Die Geschichte : Berliner Wechseljahre

West-Berlin nach dem Krieg, das war 30 Jahre SPD. Bis Richard von Weizsäcker in die Stadt kommt. 1981 wird er Regierender Bürgermeister. Der Erfolg ebnet den Weg zum höchsten Staatsamt

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Sieg bei den Berliner Wahlen 1981: Der unterlegene SPD-Kandidat Hans-Jochen Vogel (rechts) gratuliert Richard von Weizsäcker.Foto: Ullstein/Peters

Weizsäckers zweiter Berliner Wahlkampf trägt alle Züge des Ungewöhnlichen. Der Druck zur Konfrontation ist groß, denn es geht um viel: natürlich um eine nun endgültige Weichenstellung für die Zukunft der Stadt, aber auch um die Folgen für Bonn, wo die sozial-liberale Koalition und die CDU/CSU-Opposition – nach der Bundestagswahl im Herbst 1980 – zum letzten Gefecht angetreten sind. Dagegen fehlt der personellen Konstellation jede Schärfe. Weizsäcker und Vogel schätzen sich gegenseitig, und aus dem Zweikampf entsteht, was solche Auseinandersetzungen selten hervorbringen: „eine vertrauensvolle Beziehung“, so Weizsäcker, die fortdauert und „sich bis in die Gegenwart menschlich vertiefte“. Dem Duell sind die Spitzen genommen, frei nach Weizsäckers schüttelgereimtem Bekenntnis: „Ein Wahlwettlauf auf Schimpf- und Mogelfüßen? / Den muss Berlin bei mir und Vogel missen!“

Vogel führt den Wahlkampf vor allem mit seiner Regierungsarbeit, die er mit einer zur Legende gewordenen Rigorosität praktiziert – symbolisches Zeichen dafür ist das im Nebenraum des Amtszimmers aufgestellte Feldbett, in Wahrheit ein Sofa, das für die Nacht bezogen wird. Weizsäcker wiederum kämpft mit der später durch Bundespräsident Herzog berühmt gemachten Ruck-Metapher – „Gib dir einen Ruck, Berlin“ – für eine Wechselstimmung. Mit seiner Versicherung, dass er Berlin „als seine Lebensaufgabe“ betrachte, verschafft er seiner Kandidatur einen Eckstein, der Vertrauen erweckt – er wird ihn, nur drei Jahre später, als sich ihm die Chance eröffnet, Bundespräsident zu werden, teuer zu stehen kommen.

Doch der entscheidende Wählerumschwung ergibt sich aus der Zuspitzung der inneren Probleme, die die Stadt plagen – Wohnungsmangel, Nahverkehr, Umweltfragen, Ausländerzuwanderung, Generationenkonflikt sind die aktuellen Stich- und Reizworte. Ist diese Wendung nach innen die Konsequenz des Nachlassens des Bedrohungsgefühls seit dem Viermächteabkommen 1971, mithin der Transformation der umzingelten Frontstadt zu einer vor allem mit sich selbst beschäftigten Großstadt ? Oder treten in Berlin die generellen Probleme von Städten und Staaten besonders akut in Erscheinung? Die Unregierbarkeit der Städte, wenn nicht der westlichen Industriegesellschaften überhaupt, ist ein großes Thema der politischen und intellektuellen Diskussion der siebziger Jahre. In Berlin kommt der bewegte Untergrund einer Szene hinzu, die von den Ausläufern der Studentenrevolte geprägt ist und am Köcheln gehalten wird von dem Zuzug junger Leute, die vor dem Wehrdienst und oft auch der biederen Normalität der westdeutschen Provinz flüchten – ein „politisch halbierter Zuzugsmagnetismus“, wie Richard von Weizsäcker konstatiert. Entsprechend fatal nimmt sich das Image Berlins aus, in der Bundesrepublik, aber auch in der Stadt selbst: geprägt von Filzokratie und Subventionsmentalität, einer stets krawallbereiten jugendlichen Subkultur, von Aussteigern und der Drogenszene am Bahnhof Zoo und, bestenfalls, den vielbesungenen langen Kreuzberger Nächten.

Aber kann das verwundern? Unter der Glasglocke, die Berlin übergestülpt werden musste, um die Inselstadt am Leben zu erhalten, in der Künstlichkeit, in der sie deshalb existiert, entwickeln sich die aktuellen Probleme ungebremst wie auf einem präparierten Nährboden. Da sprießen die alternativen Projekte, praktische Versuche einer neuen, unbürgerlichen Lebensform, und mit der steigenden Zahl leer stehender Häuser, die die Wohnungsbau- und Sanierungspolitik des Senats hervorbringt, wächst auch die Aggressivität dieser Bewegungen. Der Regierende Bürgermeister Stobbe hat diese Entwicklung zu steuern versucht, indem er eine „Hinwendung zur Stadtpolitik“ propagierte. Aber entweder hat er dafür nicht genug Zeit gehabt oder die Probleme wachsen schneller als die Lösungen: Die Hausbesetzungen nehmen rapide zu, werden zum Ursprung von Protestdemonstrationen und Straftaten, und auch mit der „Berliner Linie“ – die Räumungen nur zulässt, wenn eine Weiternutzung der Häuser garantiert ist – gelingt es seinem Nachfolger Vogel nicht, sie einzudämmen. Am Palmsonntag 1981 kommt es entlang dem Kurfürstendamm zu einer Gewaltorgie, 200 Schaufenster gehen zu Bruch. Die Polizei greift aus ungeklärten Gründen nicht ein. Folge einer falschen Lageeinschätzung oder der „Berliner Linie“? Das Ereignis entscheidet nach allgemeinem Urteil die Wahl.

Aber rutscht den Sozialdemokraten nicht ohnehin der Boden unter den Füßen weg? Seit den späten siebziger Jahren wandeln sich überall in der Bundesrepublik die politischen Einstellungen und Ansichten. Die Aufbruchsstimmung der Brandt-Ära ist längst dahin, ihr häufig weltverbesserlicher Überdruck produziert im Gegenteil nur Unwillen und Abwehr. Vor allem in den bürgerlichen Schichten erwächst daraus die vage, aber emotionsgeladene Entschlossenheit, Halt und Orientierung einzufordern. Peter Glotz, der als Wissenschaftssenator unter Dietrich Stobbe und intellektuelles Spürorgan die Berliner Zustände erlebt, bezeichnet diesen Vorgang als Verlust der „kulturellen Hegemonie“ der Linken. In Wahrheit ist es ein Sich-zur-Wehr-Setzen gegen das Gefühl, dass die Verhältnisse aus dem Ruder laufen. Ein Pendel schlägt zurück, angestoßen vom Überdruss an Theorie, Gesellschaftsreform und Protest. In Berlin verbindet sich diese Stimmung mit dem Unbehagen an der langen Dominanz der Sozialdemokraten, die seit 1948 mit einer nur zweijährigen Unterbrechung regiert haben; nun werden sie für den desolaten Zustand der Stadt verantwortlich gemacht.

In dieser Szenerie wirkt Richard von Weizsäcker wie der reitende Bote im Märchen, der die erlösende Nachricht überbringt. Er verkörpert die Rückkehr zu Maß und Vernunft, er ist die Galionsfigur einer konservativ-liberalen Wende. Weshalb sich der Tagesspiegel, das Organ des Berliner Bildungsbürgertums, am Wahltag zu einem in Deutschland ungewöhnlichen, ja, verpönten Schritt durchringt. Im Leitartikel unter dem Titel „Der Wechsel ist normal“ praktiziert er das gänzlich Unnormale: das Aussprechen einer Wahlempfehlung. Er plädiert für Weizsäcker – den Namen spart er zwar vornehm aus, aber die Botschaft ist deutlich genug. Und es fällt nicht ins Gewicht, dass die große Wende – damals eine geistig-moralische – 1982 von Helmut Kohl ausgerufen wurde, ohne dass ihr ein durchschlagender Erfolg beschieden gewesen war. Nun sieht es so aus, als sei Weizsäcker ihr eigentlicher Protagonist – und vielleicht trifft das ja auch zu.

Die CDU erreicht bisher nicht vorstellbare 48 Prozent, im SPD-geprägten Berlin ein Triumph. Doch wieder nicht genug für eine Regierungsmehrheit: Weizsäcker und der CDU fehlen zwei Stimmen zur absoluten Mehrheit, weshalb er zunächst mit einem Minderheitssenat antritt, geduldet von der FDP – erst 1982 ringt sie sich dazu durch, dem Senat beizutreten. 1981 wird in gut sechs Monaten zu einem Drei-Bürgermeister-Jahr – zumindest in der einstigen Reichshauptstadt winkt in der Ferne das Drei-Kaiser-Jahr 1888 –, nicht gerade eine Verheißung stabiler Verhältnisse. Und selbst bei der Senatswahl wird dem Hoffnungsträger gezeigt, wie unsicher das politische Terrain in Berlin ist: Im ersten Wahlgang fällt der aus Rheinland-Pfalz stammende Wirtschaftssenator-Kandidat Elmar Pieroth durch. Weizsäcker lässt sich nicht beirren, stellt ihn sogleich wieder auf und gewinnt: Im zweiten Wahlgang wird er gewählt.

Es macht Weizsäckers Leistung aus, dass er sich auf so schwankendem Boden nicht nur behaupten kann, sondern imstande ist, in Berlin einen neuen Grund zu legen. Schon die obligaten Bilanzen nach dem ersten Amtsjahr zeichnen das Bild einer veränderten Stadt. Freilich fehlt fast nie der Zusatz – teils Ausdruck einer verwunderten Ratlosigkeit, teils hämisches Nachtreten –, dass der Senat „in entscheidenden politischen Fragen (…) bisher wenig bewegt“ habe („Süddeutsche Zeitung“), dass „noch gar nicht viel passiert“ sei („Die Zeit“). Zeigt sich hier schon das Phänomen, dass der „Widerspruch zwischen Sein und Schein“ – nach Ansicht von Karl Heinz Gehm für West-Berlin notorisch – „nie positiver verzerrt worden ist als zu Zeiten Weizsäckers“? Oder belegt es, dass es Situationen gibt, in denen die Wirkung einer Person entscheidet und ihre Fähigkeit zum klugen Umgang mit den Verhältnissen stärker wirkt als die Fakten?

Tatsächlich zeigen gerade die Anfänge von Weizsäckers Regierungszeit, dass seine Berliner Jahre – wie sein Redenschreiber Friedbert Pflüger berichtet – „alles andere als eine ,Ich kam, sah und siegte’-Zeit“ sind. Vielmehr seien die ersten Monate durch „harte Arbeit, zahlreiche politische Gratwanderungen, viele Improvisationen und katastrophale äußere Bedingungen geprägt“ gewesen. Schon zwei Monate nach Amtsantritt droht dem frisch gebackenen Regierenden Bürgermeister ein besonders schweres Exempel der wegen ihrer unkalkulierbaren Gewaltausbrüche gefürchteten Berliner Protestdemonstrationen. Aus Anlass des Besuches von US-Außenminister Alexander Haig macht die Friedensbewegung mobil, werden aus dem Umfeld der RAF Gewaltanschläge angekündigt – und zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit sind 7000 Polizisten aufgeboten. Er wisse nicht, „ob er den nächsten Tag als Bürgermeister noch überstehen werde“, hört Pflüger ihn sagen, das Gesicht „blass und eingefallen, die Lippen schmal und hart“. Doch Krawall und Schaden halten sich in Grenzen. Dafür kommt es nur wenige Tage später in der Hausbesetzerszene zum Eklat: Bei den Krawallen, mit denen die Szene auf die Räumung von acht Häusern reagiert, kommt ein junger Mann, Klaus Jürgen Rattay, zu Tode. Der Neuberliner Demonstrant aus der westdeutschen Provinz avanciert zum Märtyrer; Innensenator Lummer, der sich törichterweise in Feldherrenpose in einer geräumten Wohnung zeigt, einmal mehr zum Buhmann – die Folge sind tagelange Proteste und Ausschreitungen.

Ein solches Ereignis ist nach aller Erfahrung ein Test, an dem sich die Belastbarkeit von Überzeugungen und Positionen erweist. In Berlin halten sie nicht. Weizsäcker und sein Senat sehen sich plötzlich einer Front von Kritikern gegenüber, die ihnen übermäßige Härte vorwerfen, obwohl sie doch der „Berliner Linie“ folgen – Vogel und die SPD, die FDP, selbst der vom Bürgermeister sehr geschätzte evangelische Landesbischof, der den Hausbesetzern und ihren Sympathisanten die Suche nach einer Existenzform attestiert, die „dem biblischen Zeugnis näher stehen könnte als das normale egoistische Lebenskonzept der Wohlstandsgesellschaft“. Und doch beginnt sich in dieser Situation die Lösung des Hausbesetzerproblems abzuzeichnen.

Denn Weizsäcker entscheidet sich, mit Härte und Entgegenkommen zugleich zu reagieren. Er verteidigt die Räumung, lädt aber zugleich alle gesellschaftlichen Kräfte zum Gespräch an einen runden Tisch ein. Und alle kommen, alle tragen dazu bei, die „explosive Situation“, so Weizsäcker, „in eine Atmosphäre der Mäßigung überzuleiten“. Mit der von ihm ausgegebenen Devise „Besonnenheit und Konsequenz“, mit Angeboten von Mietverträgen und dem raschen Vollzug von beschlossenen Räumungen gelingt es, das Problem der Hausbesetzungen zu entschärfen. Stolz kann Weizsäcker am Ende seiner Amtszeit Bilanz ziehen: Von den 169 okkupierten Häusern, die er nach seiner Wahl vorgefunden hat, ist nur noch ein Zehntel besetzt.

Woher rührt Weizsäckers Erfolg? Liegt es daran, dass der Entspannungspolitiker auch in der Stadt auf Entspannung setzt und sie schließlich auch erreicht? Es trifft ja zu, dass er in die seit Jahr und Tag von politischen Grabenkämpfen geplagte Stadt Ruhe bringt. Freilich ist es nicht die Ruhe der eisernen Faust, sondern des so bedachten wie bestimmten Konsenses. „Ohne Not fährt dieser Senat keine scharfen Kurven“, notiert der Tagesspiegel, und den Aufregungen, von denen es noch immer übergenug gibt, begegne Weizsäcker „gelassen mit dem Appell zu Vernunft und Gemeinschaftsfrieden“. Er findet einen Weg, wie man einer Stadt gerecht werden kann, die hin- und hergerissen ist von den Problemen einer belagerten Metropole und die sich zugleich danach sehnt, ein neues positives Gefühl ihrer selbst zu entwickeln.

Weizsäckers Geheimnis sei, so der „Rheinische Merkur“, sein „Einfühlungsvermögen in die Psyche der Stadt“. Indem er Berlin aus dem lokalen Kleinkrieg herausnavigiert, wirkt er auf die „harte, aggressive, wenig verwöhnte Berliner Bevölkerung“ – so die „Zeit“ – „wie ein warmer Regen nach langer Dürre“. Auch die Opposition kann nicht umhin, Weizsäcker zumindest „gewisse Erfolge im Atmosphärischen“ (Vogel) zu konzedieren.

Aber weil im Falle Berlins das Ruhigstellen eines gereizten Stadtkörpers nicht ausreicht, sondern ein Gesundungsprozess vonnöten ist, funktioniert diese Strategie nicht ohne politische Vorgaben. Nicht mehr das Leitbild einer „ganz normalen Stadt“, wie es der Stobbe-Senat entworfen hat, soll den Weg weisen, sondern – so formuliert Weizsäcker schon in seiner Regierungserklärung – das Bewusstsein der besonderen „Gefahren und Chancen Berlins in der Zukunft zwischen Ost und West“.

Daraus folgt zunächst nicht viel, was sich von der Politik der Vorgänger unterscheidet, zumindest nichts Spektakuläres – das Treffen mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, das eine Art Durchbruch bedeutet, findet erst gegen Ende der Amtszeit Weizsäckers statt. Aber alle spüren, dass er der Stadt ein neues Selbstwertgefühl vermittelt und sie in der Wahrnehmung der Deutschen neu platziert. „Seit es ihn gibt“, befindet die „Zeit“, „hat die Stadt plötzlich wieder eine Stimme, die national und international gehört wird.“ Und ein Abgeordneter erinnert sich daran, dass Berlin mit Weizsäcker den „Abstellraum der Politik“ verlassen habe, „um auf die Bühne, zumindest die nationale, zurückzukehren“.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Richard von Weizsäcker. Eine Biographie" von Hermann Rudolph. Es erscheint am 20. Februar im Verlag Rowohlt Berlin (19,95 Euro, 288 Seiten).

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