Zeitung Heute : Die Generalprobe

Im Zweiten Weltkrieg versanken ganze Städte im Bombenhagel. Eine Form des Terrors, die erstmals 1937 im baskischen Guernica ausgeübt wurde – von deutschen Piloten.

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Von Anna Kemper Fotos:

Ullstein, akg-images, Museo de la Paz de Gernika

Um kurz nach fünf fing Luis an zu beten. „Señor mio Jesucristo“, das Dröhnen kam näher, „Dios y hombre verdadero“, jetzt ein Pfeifen, dessen Schall einmal ganz durch die Arkaden der Plaza lief, bis zu den Sandsäcken am Eingang des Schutzraums, hinter denen Luis sich tief duckte. „Creador y redentor mio“, dann eine Explosion, die Hitzewelle nahm Luis den Atem. Sie roch nach Tod.

Mehr als 100 Mal begann Luis Iriondo an diesem Nachmittag im April 1937 das Vaterunser, bis zum Amen brachte er es kein einziges Mal. Nach jeder Bombe begann er von vorn, zweieinhalb Stunden lang. Stunden, in denen mehr als 20 Flugzeuge immer wieder in Kettenformation die kleine Stadt Guernica anflogen und bis zu 30 Tonnen Bomben abwarfen, Spreng- und Brandbomben, die die Dachstühle durchschlugen und das Gebälk in Flammen setzten.

70 Jahre später, Luis Iriondo ist ein alter Mann, er steht auf der Plaza, und der Schutzraum, in den er sich damals flüchtete, liegt in seinem Rücken. Ein schmaler niedriger Tunnel, heute ist dort die Herrentoilette des Seniorencafés unter den Arkaden. Luis blickt hinunter auf Guernica, seine Heimatstadt, auf die hellen Steinhäuser, umgeben von den grünen Hügeln des Baskenlandes. Es ist die Heimat von 15 000 Menschen, der 84-Jährige hat fast sein ganzes Leben hier verbracht. Nur einmal hat er Guernica verlassen, nachdem die Bomben gefallen waren, erst ein paar Jahre später kehrte er zurück. „Die Stadt,“ sagt Luis, „war ja verschwunden.“

Guernica, die erste Stadt, die durch einen Luftangriff zerstört wurde, ohne Rücksicht auf zivile Opfer. Die Theorie eines Bombenkriegs gegen die Bevölkerung gab es schon seit den 20er Jahren, der italienische General Giulio Douhet hatte sie 1921 in seinem Buch „Luftherrschaft“ begründet. „Alle europäischen Luftmächte dachten damals über die Möglichkeit nach, durch die Terrorisierung der Zivilbevölkerung aus der Luft einen möglichen Krieg zu gewinnen,“ sagt Wolfgang Schmidt, Fachleiter Luftwaffe im Militärgeschichtlichen Forschungsinstitut Potsdam. Am 26. April 1937, als drei Jahre vor Coventry und acht Jahre vor Dresden zum ersten Mal eine Stadt durch einen Bombenangriff in Flammen stand, trugen die Bomber auf ihren Tragflächen ein schwarzes Andreaskreuz auf weißem Grund, Zeichen der nationalistischen Luftwaffe Francos. Geflogen wurden sie von Deutschen, den Piloten der Legion Condor.

Vom Bürgerkrieg hörte Luis Iriondo zum ersten Mal im Sommer 1936. Sein Vater sprach mit einem Freund über den Militärputsch General Francos in Spanisch-Marokko, den Sohn kümmerte das nicht, die Kolonie war weit weg. Im August hieß es, die Flugzeuge, die den General und seine Truppen über das Mittelmeer nach Spanien gebracht hatten, seien deutsche gewesen. Franco und seine Putschisten kämpften gegen die gewählte spanische Republik. In Guernica schloss die Schule, und als die Front näher rückte, füllte sich die Kleinstadt mit Flüchtlingen und Soldaten.

Im März 1937 trugen die Flüchtlinge grausame Geschichten in die Stadt, von deutschen Fliegern, die baskische Dörfer bombardierten, Elorrio, Ochandiano und Durango, wo am 31. März Bomben in die Kirche einschlugen, es war Messe, die Bomben fielen, als der Priester gerade die Hostie hochhielt. Mehr als 200 Menschen wurden getötet.

Für den jungen Luis waren in diesem Frühjahr andere Dinge wichtig. Seit Wochen schon bat er seine Mutter, endlich lange Hosen tragen zu dürfen, er war jetzt 14, kurze Hosen waren etwas für Kinder. Am 25. April ging er wie jeden Sonntagabend mit seinen Freunden zur Plaza, wo die älteren Mädchen und Jungs tanzten, unter den gestrengen Blicken der Mütter, die von der Balustrade über dem Platz zusahen. Heute hat Luis graue Haare, eine Frau und sechs Kinder, seine Enkel sind älter, als er es damals war. Wenn er an den Tag zurückdenkt, an dem er, ein schmaler Junge mit kurzen schwarzen Locken und leicht abstehenden Ohren, zum ersten Mal lange graue Hosen trug, dann sagt er: „Ich fühlte mich wie ein Mann.“

Am selben Tag versammelte 85 Kilometer weiter südlich Wolfram von Richthofen, der Stabschef der Legion Condor, um die Mittagszeit in Vitoria seine Offiziere um sich. Auf dem Tisch lag eine Karte des Baskenlandes. Von Richthofen wollte den baskischen Verbänden den Rückzug nach Westen in die Befestigungsanlagen um Bilbao versperren. In Guernica, an der schmalen Rentería-Brücke, die direkt am Stadtrand über den kleinen Fluss Oca führte, liefen drei Straßen von Osten zusammen. Später erinnerte sich ein Leutnant: „Dies war die Schlagader, die über die Brücke in die Stadt führte.“ Mit einem Rotstift zogen sie einen Kreis um den Schnittpunkt auf der Karte, „das bedeutete so viel wie: höchstwahrscheinliches Ziel. Wir hatten das Gebiet um die Rentería-Brücke ausgewählt.“

Im November 1936 hatte die Legion Condor in die Kämpfe auf der Iberischen Halbinsel eingegriffen. Ausschlaggebend für die deutsche Intervention waren zum einen ideologische Motive, eine linke spanische Republik würde in einem europäischen Konflikt nicht auf Seiten Nazideutschlands stehen. Außerdem war Spanien ein wichtiger Lieferant für Eisenerze und Kupfer. Und Hermann Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, wollte die Intervention noch aus einem dritten Grund: „Der Führer überlegte, ich drängte lebhaft, die Unterstützung unter allen Umständen zu geben,“ sagte Göring 1946 vor dem Internationalen Nürnberger Militärgerichtshof, „um meine junge Luftwaffe bei dieser Gelegenheit in diesem oder jenem technischen Punkt zu erproben.“ Es bot sich die „Gelegenheit, im scharfen Schuß zu erproben, ob das Material zweckentsprechend entwickelt wurde.“

Rund 5000 Mann umfasste die Legion, regelmäßig wurden sie ausgetauscht, insgesamt konnten um die 19 000 Deutsche in der „Operation Rügen“ den „scharfen Schuß“ üben. Auch Mussolinis Italien hatten Truppen auf der Seite Francos, die Sowjetunion unterstützte die demokratisch gewählte Republik. „Der spanische Bürgerkrieg,“ so Wolfgang Schmidt, „war für Deutschland, Italien und die Sowjetunion ein willkommener Anlass, Waffen und Logistik in einem Krieg zu testen.“

Offiziell allerdings gab es die deutsche Intervention gar nicht: Die Legion Condor wurde als Freiwilligenverband deklariert, ihre Mitglieder waren formal aus der Wehrmacht ausgetreten.

Ende März verlegte die Legion Condor ihre Fliegerkräfte an die Front im Norden. Die deutschen Piloten sollten die Bodentruppen dabei unterstützen, an zwei Stellen Breschen in die baskische Front zu schlagen, um dann Bilbao anzugreifen. Nach anfänglichen Misserfolgen standen die Angriffsspitzen der Nationalen am Abend des 25. Aprils 15 Kilometer vor Guernica. Von Richthofen schrieb in sein Tagebuch: „Unsere Hoffnungen sind wesentlich gestiegen.“

Am Montag war Markttag in Guernica und die kleine Stadt völlig überfüllt: Bauern, die mit ihren Eselskarren das Gemüse in die Stadt gebracht hatten, zwei baskische Bataillone und Flüchtlinge aus den weiter östlich liegenden Dörfern. Rund 5000 Menschen lebten damals in der Stadt, an diesem Tag waren es wohl doppelt so viele.

Nach dem Mittagessen ging Luis zur Arbeit, seine Mutter hatte ihm einen Aushilfsjob als Botenjunge bei einer Bank besorgt. Als um viertel vor fünf die Glocke der Kirche Alarm schlug, beunruhigte das Luis nicht. Doch der Bankangestellte nahm ihn mit sich in den Schutzraum unter den Arkaden.

Gegen 20 Uhr, als die letzte Explosion verstummt war und Luis mehr als 100 Mal für die Vergebung seiner Sünden gebetet hatte, wagten sich die Menschen aus dem Schutzraum. Guernica brannte, die Wasserleitungen waren zerstört, die Feuerwehr aus Bilbao traf erst Stunden später ein. In der Santa-Maria–Straße war eine Bombe auf den Schutzraum aus dicken Baumstämmen, Eisenplatten und Sandsäcken gefallen. Allein dort starben 45 Menschen, hinausgeschleudert, verbrannt und verstümmelt. Andere waren panisch aus der Stadt gerannt, wo sie auf Straßen und Feldern von Jagdfliegern mit Maschinengewehren beschossen wurden.

„Um zwei Uhr morgens, als ich die Stadt erreichte,“ schrieb George Steer, Kriegskorrespondent der Londoner „Times“, „war sie schrecklich anzusehen, sie stand vom einen Ende bis zum anderen in Flammen. Den Widerschein des Feuers konnte man in den Rauchwolken über den Bergen schon zehn Meilen vor der Stadt sehen. Die ganze Nacht hindurch stürzten Häuser ein, bis von den Straßen nur noch große Haufen undurchdringlichen rotglühenden Schutts übrig waren.“

Wie viele Menschen an diesem Tag in Guernica starben, ist bis heute nicht klar, zunächst nahm man an, es seien über 1000 gewesen. Heute schätzt man, dass es zwischen 200 und 300 waren.

Die Brücke, das angebliche militärische Ziel in der Stadt, traf keine einzige Bombe. „Als wir uns dann über dem Zielgebiet befanden, schien die Stadt verhüllt zu sein von dem Staub, den die ersten Bomben hochgewirbelt hatten,“ schrieb ein Oberstleutnant später. Bis heute ist unklar, ob die Brücke wirkliches Ziel oder nur ein Vorwand war, um die Stadt zu zerstören – die Akten der Legion Condor wurden teilweise vernichtet, der Rest verbrannte fast vollständig bei einem Luftangriff auf Berlin.

Das Ergebnis passte jedenfalls gut in den Plan von Richthofens, den Rückzug der Basken zu vereiteln, schließlich garantierten nur hohe Trümmerberge eine langfristige Sperrung. Und sowohl die Bombenmenge, als auch die Mischung aus Spreng- und Brandbomben legen nahe, dass die Zerstörung der Stadt und die Terrorisierung der Zivilbevölkerung in Kauf genommen wurde. „Man kann den Angriff auf Guernica ein Flächenbombardement nennen,“ sagt Wolfgang Schmidt, „in jedem Fall hatten die Piloten keine Bedenken, einfach in den Rauch hineinzuschmeißen.“ Als von Richthofen am 30. April nach Guernica kam, schrieb er in sein Tagebuch: „Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.“

Die Zerstörung der Stadt löste weltweit Empörung aus. „Der Angriff auf Guernica ist in der Militärgeschichte ohne Vergleich,“ so George Steer in der „Times“, „Die Stadt lag weit hinter der Front. Das Ziel der Bombardierung war offensichtlich die Demoralisierung der Zivilbevölkerung.“ England forderte eine internationale Untersuchung. Der „Völkische Beobachter“ nannte die Berichterstattung „Lügenhetze“, und Berlin verwies auf die offizielle Version Franco-Spaniens: Die Basken selbst hätten Guernica angezündet.

Franco, der seine Rebellion als „Kreuzzug“ gegen die „roten Atheisten“ rechtfertigte, brauchte die Unterstützung der katholischen Kirche, und er wusste, dass dieser Angriff ihm schwer schaden könnte. Denn Guernica war nicht irgendeine Stadt, sie war das Heiligtum der erzkatholischen Basken und das Symbol ihrer Unabhängigkeit: Unter einer uralten Eiche hatten hier schon die katholischen Könige den Basken ihre Rechte garantiert.

40 Jahre lang durfte in Guernica niemand offen über die Bombardierung sprechen. „Das Schweigen während der Diktatur,“ sagt Maria Oianguren vom Friedensforschungsinstitut „Gernika Gogoratuz“, „war fast schlimmer als die Bomben, für die Opfer gab es keinerlei Anerkennung oder Entschädigung“. Auf eine Verurteilung der franquistischen Lügenversion durch die spanische Regierung wartet Guernica noch immer, Deutschland brauchte 60 Jahre, um sich zu einer Entschuldigung durchzuringen. „Ich möchte mich der Vergangenheit stellen und mich zur schuldhaften Verstrickung deutscher Flieger bekennen“, schrieb der damalige Bundespräsident Roman Herzog 1997 in einem Brief, den der deutsche Botschafter vor den Überlebenden verlas.

Heute wird in Guernica jedes Jahr an die Bombardierung erinnert, das Friedensforschungsinstitut organisiert Treffen von Überlebenden, Diskussionen, Konferenzen und Seminare zur Konfliktforschung. „Guernica,“ sagt Maria Oianguren, „ist ein Mahnmal für den Frieden.“ So wie das Gemälde, das Pablo Picasso 1937 für die Weltausstellung in Paris malte, „Guernica“, das vielleicht bedeutendste Bild des 20. Jahrhunderts, eine Anklage der Grausamkeit des Krieges.

Das Original des Bildes befindet sich heute in Madrid, eine Kopie hängt im Vorraum des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, ein mächtiges Symbol: Als im Februar 2003 Colin Powell den Sicherheitsrat von einem Irak-Krieg überzeugen wollte, wurde das Bild vorher verhängt.

In Guernica ist Picasso allgegenwärtig, sein Gemälde hängt im Rathaus und in Bars, ist auf Speisekarten gedruckt, ein großes Mosaik zeigt es mitten in der Stadt. Doch für Luis Iriondo hat Picassos Bild keine Bedeutung. Er malt selber, und auf seinen Bildern sieht man die Flammen, „das ist es, was ich sehe, wenn ich an diesen Tag denke – keine schreienden Pferde.“ sagt Luis. „Bis heute träume ich von unserem Haus, das in dieser Nacht verbrannte, dem Haus meiner Kindheit.“

Im Frühjahr 1939 hatte Franco die republikanische Regierung besiegt, und die Legion Condor nahm wichtige Erkenntnisse für den totalen Luftkrieg mit nach Hause. In Spanien „konnten nur Brände im gemischten Wurf: Sprengbomben-Brandbomben erzeugt werden“, heißt es unter anderem in einem Abschlussbericht zum Einsatz. „In einem europäischen Krieg können Städte mit Holzfachwerkbau durch die Brandbombe angesteckt werden. Die 100-250 Kg Bombe ruft große moralische Wirkung hervor und gibt keine Schutzmöglichkeit ohne besonders gebaute Luftschutzräume.“

1945 ließ Francisco Franco sich von der Stadt Guernica adoptieren, „als ehrenvolles Zeichen unserer Liebe, Dankbarkeit und Unterstützung seiner Person und allem, was er repräsentiert“, eine bronzene Ehrentafel, aufgehängt am 13. Februar. Der Zweite Weltkrieg stand schon vor dem Ende, Görings „junge Luftwaffe“ hatte Warschau, Rotterdam und Coventry in Schutt und Asche gelegt, der Bombenkrieg hatte tausende Opfer gefordert. Und in der Nacht dieses 13. Februars bombardierten die Alliierten Dresden.

„Abends liegt bestimmte Nachricht vor, dass Guernica dem Erdboden gleichgemacht ist,“ steht unter dem Datum des 28. Aprils 1937 im Tagebuch Wolfram von Richthofens. „Für morgen noch keine Pläne.“

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