Die Geschichte : Der Prinz von Theben

Sie regiert ihr eigenes Kaiserreich in einem Café am Kurfürstendamm. Else Lasker-Schüler liebt öffentlich, denn sie ist Dichterin. Die Geburtsstunde des Expressionismus 1911 in Berlin

Kerstin Decker
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Else Lasker-SchülerFoto: bpk

Sie hat große dunkle Augen und einen schmalen Mund. Viele finden ihre Augen schön, den Mund eher nicht.

Sie ist noch immer knabenhaft schlank. Vor ein paar Monaten ist Else Lasker-Schüler 42 Jahre alt geworden, aber niemand hat ihr zum 42. gratuliert. Das liegt daran, dass niemand von dieser Zahl weiß. Sie glaubt, es sei besser so. Auch schreibt man Liebesbriefe aus Cafés besser mit Anfang, Mitte 30. Es ist Ende August 1911 im Café des Westens, Berlin, Ecke Kurfürstendamm.

Alle Welt hält sie für Anfang, Mitte 30. Und manchmal denkt sie wie alle Welt. Wenn sie 57 ist, wird alle Welt ihr zum 57. gratulieren, dem Geburtstagskind ist das unangenehm. Und wenn sie 67 wird …

Drei Briefe sind verabredet, drei Briefe direkt aus dem Café. Drei Liebesbriefe, wie sie die Welt noch nicht gelesen hat! Und die Welt soll sie lesen. Im „Sturm“, dem neuen Zentralorgan der Berliner Moderne. Letztlich werden sie überhaupt nur zum Mitlesen geschrieben, und sie wäre die Letzte, das zu leugnen.

Eine Frau schreibt ihrem Mann, der verreist ist – nichts ist natürlicher. Eine Frau schreibt ihrem Mann, der verreist ist, als Lektüre für alle? Nichts ist unnatürlicher. Aber sie ist eine öffentliche Frau. Sie ist eine Dichterin. Und ihr Mann – ihr zweiter Mann – ist ein öffentlicher Mann, nämlich der Chefredakteur des „Sturm“. Warum sollte ihre Liebe da nicht öffentlich sein? Der Dichter wird nicht zuletzt dadurch definiert, dass er öffentlich liebt.

Else Lasker-Schülers Mann Herwarth Walden ist nach Norwegen gefahren, begleitet von seinem Rechtsanwalt. Walden hat die Reise nötig, denn es ist anstrengend, eine Avantgardezeitschrift herauszugeben. Wenige wissen das besser als seine Frau und sein Rechtsanwalt Curt Neimann. Der muss die Prozesse führen, in die sein weitgehend mittelloser Mandant immer wieder verwickelt wird.

Walden kann im September zum dritten Mal nacheinander die Miete der ehelichen Wohnung nicht zahlen. Dreimal nicht zahlen können ist sehr gefährlich, denn dann verliert man nicht nur seine alte Wohnung, sondern findet auch keine neue mehr. Weil man auf die schwarze Liste kommt.

Norwegen ist ein guter Ort, die schwarze Liste zu vergessen. Die Reise bezahlt der Rechtsanwalt. Die Daheimgebliebene nennt ihn nur das „Kurtchen“. Ihr Mann und das Kurtchen waren einmal Schulfreunde, jetzt ist das Kurtchen der Schatten ihres Mannes. Auch darum spricht sie im Brief gleich beide an: „Lieber Herwarth! Liebes Kurtchen!“ Das Kurtchen und ihr Mann sind fast zehn Jahre jünger als sie.

Der Liebesbrief ist nicht nur deshalb ungewöhnlich, weil ihn schon am 2. September 1911 alle im „Sturm“ lesen können, sondern auch, weil die im Café zurückgelassene Ehefrau darin ihrem Ehemann nicht von ihrer Liebe zu ihm berichtet, sondern darüber, in wen sie sich – in seiner Abwesenheit – gerade verliebt hat: „Ich habe nämlich noch nie so geliebt wie diesmal. Wenn es Euch interessiert ...“

Es interessiert die Leser des „Sturm“ sehr. Zwei Männer, die der Autorin gut gefallen, sind Gäste des Cafés, sie erhalten die Decknamen „der Slawe“ und „Bischof“. Der Dritte ist ein lebendiges Schaustück in Berlins soeben wiedereröffnetem Vergnügungspark am anderen Ende des Kurfürstendamms. Drei sind ungefährlicher als einer, mag Walden denken.

Im Sommer 1911 lasen alle im unlängst begründeten „Sturm“:

„LEISE SAGEN

Du nahmst dir alle Sterne

Über meinem Herzen.

Meine Gedanken kräuseln sich,

Ich muss tanzen.

Immer tust du das, was mich aufschauen lässt,

Mein Leben zu müden.

Ich kann den Abend nicht mehr

Über die Hecken tragen.

Im Spiegel der Bäche

Finde ich mein Bild nicht mehr …“

Das ist angewandte Ozeanografie. Welcher Mann, der das liest, und sei es der eigene, dürfte glauben, dieses „Du“ sei er? Höchstens ein Partikel darin könnte er, Herwarth Walden, sein. Er ist Künstler und Bewunderer genug, das zu wissen.

Kurz darauf hatte die Essener „Rheinisch-Westfälische Zeitung“ das Gedicht nachgedruckt. Sie schrieb auch etwas darunter: „Vollständige Gehirnerweichung, hören wir den Leser – leise sagen.“ Eine Hamburger Zeitung druckte nun das Gedicht und dazu die Nachbemerkung der „Rheinisch-Westfälischen“.

Klage!, riet Walden seiner Frau.

Niemand versteht Else Lasker-Schüler besser als ihr Mann. Und niemand verteidigt sie besser. Natürlich öffentlich, im „Sturm“: „Ich habe nichts dagegen, dass die Herren Kunst komisch finden. … Kranke Laien halten sich oft für gesund. Sie sollen aber nicht exzentrisch werden wollen … Sie sollen im Lande bleiben und sich redlich mit Vermischtem nähren … Kunst muss vor Prostitution geschützt werden. Denn Kunst fordert Liebe.“

Und wenn seine Frau liebt, weiß Herwarth Walden, ist das Kunst. Jetzt, in ihren Briefen an ihn, liebt sie vor allem in Prosa: „Ich schrieb ihm: ,Süßer Slawe, würdest Du in Paris im Louvre gehangen haben, hätte ich Dich statt der Mona Lisa gestohlen. … Ich möchte am liebsten zu Dir kommen, wenn Du schläfst, damit Deine Wimper nicht zuckt im Rahmen. ... Du warst so schön, man müsste Dich zweimal stehlen, einmal der Welt und einmal Dir selbst.’“ Was für ein verbaler Hochseiltanz, immer in der Schwebe zwischen übermütigem Spiel und Ernst.

Die „Briefe nach Norwegen“ entstehen. Es werden mehr als nur drei. Man wird sie einmal mit Goethes „Werther“ vergleichen. Wenn der letzte geschrieben ist, ist im Leben der Else Lasker-Schüler nichts mehr, wie es war.

Das, was man einmal unter dem Namen „Expressionismus“ kennen wird, entsteht jetzt, 1911. Plötzlich, binnen nur eines Jahres, treten sie alle ins Scheinwerferlicht.

Die Geburt der Moderne am Kurfürstendamm!

Im Neopathetischen Cabaret lesen Jakob van Hoddis und Georg Heym, Letzterer wird schon im kommenden Winter beim Schlittschuhlaufen auf der Havel im Eis einbrechen und ertrinken. Der junge Gottfried Benn seziert inzwischen in einem Moabiter Krankenhaus Leichen und schockiert, als es wieder Frühling wird, die literarische Welt mit seinem allerdünnsten Gedichtband „Morgue“. Und alle lesen sie zwischendurch die „Briefe nach Norwegen“ und schauen nach, ob auch sie darin vorkommen.

Hier ist ein ganzes Planetensystem wiederzuentdecken. Welch seltsame Umlaufbahnen und eigenartigen Gravitationskräfte! Die hauptsächliche neue Gravitationskraft hat Nietzsche festgelegt: Selbstanziehung! Folge dir nach!

Und sie, Else Lasker-Schüler, ist das Zentralgestirn. Selbstleuchtend, viele und vieles überstrahlend. Umso seltsamer, welche Scheu die Germanisten fast bis heute vor ihr wahrten. Zu bunt, zu unordentlich, zu unseriös dieses Leben, diese Frau? Sie war keine Muse, sie war die Muselmanin der Moderne.

Eine jüdische Muselmanin aus dem Wuppertal, die sich Jussuf nennt. „Jussuf, Prinz von Theben“, oder einfach nur Prinz. Wer vor dem Tisch im Café des Westens stehen bleibt, um sie zu begrüßen, vielleicht etwas verlegen, vielleicht etwas zu lang, riskiert, mit einem „Achtung, Sie treten ja meinem Neger Achmed auf die Zehen!“ empfangen zu werden. Sie mag es, wenn die Gäste sich umdrehen und auf die leere Stelle hinter sich schauen. Theben ist ihr Gegenkaiserreich, wer in einem real existierenden Kaiserreich lebt, dessen Kunst- und viele seiner sonstigen Anschauungen er nicht teilt, hat das Recht auf eine Gegenregierung.

Aber wahrscheinlich herrschte sie schon als Kind über Theben, war sie damals schon Jussuf, denn der ist kein anderer als der biblische Josef, Jakobs jüngster Sohn, der von seinen Brüdern in die Grube geworfen und schließlich nach Ägypten verkauft wurde. Das bin ja ich!, mag sie festgestellt haben nach Art aller Menschen, die kein Talent besitzen, klein von sich zu denken. Und war nicht auch Josef ein Nachkömmling gewesen wie sie, dem die Eltern – in ihrem Fall ein Elberfelder jüdischer Bankier und seine Frau Jeanette – schon darum mit besonderer Zärtlichkeit anhingen?

Die Protestanten besaßen in Wuppertal, der ersten deutschen Hauptstadt des Kapitalismus, die absolute Mehrheit, weshalb es schon am katholischen St. Laurentiustag regelmäßig Streit gab. Die christliche Versöhnung gestaltete sich denkbar einfach: „… immer mussten es die Juden am Ende ausfressen, da sie, die kleinste Gemeinde zwischen den Christen, sehr inzüchtig lebten. Nur mein Papa hat nömmes wat gemerkt, ewwer wenn et tum Krawall twischen den Religionen kam, hat er eenfach mitgehauen. Auf mich hatten die Kinder der Mucker einen besonderen Pik, weil ich ein rotes Kleidchen trug. Auch machte ich immer die Augen so weit auf.“ – Das Kurzporträt Jussufs als Kind. Sie war wie er eine große Träumerin und träumte wie er vor allem von sich selbst. Andere verlernen das Träumen und Weltenerfinden, wenn sie erwachsen werden. Sie nicht.

Sie ist eine Weltenschöpferin, eine Eigenweltenbewohnerin, auch – darin liegen ihr Glück und ihre Tragik zugleich – eine Eigenweltinhaftierte. Wenn sie die Wände ihres Ichs fühlt, fällt sie in namenlose Traurigkeit. Das geschieht oft. Aber jetzt, Anfang September 1911, spürt sie wohl keine Enge – ihr Ich ist so weit wie die Welt.

Bereits zu Beginn dieses Jahres hatte der oberste Kunst- und Sprachaufseher Karl Kraus sie zur „stärksten und unwegsamsten lyrischen Erscheinung des modernen Deutschland“ ernannt und bekannt, für eines ihrer Gedichte den ganzen Heine herzugeben. Da nützt die einsame Aufklärungsarbeit eines Franz Kafka gar nichts mehr, der bald einen Prager Schutzmann, der Else Lasker-Schüler wegen nächtlicher Ruhestörung rundweg vom Altstädter Ring verhaften möchte, über deren wahre Identität belehren will: „Das ist nicht der Prinz von Theben, das ist nur eine Kuh vom Kurfürstendamm!“

Wer in ihre Welt eintritt, bekommt einen neuen Namen. Das macht es schon für die Zeitgenossen reizvoll und schwierig, die „Briefe nach Norwegen“ zu lesen: Wer verbirgt sich hinter welchem Namen? Wenn einer aber seinen alten behalten darf, ist das ein schlimmes Zeichen. Dann wurde ihm der Zutritt zu ihrer Welt entweder nie gestattet oder verweigert.

Herwarth Walden heißt natürlich nicht Herwarth Walden. Den Namen hat er erst von seiner Frau bekommen. In Wirklichkeit heißt er Georg Levin. Doch an den Namen erinnert sich wahrscheinlich nicht einmal mehr er selbst.

Wer aber mit einer Abkürzung anzutreffen ist, mit B. etwa, der ist verdammt in der Else-Lasker-Schüler-Welt.

B. gibt es wirklich. B. ist Berthold Lasker, ein jüdischer Arzt, ihr erster Ehemann. Da ist er wieder, der höhere Realismus der Else Lasker-Schüler. Es existiert nur eine wirkliche Hölle: ganz vergessen zu sein. Ganz vergessen ist, wem auch noch sein Name genommen wird. Mit 30 Jahren, wenn andere endgültig verbürgerlichen, hat Else Lasker-Schüler ihren Mann verlassen und ein Kind bekommen, aber nicht von ihm. Was für ein Mut zu sich selbst. Fast zehn Jahre hat ihre erste Ehe gedauert. Kein ganzes Wort ist davon geblieben, nur B.

Und diese große Schweigende, die nie Leichthinsprechende – anders wird man nicht zum Dichter, zur Dichterin – plaudert so leicht-sinnig in den September 1911 hinein.

Wie sollte sie nicht? Denn für eine Dichterin geht es ihr erstaunlich gut. Ihr neuer Lyrikband „Meine Wunder“ ist gerade erschienen. Und sogar ihr Schauspiel soll endlich aufgeführt werden. Und zwar am Deutschen Theater. Es heißt „Die Wupper“ und sie hat es zu Jahresbeginn im Kabarett schon mal auf Platt vorgetragen. Selbst der Wiener Karl Kraus empfängt inzwischen Briefe, die so beginnen: „Verährter Dalai Lama van Wien on Omgägend. Wat söll eck? In die Depesche warn Drockfähler ... On nu, lewen Se’ wöll, ming verehrter Dalai Lama on eck ende met Luther sing Sprüchsken: Hier stonn eck, helpen Se meck eck kann nich anders. Wat nu?“

Am 2. September 1911 sind die Empfänger ihrer Briefe aus dem Café, „die lieben Jungens“, noch genau eine Woche unterwegs. „Wie geht es Euch? Ihr seid wohl schon im Wendekreis des Schneehuhns angelangt?“

So kann man das nennen. Herwarth Walden könnte sich geradewegs den Satz seiner Frau „Ich habe nämlich noch nie so geliebt wie diesmal“ aus ihrem ersten Brief ausleihen. Denn zur selben Zeit, als die Dichterin im Café des Westens das Genre des Liebesbriefs neu erfindet und von all seinen Vorhersehbarkeiten befreit, beschließt das Leben, das Gleiche zu tun. Herwarth Walden lernt eine Schwedin kennen, die Anti-Else. Eher groß, nicht klein wie sie. Jünger als Walden statt viel älter als er. Blond statt schwarz wie sie. Vor allem blond.

Nell Roslund ist schuld, dass aus den geplanten drei Briefen nach Norwegen viel mehr werden und dass bis zum Februar des nächsten Jahres kaum ein „Sturm“ ohne Nachricht an „Herwarth und Kurtchen“ erscheinen wird. Die beiden sind zwar längst wieder da, aber nicht für sie. Anwesenheit, in solchen Dingen ist sie sehr genau, ist keine Bestimmung der Geografie. Es ist eine des Herzens. Am Ende wird aus ihren Briefen ein ganzer Roman, Hauptheld und Titel: „Mein Herz“.

Der Prinz von Theben ist zu Beginn des Jahres 1912 eine 43-jährige verlassene Frau mit unehelichem Kind. Ab jetzt wird sie allein für Paul sorgen müssen.

Nie wieder wird sie eine eigene Wohnung besitzen. Das Bürgerkind Else Lasker-Schüler hat den letzten bürgerlichen Halt verloren. Manchen Menschen erlässt das Leben keine Prüfung, sie gehören zu ihnen. Sie wird ihren Sohn verlieren und die Heimat. „Ich bin die Else Lasker-Schüler, leider“, wird sie bald beginnen sich vorzustellen.

Hintergrund

Georg Levin wird von seiner Frau nur Herwarth Walden genannt, ein Name, den er als seinen eigenen annimmt.

Für Nell Roslund, die er in Schweden kennengelernt hat, verlässt Walden seine Frau Else Lasker-Schüler.

„Der Sturm“ erscheint erstmals 1910 und wird unter seinem Chefredakteur Herwarth Walden gewissermaßen das Zentralorgan der Expressionisten.

Von der Autorin erscheint am 16. Oktober die Biografie „Mein Herz – Niemandem. Das Leben der Else Lasker-Schüler“ im Propyläen Verlag, Berlin.

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