DIE GESCHICHTE : Der Japan-Rausch

Im Januar 1990 platzte die Seifenblase. Es war das Ende eines sagenhaften Aufstiegs, mit dem Japans Wirtschaft den Westen das Fürchten gelehrt hatte. Eine Rolle, die heute China besetzt

Björn Rosen

Ein asiatisches Land auf dem Weg nach oben: Die Wirtschaft wächst kräftig, die Deutschen sind schon überholt, bald wird man wohl auch die USA hinter sich lassen. Für viele Westler aber ist der aufstrebende Staat „ein Albtraum oder eine schreckliche Gefahr“ – so beschreibt es der örtliche „Spiegel“-Korrespondent und fragt nach dem Besuch einer Fabrik, in der die Arbeiter gelbe Kleidung tragen, zweideutig, ob die ganze Welt bald von „den gelben Horden“ erobert werde.

China!, würde heute jeder denken. Aber die Rede ist von Japan. Wir befinden uns im Jahr 1985, der Korrespondent heißt Tiziano Terzani und Japans kontinuierlicher Aufstieg, der mit Unterstützung der US-Besatzer nach dem Zweiten Weltkrieg begann, steuert gerade auf seinen Höhepunkt zu. Es ist eine Phase nie dagewesenen Reichtums – manche sagen: der Dekadenz –, die später als „Bubble Economy“ bekannt werden wird, als Seifenblasen-Wirtschaft. Die bisher so sparsamen Japaner fliegen nach Übersee, um Gucci-Handtaschen zu kaufen, Geschäftsmänner verprassen an einem Abend tausende Dollar in Tokios Restaurants und Nachtclubs, Studenten mieten Zimmer in Nobelhotels, nur um eine Party zu feiern, und japanische Firmen übernehmen amerikanische Institutionen: Sony etwa die Filmfirma Columbia Pictures, Mitsubishi das Rockefeller Center in New York.

Gleichzeitig verwandelt sich die Angst vor dem eigenen Abstieg bei manchen im Westen in Hysterie. 1989 spricht der „Spiegel“ von der drohenden „Deindustrialisierung“ Deutschlands: „Immer mehr Schlüsseltechnologien wandern nach Japan ab, immer weniger Produktionsstätten und Arbeitsplätze bleiben im Lande.“ Und in den USA machen Geschichten die Runde, von Japanern, die mit gebündelten Hundertdollarnoten in der Tasche Grundstücke auf Hawaii erwerben. „Sie konnten Pearl Harbor nicht mit Bomben erobern. Also erobern sie es wirtschaftlich“, wird eine US-Politikerin aus Honolulu zitiert.

„Ja, es war eine verrückte Zeit“, sagt Shusuke Matsuo, nickt energisch und schweigt dann. Es wirkt wehmütig, und ein bisschen ungläubig: Hat es diese Jahre, in denen auch die Japaner selbst davon überzeugt waren, bald die Nummer eins zu sein, wirklich gegeben? „Damals glaubten alle an eine strahlende Zukunft“, sagt er, „heute haben wir eher das Gefühl, das Erreichte verteidigen zu müssen.“ Dabei hat ihn persönlich der Erfolg nie verlassen. Er ist jetzt 60, im vergangenen Sommer wollte er eigentlich in Rente gehen, das Leben genießen, mit der Familie auf thailändische Inseln fliegen. Doch dann kam das Angebot, nochmal für drei, vier Jahre im Management einer kleineren Firma zu arbeiten. „In großen Unternehmen, wie denen, für die ich davor gearbeitet habe, ist man ja bloß ein Rad im Getriebe, hier kann ich was bewirken.“

Ein Mittwochabend im Dezember 2009, ein Bürohochhaus in Tokios Zentrum, der Sitz von Matsuos neuer Firma: Im zehnten Stock nimmt er auf einem breiten Sofa Platz, durch die Fensterfront dahinter ist die scheinbar endlose, abendlich erleuchtete Stadt zu sehen. Matsuo wirkt nicht wie ein angehender Rentner, scheint auch am Ende des Arbeitstages voller Energie. Er trägt einen dunklen Anzug und auf seinem hellen Schlips kann man kleine Glücksschweine erkennen. Er macht immer noch, was er praktisch sein ganzes Leben getan hat: Er handelt mit Plastik und Plastikteilen – Schilder, Verpackungen, Bauteile für elektrische Geräte. Ein Geschäft, das wenig aufregend klingt, ihn aber in alle Welt führte. Mindestens einmal im Monat reiste er früher in die USA, nach Westeuropa oder Russland; in Düsseldorf verbrachte er mehrere Jahre.

Matsuo hat eine typische Karriere hinter sich, die den Aufstieg seines Landes gut widerspiegelt. Als er die Uni 1971 abschloss, war es kein Problem, einen Job zu finden, denn „jeder Bereich der Wirtschaft expandierte“. Schließlich heuerte er bei Marubeni an, einem der fünf größten japanischen Handelshäuser mit zehntausenden Beschäftigten. Langsam, aber stetig kletterte er auf der Karriereleiter, wurde irgendwann der Verantwortliche für Marubenis Plastikgeschäft.

Noch 1955 machten Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft 25 Prozent des japanischen Bruttosozialprodukts aus. Doch die Wirtschaft des Landes wandelt sich in atemberaubendem Tempo – von technisch einfachen zu hochentwickelten Produkten, von Textilien und Schiffbau zu Radiorekordern, Taschenrechnern und Kameras. Überkommene Wirtschaftszweige werden nicht subventioniert, Firmengewinne aggressiv genutzt, um weiter zu expandieren und in technische Neuerungen zu investieren. Den Unternehmen kommt zugute, dass die meisten Mitarbeiter hervorragend ausgebildet sind, ihre Löhne aber unter denen von Deutschen oder Amerikanern liegen. Zudem ist die Sparquote in Japan hoch, die Banken verfügen also über viel Geld, das sie der Industrie in Form von Krediten zur Verfügung stellen können.

„Zu Beginn meiner Karriere galt ,Made in Japan‘ als Ausweis für Billigware, die Kunden haben mich abfällig behandelt, ich musste Klinken putzen gehen“, erzählt Matsuo. „Später hingegen wurde ich empfangen, manchmal hatte sogar einer begonnen, Japanisch zu lernen.“ Matsuo arbeitet viel in diesen Jahren, „auch am Samstag waren wir im Büro“.

Anfang der 80er Jahre löst der japanische Aufstieg im Westen schließlich den ersten Schock aus. Denn die Japaner, deren Modelle eben noch verlacht wurden, verkaufen immer mehr und immer bessere Autos – und dringen damit in eine emotionsbeladene Branche vor. „Es geht ums Überleben der europäischen Autoindustrie“, behauptet der Chef von Ford Europa damals. In den folgenden Jahren erscheinen hunderte Bücher, die den Erfolg erklären und für den Westen nutzbar machen sollen, doch ihren Autoren fällt häufig nicht viel mehr ein, als auf die lange Arbeitszeit der Japaner und das angeblich besonders harmonische Klima in den Betrieben zu verweisen. Der damalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff weiß die Stimmung zu nutzen und gibt, wie einige Arbeitgeber auch, die Devise aus, die Deutschen müssten nun mehr arbeiten und weniger krankfeiern.

Für Empörung im Westen sorgt, dass es die Regierung in Tokio versteht, den eigenen Markt weitgehend für ausländische Produkte und Investitionen abzuschotten – während Japans Firmen in alle Welt exportieren. Um das Ungleichgewicht abzuschwächen, beschließen die G-5 (USA, Großbritannien, Frankreich, Westdeutschland, Japan) 1985 auf amerikanischen Druck das Plaza-Abkommen: Der US-Dollar wird gegenüber dem Yen abgewertet. Das macht Toyota-Autos oder Hitachi-Videorekorder teurer, amerikanische Waren hingegen billiger. So soll der US-Export angekurbelt werden.

In Japan will man nun einen Rückgang des Wachstums verhindern, lockert deshalb die Kontrolle über die Finanzmärkte, senkt die Zinsen. Das bringt den Unternehmen billiges Kapital für Investitionen – und es heizt die Spekulation auf Pump an. Die Aktienkurse steigen. „Vieles ähnelt dem Entstehen der jetzigen Wirtschaftskrise“, erklärt Noriyuki Yanagawa, Wirtschaftswissenschaftler an der Uni Tokio. Investiert wird vor allem in Immobilien – mit einem Grundstück als Sicherheit kann man Yen leihen, die man wieder in Immobilien investiert, mit denen man noch mehr Yen leiht. Da die Grundstückspreise schnell steigen, kann ein Stück Land, das man gestern billig erworben hat, ein Vermögen bedeuten, wenn man es morgen wieder verkauft. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung ist der Boden in der japanischen Hauptstadt so viel wert wie der der gesamten USA. Die Korruption grassiert, viele Leute schwimmen im Geld. Dank des günstigen Umrechnungskurses können sie im großen Stil im Ausland einkaufen: Wertpapiere, Grundstücke, Kunst.

In der Zentrale von Shusuke Matsuos Firma, einem Hochhaus unweit des Tokioter Kaiserpalasts, werden damals Gemälde von Botticelli und anderen italienischen Malern in den Fluren aufgehängt. Marubeni hat sie gekauft – und die Mitarbeiter freut es: „Für uns war es ein Zeichen, dass es der Firma gut geht“, sagt Matsuo. In den Läden wird zwar vieles teurer, aber auch die Gehälter steigen. Matsuos Freunde kennen nur noch ein Thema: Welche Grundstücke, welche Aktien sollte man kaufen? Der Immobilienteil der Zeitungen ist dick, im Fernsehen werden regelmäßig die neuesten Preisrekorde bekannt gegeben. Er selbst, behauptet Matsuo, sei zu beschäftigt gewesen, um groß zu investieren, aber er habe lange über ein leeres Grundstück in seiner Heimatstadt Machida, westlich von Tokio, nachgedacht: 200 Quadratmeter für über drei Millionen Dollar.

Wenn er die Atmosphäre in diesen Jahren beschreiben soll, fallen Matsuo die Autos ein. Zuerst die teuren Ferrari und BMW in den Ausgehbezirken Tokios und dann die vollen Taxis in der Nacht. „Man brauchte nicht mit der Bahn nach Hause zu fahren“, sagt er lachend.

Kaum jemand erkennt die Entwicklung als Bubble. Das gilt erst recht, als der Börsenkrach von 1987 relativ spurlos an Japan vorübergeht. „Die Leute dachten, die Immobilienpreise seien so hoch, weil Raum in Tokio eben knapp ist und es den Unternehmen und den Einzelnen so gut geht“, sagt Ökonom Yanagawa. Viele sehen den Goldrausch als Lohn für die harte Arbeit der vergangenen Jahrzehnte.

Im Westen weicht berechtigte Kritik, etwa an japanischen Handelspraktiken, spätestens jetzt schrillen Tönen. Man muss nur Tiziano Terzanis Reportagen von damals lesen („In Asien“, Riemann Verlag), sie sind ein erstaunliches Dokument der Missgunst. Auffällig selten erscheinen die Japaner darin als Individuen. Stattdessen kommen sie nur als bedrohliche Masse daher, als Heer willenloser, gleichgeschalteter Arbeitssklaven einer großen Fabrik. „Das Fließband“ des japanischen Schulsystems, schreibt Terzani etwa, „spuckt jedes Jahr 28 Millionen Mädchen und Jungen aus“. Und ein halbwegs beliebtes Spiel am Flipperautomaten gilt ihm als Beweis dafür, dass sich „der Japaner mit einer Maschine wohler fühlt als mit einem anderen Menschen“.

Manche sprechen gar von einer „Verschwörung“, hinter der das mächtige Ministry of International Trade and Industry (MITI) stehe. Es koordiniere generalstabsmäßig die „Angriffe“, ja den „Krieg“ gegen die Volkswirtschaften anderer Länder. Die Japaner, heißt es, würden fortführen, was ihnen im Zweiten Weltkrieg nicht gelang: die Eroberung der Welt.

Und tatsächlich fühlen sich die Nationalisten durch den Erfolg ihres Landes bestätigt, wie etwa das 1989 erschienene Buch „The Japan That Can Say No“ zeigt. Es ist eine Sammlung von Essays des heutigen Tokioter Gouverneurs Shintaro Ishihara, dem Enfant terrible der japanischen Politik, und des früheren Sony-Chefs Akio Morita. Beide machen deutlich, dass sie Japan und seine Kultur für überlegen halten. Beide plädieren für mehr nationales Selbstbewusstsein, insbesondere im Umgang mit den USA.

Allein: Was die Landesverteidigung angeht, ist Japan damals wie heute vollkommen abhängig von den Amerikanern – und außerdem, im Gegensatz etwa zu China, eine stabile Demokratie. Die große Aufregung über den (wirtschaftlichen) Angriff der Japaner hatte insofern nur wenig mit der Realität zu tun. Den Grund für die Furcht kann man wohl eher in der Legende von der „Gelben Gefahr“ finden – ein Kampfbegriff aus der Kolonialzeit, mit dem Ressentiments gegen asiatische Völker geschürt wurden.

Als die 80er Jahre zu Ende gehen, ist dann auch Schluss mit Japans Höhenflug. Noch am 30. Dezember 1989 titelt der Tagesspiegel: „Tokios Börse zum Jahresende mit Rekordkursniveau.“ Wenige Tage später beginnt der Absturz. „Die Regierung wollte den Finanzmarkt wieder strenger regulieren, die Zinsen wurden erhöht. Der Markt reagierte darauf panisch“, sagt Ökonom Yanagawa. Schon im Januar 1990 bricht der japanische Aktienindex ein, in den Monaten darauf folgt ein Kurssturz auf den nächsten. 1989 hatte der Nikkei bei fast 39 000 Punkten notiert, heute, 2010, steht er unter 11 000. Viele Glücksritter bleiben auf hohen Schulden sitzen. „Ein Kollege von mir hat damals bei Aktiengeschäften 300 000 Dollar verloren, er zahlt die immer noch ab“, sagt Matsuo. „Auch mit seiner Frau bekam er ein bisschen Ärger“, ergänzt er grinsend.

Japan verfällt in eine Jahre währende Stagnation: Die Banken ächzen unter den faulen Krediten der „Bubble“, die Wirtschaft gerät in die Krise. „Ich weiß noch, wie wir mal in ein früher gut besuchtes Restaurant gegangen sind. Mein älterer Sohn, da war er vielleicht elf, fragte mich: Wo sind denn die ganzen Leute hin?“

Japan blieb zwar die wirtschaftlich zweitstärkste Nation der Welt, aber die Furcht vor dem Land verschwand praktisch über Nacht. Heute, nur 20 Jahre später, ist sie fast vergessen. Sicher liegt das auch daran, dass die Rolle der asiatischen Gefahr mittlerweile China besetzt.

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