Zeitung Heute : Die geheime Wahrheit von Bagdad

Italien trauert um Nicola Calipari, den Mann, der Giuliana Sgrenas Leben rettete – aber an die Aufklärung des Falls glaubt kaum einer

Paul Kreiner[Rom],Malte Lehming[Washington]

Geheimdienstchefs? Das sind abgebrühte, mit allen Wassern gewaschene Männer? Hier steht einer. Er soll reden. Er ringt nach Worten, stockt immer wieder, hält mit Mühe die Tränen zurück. General Niccolò Pollari muss an diesem Montag einen seiner besten Männer beerdigen, und nicht nur das: einen engen Freund. Die eineinhalb Stunden des Staatsbegräbnisses hat der Chef des italienischen Militärgeheimdienstes eng neben Rosa Calipari gesessen, der Witwe des in Bagdad erschossenen Nicola Calipari. Er hat ihre Hand gehalten, sie hat sich bei ihm untergehakt, er hat der 19-jährigen Tochter Silvia tröstend über die Haare gestreichelt.

Und nun soll Pollari reden. Alles, was Rang und Namen hat im Land, ist in der Kirche Santa Maria degli Angeli versammelt: der Staatspräsident, die gesamte Regierung, die Opposition. Carabinieri und Geheimdienstler, bekannte und getarnte Kollegen Caliparis füllen die von Michelangelo gebaute Kirche, bekennende Kommunisten sind zu sehen – eine Messe lang ist die klassische Spaltung der italienischen Gesellschaft in Katholiken und Antiklerikale überwunden.

Nun redet Pollari. Er rühmt Calipari, wie alle den 51-Jährigen in diesen Tagen gerühmt haben: als bescheidenen Menschen, korrekt, loyal, entschlossen, „immer zuerst für andere da, dann erst für sich“. Calipari habe sein Leben für das von Giuliana Sgrena geopfert. Und die Anteilnahme war nicht nur staatlich-offiziell: Etwa 100000 Menschen sind am Sonntag und in der Nacht zum Montag an Caliparis aufgebahrtem Sarg vorbeidefiliert.

Die kommunistische Zeitung „Il Manifesto“, für die Sgrena arbeitet, hat dem „Freund“ vom Geheimdienst am Montag wieder die Titelseite gewidmet. Ein großes Foto von Nicola Calipari, darauf in riesigen Lettern nur zwei Worte: „Mit dir“. Mitarbeiter des „Manifesto“ halten vor der Kirche die Zeitung hoch wie eine Fahne. Und drinnen geht das leise, fast erstickte „Grazie, Nicola“, mit dem General Pollari seine Abschiedsworte schließt, im Beifall unter. Das Klatschen setzt sich fort, als Soldaten den Sarg aus der Kirche tragen; 1000 Menschen haben den Gottesdienst im Freien verfolgt, nun ruft die Menge „Nicola! Nicola!“ und „Eroe!“ – Held!

Giuliana Sgrena, die zweite Hauptperson dieses italienischen Dramas, fehlt beim Staatsbegräbnis. Geschützt vom Körper Caliparis, der sich über sie geworfen hatte, ist sie zwar mit dem Leben davongekommen, als ihr Auto kurz vor dem Bagdader Flughafen in den Kugelhagel einer US-Patrouille geraten ist. Doch Sgrena, vom „freundlichen Feuer“ an der Schulter und vom Tod ihres Retters tief an der Seele verletzt, liegt noch im römischen Militärkrankenhaus.

Und sie verschärft ihre Vorwürfe an die Amerikaner. Die Schüsse seien alles andere als der „tragische Irrtum“gewesen, als den die Amerikaner die Affäre sehen wollen. „Ich schließe nicht aus“, sagt Sgrena, „dass sie in Wahrheit mich treffen wollten. Ich habe mich gefühlt wie das Ziel eines Hinterhalts.“ Und damit es alle wissen: „Ich werde es in allen Sprachen wiederholen, in Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch.“

Hinterhalt? Beweise kann Sgrena nicht liefern, das Weiße Haus nannte die Vorwürfe „absurd“, und die römischen Untersuchungsrichter halten sie für „unbegründet und unlogisch“. Aber recht viel weiter sind die Ermittler noch nicht gekommen. Die Amerikaner, so hat der überlebende Geheimdienstmann ausgesagt, hätten von der Aktion gewusst, wenngleich nicht in Details; der Verbindungsoffizier der Italiener habe den Kontakt hergestellt und die entsprechenden Pässe vermittelt; ein hoher amerikanischer Offizier, womöglich sogar ein CIA-Mann, habe Sgrena am Flughafen erwartet. Warum hat dann aber die Patrouille geschossen? Warum hat sie den Wagen nicht einfach mit Schüssen in die Reifen gestoppt? War es nur eine interne Abstimmungspanne innerhalb der amerikanischen Truppen?

US-Präsident George W. Bush hat rückhaltlose Aufklärung zugesichert. Aber in Italien glaubt kaum jemand, dass diese Aufklärung kommt. Erstens fehlen noch immer zwei, drei Mobiltelefone Caliparis, mit denen man beweisen könnte, dass der erfahrene Geheimdienstmann tatsächlich die amerikanischen Behörden im Augenblick der Durchfahrt des Wagens informiert hat. Bisher behaupten die Amerikaner ja, keiner habe gewusst, was es mit dem Zivilfahrzeug auf sich gehabt habe.

Und zweitens haben die Italiener erst jüngst Erfahrungen mit der amerikanischen Aufklärungsmoral gemacht. 1998 durchschnitt ein Militärflugzeug der USA die Seile einer Gondelbahn im Alpenort Cavalese, 20 Menschen starben. Doch die Prozesse vor US-Militärgerichten endeten geradezu lächerlich. Der Navigationsoffizier wurde freigesprochen, obwohl er zugab, die Ermittlungen behindert zu haben; der Pilot kam mit sechs Monaten Haft davon – dass er das Bordvideo vorsorglich vor Prozessbeginn vernichtet hatte, fand kein Richter verdächtig.

Dass im Fall Sgrena die Wahrheit je ans Licht kommen wird, das bezweifeln italienische Beobachter noch aus einem anderen Grund. Sgrena und ihre Zeitung „Il Manifesto“ gehören zum sehr linken Lager und zu den prononciertesten Anti-Amerikanern. „Sie werden“, sagt ein römischer Journalist voraus, „den Vorfall natürlich immer weiter ausschlachten, den Amerikanern immer neue Vorwürfe machen. Und die andere Seite wird immer härter dagegenhalten. Da rauschen zwei entgegengesetzte Ideologien voll aufeinander.“

Immerhin hat Italiens Regierung so schnell und entschlossen reagiert, dass selbst die Opposition Berlusconi ausdrücklich ein „staatsmännisches Handeln“ bescheinigt. Mitten in der Nacht, wenige Stunden nach den Schüssen, bestellte er den US-Botschafter ein und ließ ihn unmittelbar seinen Zorn spüren. Ob die Amerikaner nun tatsächlich fürchten, im Irak einen weiteren Verbündeten zu verlieren, oder ob sie über den Vorfall womöglich selber erschrocken sind – jedenfalls halten sie es für nötig, die Gemüter in Italien aktiv zu besänftigen: Botschafter Sembler ließ sich am Montag beim Trauergottesdienst für Calipari sehen.

Aber auch in den USA selbst herrscht Trauer. Ob auf CNN oder in der „Washington Post“: Ausführlich berichten alle großen Medien aus Rom und Bagdad. Die „New York Times“ druckt auf ihrer Titelseite ein dreispaltiges Farbfoto vom Sarg Caliparis. In der Geschichte dazu wird eine Linie gezogen zur Folteraffäre von Abu Ghraib. Wie diese habe kein anderer Aspekt der amerikanischen Militärpräsenz im Irak mehr Wut entfacht als die regelmäßigen Schießereien an den Kontrollstellen, heißt es. Der Fall Giuliana Sgrena bringe nur ans Licht, worunter irakische Zivilisten seit Monaten leiden.

Welche Regeln gelten an den Checkpoints, wird nun gefragt? Aber eine Antwort gibt es nicht, die Details sind geheim. Würden sie verraten, könnten sich die Rebellen darauf einstellen, sagen die Verantwortlichen. Doch so viel ist klar: Die Soldaten handeln nach eigenem Ermessen. Wer sich gegen Selbstmordanschläge wehrt, hat keine Zeit, um nach Erlaubnis zu fragen, lautet die Begründung. Wann immer die US-Soldaten glauben, in akuter Gefahr zu sein, dürfen sie schießen. Wie viele Zivilisten auf diese Weise versehentlich getötet wurden, weiß keiner. Es dürften mehrere Dutzend sein.

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