Die Geschichte : Der Putsch, der keiner war

Ernst Röhm war Chef der SA und prügelte Hitler den Weg zur Macht frei. Wenig später fiel er in Ungnade. Am 1. Juli 1934 wurde er erschossen.

Ernst Piper
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Duzfreunde: Ernst Röhm (Mitte) und Adolf Hitler (mit dem Rücken zur Kamera) im Jahr 1933.Foto: Ullstein

Ein kurzes Zögern – und die Genehmigung, dem einstigen Duzfreund einen ehrenvollen Tod zu gewähren, mehr hatte Hitler am Ende für seinen SA-Führer nicht übrig. Am Rande eines Gartenfestes in Berlin stimmte er der Liquidierung zu. Wenig später öffnete ein Wachmann im Gefängnis München-Stadelheim die Tür zu Ernst Röhms Zelle, legte eine Pistole und den „Völkischen Beobachter" auf einen Tisch. „Röhm verhaftet und abgesetzt" verkündete die Schlagzeile, und etwas kleiner stand darunter: „Durchgreifende Säuberung in der SA“.

Die Tür wurde wieder geschlossen, zehn Minuten warteten die Männer draußen. Doch kein Schuss fiel. Der Wachmann nahm die Pistole wieder an sich. Dann betraten Theodor Eicke, Kommandant des KZ Dachau, und Michael Lippert, Kommandant der dortigen Wachmannschaft, gemeinsam die Zelle. Röhm stand mit entblößtem Oberkörper in der Mitte des Raums, murmelte etwas Unverständliches und sah seinen Mördern trotzig ins Gesicht. Die beiden SS-Männer schossen gleichzeitig, anschließend gab Eicke dem röchelnd am Boden Liegenden den Gnadenschuss. So starb am 1. Juli 1934 der Mann, dessen SA der braunen Bewegung den Weg freigeprügelt hatte.

Ernst Röhm, geboren 1887, sah die Dinge stets „vom soldatischen Standpunkt aus, bewusst einseitig“, wie er bereits 1928 in seinen Memoiren „Geschichte eines Hochverräters“ schrieb. Seine Laufbahn war folgerichtig: Nach dem elitären Münchner Maximiliansgymnasium Besuch der Offiziersschule, im Ersten Weltkrieg Kompanieführer. Dreimal wurde er verwundet, zurück blieb ihm ein entstelltes Gesicht.

Als der Krieg aus war und keine Soldaten mehr gebraucht wurden, schloss er sich wie viele ehemalige Frontsoldaten einem paramilitärischen Verband an. Röhm beteiligte sich an der blutigen Niederschlagung der Münchner Räterepublik im Mai 1919. Er gehörte zu einer Gruppe Republikfeinden, die nun in Schlüsselpositionen aufrückten. Röhm wurde Stabschef des Münchner Stadtkommandanten. Und schließlich – das erscheint im Nachhinein als ganz besonders absurd – war er auch für die Umsetzung der Entwaffnungsbestimmungen nach dem Versailler Friedensvertrag zuständig.

Durch die Auflösung der drei bayerischen Zeugämter kam eine ungeheure Menge Waffen unter Röhms Kontrolle, was ihm den Spitznamen „Maschinengewehrkönig“ einbrachte. Es gelang ihm der Aufbau eines geheimen Arsenals, wodurch die eingezogenen Waffen nicht in die Hände der Alliierten kamen, sondern zumeist heimlich verkauft wurden. Unter den Käufern, die bei Röhm vorstellig wurden, befanden sich auch Adolf Hitler und Hermann Göring.

Der „Maschinengewehrkönig“ verwaltete seinen Reichtum mit harter Hand. In seinen Memoiren schrieb Röhm später: „Nun sind ja auch einige Edelmänner, die Waffen an die Entente verraten haben, angeblich erschlagen worden. ,Fememorde’ sagt man heute – und dem Spießer gruselt schon, wenn er bloß das Wort hört.“ Es war die Zeit der großen und kleinen Umsturzversuche gegen das demokratische System: Kapp-Putsch, marodierende Freikorps, Attentate gegen führende Politiker wie Walther Rathenau, politische Mörderbanden wie die Organisation Consul und eine oftmals hilflos agierende Obrigkeit waren Kennzeichen jener Jahre. Auch Hitler und seine Spießgesellen planten einen Putsch. Als es so weit war, im November 1923, beteiligte sich Ernst Röhm mit einem eigenen Wehrverband, der „Reichskriegsflagge“, am Marsch auf die Feldherrnhalle.

Doch als Adolf Hitler 1925, nach der Entlassung aus dem Gefängnis, die NSDAP neu aufbaute, überwarf er sich schon bald mit Röhm. Während dieser immer nur Soldat, aber nie Politiker sein wollte, orientierte sich Hitler nunmehr am Legalitätsprinzip. Die NSDAP beteiligte sich an Wahlen, und der Parteivorsitzende gab die Parole aus: „Die Verfassung bestimmt den Weg, aber nicht das Ziel unserer Politik.“ Die Ausbildung der SA sollte nicht nach militärischen, sondern nach „parteizweckmäßigen“ Gesichtspunkten erfolgen. Röhm ging 1928 als Militärberater nach Bolivien, das sich auf den Chaco-Krieg gegen Paraguay vorbereitete. Dort konnte er „nach Herzenslust Soldat sein“, wie er später schrieb.

Im September 1930 errang die NSDAP einen gewaltigen Wahlsieg. Statt zwölf Reichstagsabgeordneten stellte sie jetzt 107 und damit die zweitstärkste Fraktion nach der SPD. Plötzlich gab es eine reale Machtperspektive. In dieser Situation brauchte Hitler einen fähigen Organisator für seine Parteiarmee.

Er rief Röhm aus Bolivien zurück, der im Januar 1931 an die Spitze der SA trat und sie konsequent zu einer schlagkräftigen Massenorganisation ausbaute. Hatte die SA zu Beginn des Jahres noch 88 000 Mitglieder gehabt, so waren es Ende 1931 bereits 260 000, und die Zahl der braunen Bataillone schwoll rasch weiter an. Sie marschierten ohne Unterlass durch die Straßen, lieferten sich erbitterte Straßenschlachten mit dem politischen Gegner und sorgten auch für eine eindrucksvolle Kulisse bei den Parteitagen. Für eine Mobilisierung der Straße im Sinne der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ war die SA ganz unentbehrlich.

Am 31. Dezember 1933 wandte sich Hitler „zum Abschluss des Jahres der nationalsozialistischen Revolution“ in zahlreichen Anerkennungsschreiben an seine wichtigsten Mitstreiter, darunter auch Ernst Röhm. Ihm sei es, so schrieb Hitler, in wenigen Jahren gelungen, mit der SA das politische Instrument aufzubauen, mit dessen Hilfe er den Kampf um die Macht siegreich habe bestehen können. Nun dränge es ihn, „dir, mein lieber Ernst Röhm, für die unvergänglichen Verdienste zu danken, die du der nationalsozialistischen Bewegung und dem deutschen Volke geleistet hast.“

Tatsächlich war Röhm längst zu einem veritablen Problem für Hitler geworden. Die SA war aus bescheidenen Anfängen als Saalschutztruppe zu einer Parteiarmee mit vier Millionen Mitgliedern im Jahr 1934 herangewachsen. Röhms Idee, die SA in eine Volksmiliz umzuwandeln, lehnte Hitler ganz entschieden ab. Sie hätte ihn nicht nur in einen unüberbrückbaren Gegensatz zur Reichswehr gebracht. Es wäre auch ein unkontrollierbarer Machtfaktor entstanden, der ihm selbst hätte gefährlich werden können.

Ebenso ungelegen kam Röhms Forderung nach einer „zweiten Revolution“. Die große Mehrheit der SA-Mitglieder war jung, ihr Elan unverbraucht, viele frühere Anhänger der Arbeiterparteien hatten hier eine neue Heimat gefunden. Proletarische Interessenlage verband sich mit revolutionärer Erwartung, sodass sich in der SA die Hoffnungen auf einen wirklichen Umbau der Gesellschaft in einem gefährlichen Maße konzentrierten.

Dagegen artikulierte sich zunehmend konservativer Widerspruch. Diejenigen, die vor einem Jahr geglaubt hatten, sie hätten sich einen Hitler nur zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen engagiert, wurden immer unruhiger. Höhepunkt der Kritik war eine Rede, die Vizekanzler Franz von Papen am 17. Juni 1934 an der Universität Marburg hielt. Papen bündelte darin die Unzufriedenheit der alten Eliten mit dem Aktionismus der Nazis.

Um Papen hatten sich die konservativen Kräfte gesammelt, die ursprünglich angetreten waren, einen Reichskanzler Hitler „einzurahmen“. Einer von ihnen war Edgar Jung, der seit seinem Buch „Die Herrschaft der Minderwertigen“ als führender Kopf der Konservativen Revolution galt. Jung sah sehr klar, dass die „Einrahmung“ Hitlers gescheitert war: „Wir sind mit dafür verantwortlich, dass dieser Kerl an die Macht gekommen ist. Wir müssen ihn wieder beseitigen.“ Jung war Papens Redenschreiber, und mit der Marburger Rede wollte er einen Vorstoß unternehmen, Hitler in die Schranken zu weisen. Ohne dass der Name Röhm fiel, wurde vor einer „zweiten Welle“ zur Vollendung der Revolution gewarnt. Der wohl meist zitierte Satz aus der Rede lautete: „Kein Volk kann sich den ewigen Aufstand von unten leisten, wenn es vor der Geschichte bestehen will.“ Dass der notorische Opportunist Papen es wagte, solche Sätze in der Öffentlichkeit vorzutragen, lag wohl nicht zuletzt daran, dass er das Manuskript erst unmittelbar vor seinem Auftritt bekommen hatte.

Adolf Hitler sah sich in jenen Tagen von zwei Seiten bedrängt. Auf der einen waren Röhm und seine SA, die nach einem greifbaren Lohn für jahrelanges Marschieren drängten. Auf der anderen standen Reichswehr und konservative Eliten, die darüber nachdachten, wie sie nach dem absehbaren Ableben des greisen Reichspräsidenten Hindenburg einen Amtsnachfolger installieren sollten, der Hitlers Machtambitionen zügeln würde. Papen war in Marburg so weit gegangen, sogar die Einparteienherrschaft der NSDAP als Übergangsstadium zu bezeichnen. Die Konservativen hatten sich zwar mit den Nationalsozialisten eingelassen, wollten eigentlich aber einen vorkonstitutionellen Staat ohne Parteien.

Die Marburger Rede erregte so großes Aufsehen, dass selbst der schwer kranke Reichspräsident davon erfuhr. Hindenburg erwog sogar die Verhängung des Kriegsrechts. Hitler wurde unmissverständlich aufgefordert, „die revolutionären Unruhestifter endlich zur Räson zu bringen.“ Der zögerte nicht, rücksichtslos gegen seine Gegner vorzugehen. Und mit einer Aktion, die unter dem bewusst irreführenden Namen „Röhm-Putsch“ in die Geschichte eingegangen ist, gelang es ihm, seine Gegner auf beiden Seiten mit einem Schlag auszuschalten.

Zunächst streute der SD, der Sicherheitsdienst der SS, fleißig Gerüchte über einen bevorstehenden SA-Putsch. Am 25. Juni schworen Himmler und Heydrich in Berlin die höheren SS- und SD-Chargen auf Gegenmaßnahmen ein.

Ernst Röhm selbst war in Bad Wiessee, um seinen Rheumatismus behandeln zu lassen. Zur selben Zeit erreichte Hitler die Nachricht, Papen werde in zwei Tagen von Hindenburg empfangen. Hitler sah die Gefahr einer Verständigung auf seine Kosten und beschloss, sofort zu handeln. Er erteilte Röhm telefonisch den Befehl, alle SA-Führer für den übernächsten Tag nach Bad Wiessee zu bestellen. Anschließend konferierte er mit Joseph Goebbels und Sepp Dietrich, dem Kommandeur der SS-Leibstandarte Adolf Hitler. Als er morgens um vier Uhr in München eintraf, fauchte er: „Dies ist der schwerste Tag meines Lebens. Aber ich werde nach Bad Wiessee fahren und strenges Gericht halten.“ Zwei Stunden später war er auf dem Weg in den Kurort. Gleichzeitig setzten sich 1300 Männer der SS-Leibstandarte in Bewegung. Sie hatten dasselbe Ziel.

Als Hitler am 30. Juni 1934 kurz vor sieben Uhr vor dem Hotel Hanselbauer vorfuhr, schlief die versammelte SA-Prominenz noch, nachdem man am Vorabend lange gezecht hatte. Sie wurden unsanft geweckt. Ein SA-Führer, der wie Röhm homosexuell war, wurde mit einem jungen Mann im Bett überrascht, was die von Goebbels gelenkte Presse in den folgenden Tagen weidlich ausschlachtete. Röhm, den Hitler mit sich überschlagender Stimme als Verräter beschimpfte, und die anderen SA-Führer wurden verhaftet und nach München gebracht. Sechs von ihnen, deren Namen Hitler auf einer Liste abgehakt hatte, wurden noch am selben Tag erschossen. Ein Gerichtsverfahren gab es nicht. Vor der Erschießung wurde den Betroffenen lediglich mitgeteilt: „Sie sind vom Führer zum Tod verurteilt worden! Heil Hitler!“

Sofort nach seiner Rückkehr aus Bad Wiessee rief Goebbels Göring in Berlin an, der die übrigen Mordkommandos in Bewegung setzte. Franz von Papen hatte Glück, sein Büro wurde zwar verwüstet, aber er selbst nur unter Hausarrest gestellt. Schlechter erging es seinen Mitarbeitern. Edgar Jung wurde von SS-Leuten ins KZ Oranienburg verschleppt und dann in einem nah gelegenen Wäldchen umgebracht.

Auch Papens Pressereferent Herbert von Bose wurde Opfer eines Rollkommandos. Hitler, der ein präzises Gedächtnis für Illoyalität hatte, nutzte die Gelegenheit, um alte Rechnungen zu begleichen. Gustav Ritter von Kahr, der als bayerischer Generalstaatskommissar beim Hitler-Putsch die Gefolgschaft verweigert hatte, wurde ins KZ Dachau gebracht und erschossen. Gregor Strasser, ehemaliger Reichsorganisationsleiter der NSDAP, der 1932 aus Protest gegen Hitlers Kurs zurückgetreten war, wurde in Berlin ermordet. Und Kurt von Schleicher, der unmittelbar vor Hitler Reichskanzler gewesen war und nun angeblich an einer Verschwörung mit Röhm beteiligt war, wurde mit seiner Frau von einem SS-Kommando in seiner Villa in Neubabelsberg erschossen.

Nicht nur in Berlin und München, auch in Breslau, Dresden und anderen Orten wurde gemordet. Unter den Opfern waren etwa 50 höhere SA-Führer, viele von ihnen waren in der Kadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde füsiliert worden. Die Mörder kamen meist aus den Reihen der SS, die bis dahin der SA untergeordnet war. Zum Dank für ihre „großen Verdienste“ erhob Hitler die SS wenig später zu einer eigenständigen Organisation, die dann auch die Zuständigkeit für die Konzentrationslager übernahm.

Insgesamt kamen im Zuge des „Röhm-Putschs“ wohl etwa 200 Menschen um, nach anderen Schätzungen sollen es sogar über 1000 gewesen sein. Adolf Hitler, der Reichskanzler, aber kein Gerichtsherr war und, solange Hindenburg noch lebte, noch nicht einmal den Oberbefehl über die Reichswehr hatte, hatte sich zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen.

Die noch immer fragile Basis seiner Macht ließ es ihm geraten erscheinen, sein Handeln wenigstens im Nachhinein zu legitimieren. Am 3. Juli tagte das Reichskabinett, verabschiedete über 20 neue Gesetze. Das kürzeste bestand nur aus einem einzigen Satz: „Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe am 30. Juni, 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens." Am 2. August 1934 starb Hindenburg. Schon am Tag zuvor hatte ein neues Gesetz festgelegt, dass künftig das Amt des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers vereinigt sein sollte.

Fortan nannte sich Hitler „Reichskanzler und Führer“.

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