Zeitung Heute : Die „Generation Platzeck“ an der Macht

Ost-Manager führen anders als West-Chefs: Sie suchen eher Konsens mit den Mitarbeitern, sagen Experten

Alexander Visser

Der Mann hat Nerven: Schon zwei Mal hatte ihm seine Firma einen Spitzenjob in der Zentrale angeboten, doch er lehnte stets ab, wollte lieber in der Provinz bleiben. Dann noch ein Traumangebot: Dieses Mal soll er eine heiß begehrte Repräsentationsaufgabe übernehmen, die mit interessanten Auslandsreisen im eigenen Jet verbunden wäre. Und wieder winkt der Mann ab – er sei mit seiner derzeitigen Position zufrieden. In vielen Unternehmen hieße das: Ende der Karriere, der Mitarbeiter zeigt nicht genug Einsatz. Aber bei Matthias Platzeck läuft es anders. Der Verzicht auf das ihm angebotene Amt des Außenministers in der großen Koalition hat dem brandenburgischen Ministerpräsidenten nicht geschadet. Seine Firma, die SPD, hat ihn jetzt sogar auf den Chefsessel gehievt.

Mit Angela Merkel wird bald eine Frau aus Ostdeutschland Bundeskanzlerin, und auch die Sozialdemokraten setzen auf einen Ossi an ihrer Spitze. Die bislang westdeutsch dominierte Bundesrepublik wird sich umgewöhnen müssen. Denn auch nach 15 Jahren Einheit unterscheidet sich der Führungsstil von Ost-Chefs und West-Bossen merklich.

„Das Beispiel Matthias Platzeck zeigt, dass viele Ostdeutsche eine ganz andere Einstellung zur Karriere haben als die meisten Westdeutschen“, sagt der Berliner Fachautor und Management-Coach Olaf Georg Klein. „Welcher Westdeutsche würde es wagen, eine Beförderung auszuschlagen?“ Platzeck habe bei den angebotenen Ministerposten stets sorgfältig abgewogen, ob er in der betreffenden Position einen angemessenen Beitrag leisten könne. Dieses Verhalten, so Klein, sei typisch für frühere DDR-Bürger: Für die sei Karriere kein Wert an sich.

Auch in ihrer Kommunikationsstrategie weichen Ostchefs oft von aus dem Westen vertrauten Mustern ab, hat die Berliner Management-Beraterin Katharina Stahlmann beobachtet. Die Westlerin berät gemeinsam mit ihrem Ost-Kollegen Michael Funke Unternehmen mit gemischter Belegschaft. „Man will die Unterschiede meist nicht wahr haben und sagt, regionale Unterschiede gebe es auch zwischen Friesland und Bayern“, sagt Stahlmann. „Aber die Unterschiede zwischen Ost und West haben in der Arbeitswelt größere Relevanz.“

Das liege an der anderen Kommunikationskultur der Menschen, die noch in der DDR aufgewachsen seien. „In Gruppen greifen unterschiedliche Entscheidungsabläufe. Vereinfacht gesagt: Im Westen wird diskutiert und abgestimmt, die Mehrheitsmeinung setzt sich durch“, sagt Stahlmann. Im Osten werde dagegen eher eine Konsensentscheidung gesucht, mit der alle leben können. Vorgesetzte aus dem Westen, die mit diesem Verhalten nicht vertraut sind, könnten damit oft nicht gut umgehen. „Sie erwarten, dass eine getroffene Entscheidung konsequent umgesetzt wird und wundern sich, wenn dies gar nicht oder nur schleppend geschieht“, sagt Stahlmann. „Ost-Chefs wissen dagegen, dass sie sich um die Zustimmung ihrer Mitarbeiter bemühen müssen.“

Mentalitätsunterschiede der Führungskräfte hat auch eine langfristig angelegte Studie der Universität Jena ermittelt, die wiederholt Spitzenmanager ost- und westdeutscher Mittelstands-Betriebe befragt hat. „Zwar gleichen sich die Einstellungen der ostdeutschen Manager denen der West-Kollegen an, es bestehen aber weiter deutliche Unterschiede“, sagt der an der Untersuchung beteiligte Jenaer Soziologe Bernd Martens. Das zeige sich zum Beispiel am unterschiedlichen Führungsverständnis: „Für Ostdeutsche leitet sich der Führungsanspruch vor allem vom überlegenen Fachwissen ab, für Westdeutsche stehen andere Eigenschaften im Vordergrund, etwa die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.“

Bei Ost-Chefs sei das Verantwortungsgefühl gegenüber den Mitarbeitern oft stärker ausgeprägt als bei West-Chefs, die Erhaltung von Arbeitsplätzen habe hohe Priorität. „Wenn Einsparungen nötig sind, setzen Manager aus dem Osten eher auf Gehaltskürzungen als auf Stellenabbau“, sagt Martens.

Anke Hoffmann ist als Berliner Bereichsleiterin der Beratungsgesellschaft Kienbaum mit Führungskräften aus West und Ost vertraut. Sie spricht von einer „Generation Platzeck“: Das sind für sie Manager und Unternehmer, die noch in der DDR groß geworden sind, häufig einen naturwissenschaftlichen Hintergrund haben und sich durch einen authentischen, kooperativen Führungsstil auszeichnen. „Darunter sind Unternehmer, zum Beispiel aus der Biotech-Branche, die ihr Geschäft außerordentlich erfolgreich führen“, sagt Hoffmann.

Verallgemeinern lasse sich dieses Bild des bescheiden-sympathischen Kumpel-Chefs aber keineswegs. „Man stößt in den neuen Bundesländern auch auf Manager mit ausgesprochen patriarchalischem Führungsstil, der einem im Westen nicht so oft begegnet“, sagt die Personalexpertin. Zudem unterscheide sich der Manager-Nachwuchs aus den östlichen Bundesländern kaum noch von den gleichaltrigen West-Kollegen: „Ein junger Manager aus Leipzig ist heute genauso gut im Netzwerke-Bilden und Taktieren wie seine Kollegin aus Hamburg.“

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