart, dass er sich die Telefonnummer der Familie des Opfers besorgt hat, angerufen hat und dann, am Telefon, merkte, „dass da eine ganze Familie zerstört worden ist, furchtbar“. Ein Erweckungserlebnis. Und plötzlich sah Ramm, der „politische Mensch“, ein neues Betätigungsfeld, eine Gelegenheit, sich einzumischen, Missstände in der Gesellschaft zu beseitigen, die nicht nur er längst als Ärgernis erkannt hat. Er bewarb sich beim Bezirksamt für das Amt des Schöffen.

Bernd Ramm hat eigens einen Begriff dafür mitgebracht, ins „Marx“, nun reicht er ihn über den Kneipentisch. Er nennt es: „gefühlte Wahrheit“. Viele, so hat er zuvor schon wahrgenommen, dächten in der Gesellschaft exakt so wie er. Seit er die Anzeige geschaltet hat, weiß er, dass es so ist. Sein Anrufbeantworter ist voll von aufmunternden, zustimmenden Sätzen, 40 Anrufer bestimmt, und nur ein einziger wollte ihn des Landes verweisen. An seinem Arbeitsplatz haben ihm die Kollegen auf die Schulter geklopft, Ärzte, die MTAs, die türkische Putzfrau. „Rammi, das war okay“, haben sie gesagt, und an seinem Zeitungskiosk hat ihn die türkische Zeitungsverkäuferin erkannt und ihm zugenickt: „Die Deutschen sind zu lasch.“ Anwälte haben sich gemeldet, und ein Richter a.D., und alle hat er auf seiner Seite. Es gab E-Mails, und eine hat Bernd Ramm sogar mitgebracht, sie ist eigens autorisiert, zur Veröffentlichung freigegeben. „Bleiben Sie standhaft“, heißt es da, „Ihre Annonce hat meiner Frau und mir aus der Seele gesprochen, im Freundeskreis Begeisterung ausgelöst, dass jemand die Initiative ergriffen hat, deutlich und sachlich zu artikulieren, was in unserer Justiz eigentlich los ist.“ Schöffe Populär?

Bernd Ramm wirkt zufrieden. Es ist keine selbstgefällige Zufriedenheit, eher die Genugtuung darüber, dass ein für ihn nahe liegender Schritt auf so viel öffentliche Resonanz gestoßen ist. Er will „in die Gesellschaft hinein wirken“, und fürs Erste sieht es so aus, als ob er das für einen Moment geschafft hätte. Sogar der Verbrechensopferverband Weißer Ring hat sich schon positiv zu seiner Aktion geäußert. Acht Mal wird er in diesem Jahr sein Verständnis von Recht und Gerechtigkeit einbringen können – dann jedenfalls, wenn er nicht wegen Befangenheit abgelehnt wird. Die Aussichten dafür sind allerdings recht hoch.

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