Die Geschichte : Dr. Haus

Seine Bauten sollten heilsam sein – das war das Credo des Architekten Richard Neutra. 40 Jahre nach seinem Tod feiert eine Ausstellung jetzt die Häuser des Österreichers

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Die Casa Bucerius in der Schweiz.
Die Casa Bucerius in der Schweiz.Taschen Verlag

Es war Liebe auf den ersten Blick.

Schon lange kannte sie ihn, schon lange wollte sie ihn. Seit Jahren sehnten die Rangs sich nach einem eigenen Haus, einem, das wirklich ihren Wünschen entsprach. Mit elf Architekten aus der Umgebung hatten sie es schon probiert. „Alles katastrophal“, erzählt Christine Rang. Immer wieder hatte die junge Frau, die einige Jahre in Guatemala und Mexiko gelebt hatte, die Arbeiten Richard Neutras in der Nachkriegszeit in Büchern und Zeitschriften gesehen. Und so wollte sie wohnen: so offen, licht, japanisch, in so enger Verbindung mit der Natur. Also entschied sie: Wir schreiben ihm. Ihr Mann erklärte sie für verrückt. Sie erwiderte: Überleg doch, was uns das kostet! 60 Pfennig. Fürs Porto nach Los Angeles.

Drei Wochen später trafen sie sich in Köln. Und lagen sich, so die heute 83-Jährige, gleich in den Armen. Zur Besprechung mit einem Mitarbeiter war Neutra 1961 an den Rhein gekommen; in den 60er Jahren hatte er, einer der bekanntesten Vertreter der sonnigen kalifornischen Moderne, eine ganze Reihe von Bauprojekten in Deutschland, Frankreich und der Schweiz, die jetzt im Museum MARTa in Herford vorgestellt werden – selbst für Kenner eine Neuentdeckung. Auch das Haus Rang wird dabei sein.

1961 in Köln also redeten sie und fuhren noch am selben Tag nach Königstein im Taunus, um das Grundstück zu inspizieren. Auf der Autofahrt wurde das Paar ausgequetscht, alles wollte der Architekt wissen, vom Zähneputzen am Morgen bis zum Insbettgehen am Abend, wie und wann Martin Rang, ein Pädagogikprofessor, zu Hause arbeitete, was die Familie am Wochenende trieb, was für ein Wesen die Kinder hatten. Irgendwann fühlte Christine Rang sich „wie ausgezogen“.

Die Hausfrau meldete auch gleich ihre Wünsche an: eine Küche gen Süden. In der alten Wohnung hatte sie Nordblick und dann noch kalten Steinfußboden. Ihr Wunsch ging in Erfüllung – für Neutra, den gebürtigen Wiener, war der Mensch schließlich von Natur aus Südländer –, ja, sie bekam einen freien Blick vom Herd in drei Himmelsrichtungen. Außerdem einen vier Meter hohen family room, in dem heute die Enkelkinder rumtoben und der Teil des riesigen Gartens zu sein scheint.

Das sei das Schöne an einem Neutra-Haus, meinte ein Bewohner einmal: dass man gar nicht das Gefühl hat, in einem Haus zu sein. Seine Spielart der Moderne lebt vom Verschwinden der Grenzen zwischen drinnen und draußen. Fenster sind keine Löcher in der Wand, eher selber durchsichtige Wände, die vom Boden bis zur Decke reichen und sich zur Seite schieben lassen. Das muss man freilich mögen, für Höhlenmenschen ist das nichts. Einige ihrer Freundinnen, erzählt Christine Rang, könne sie nicht eine Minute in ihrem verglasten Wohnzimmer alleine lassen, dann kriegten sie es schon mit der Angst zu tun.

„Das war ja in Deutschland unerhört“, sagt Hilmer Goedeking, „sich so in die Landschaft zu setzen!“ So durchsichtig, exponiert. Der Frankfurter Architekt lebt in Mörfelden-Walldorf in einer Neutra-Siedlung aus jener Zeit, in einem Haus, das er selbst renoviert hat. Denn nach 40 Jahren waren Renovierungen fällig; die Entwicklung neuer Techniken, etwa bei Thermopenscheiben, macht das Wohnen im Glashaus jetzt komfortabler.

Besonders groß ist das Familiendomizil nicht, mit Keller knapp 130 Quadratmeter. „Aber stark“, sagt Goedeking, Gründungspräsident der deutschen Neutra-Gesellschaft. Ein Jahr habe er gebraucht, bis er wusste, wo er die Bilder aufhängen könnte. Und wohnlich ist der Bungalow. „Hier kann ich mich hinsetzen und zur Ruhe kommen.“ Neutra, so der Architekt, „wusste, dass Räume nicht dadurch besser werden, dass sie größer werden. Dass Großzügigkeit nicht mit Quadratmetern zusammenhängt, sondern mit Raumaufteilungen. Damit, dass man immer wieder etwas anderes sieht. Mit dem Wechsel von Licht und Schatten, klein und groß.“

Gerade durch diesen rhythmischen Wechsel bekommen Neutras Wohnhäuser, und für die ist er vor allem berühmt, etwas Musikalisches. Wobei er das Bild von Architektur als gefrorener Musik ablehnte. „Architektur ist doch nichts, was man in den Kühlschrank stellt.“ Für ihn war ein Haus nichts Statisches, sondern etwas, was sich verändert. Mit der Natur, der Nachbarschaft, dem Leben.

Seine allerersten Häuser hat der 1892 in Wien Geborene Anfang der 20er Jahre in Berlin gebaut. Sein Jugendfreund Ernst Freud, Sohn von Sigmund Freud und ebenfalls Architekt, hatte ihn an die Spree gelockt, wo Neutra dann mit Erich Mendelsohn zusammenarbeitete. In Zehlendorf plante er vier Wohnhäuser, die inzwischen unter Denkmalschutz stehen. Wie viel Neutra darin ist? Wenig, meint die Kunsthistorikerin Harriet Roth, die seit 2002 mit ihrer Familie in einem wohnt. Sehr wenig. Erst bei einem radikalen Umbau in den 60er Jahren wurde das Haus zum Garten geöffnet. Das fast Gedrungene des Baus führt Roth darauf zurück, dass Neutra sich in Europa unwohl gefühlt habe. „Er wollte ausbrechen.“ Er wollte nach Amerika! Der österreichische Architekt Ernst Loos, wie Neutra ein großer Fan von Frank Lloyd Wright, hatte ihn angesteckt mit seiner Begeisterung.

Im Herbst 1923 wanderte er aus, 1930 schon nahmen er und seine Schweizer Frau Dione die amerikanische Staatsbürgerschaft an, ja, sprachen sogar miteinander Englisch, wie Sohn Dion erzählt. „Sie wollten Teil dieses Landes werden.“ Was nicht hieß, dass sie sich gegenüber den Emigranten, von denen in den 30er Jahren so viele nach Los Angeles kamen, abschotteten. Das gesellige Paar war mit vielen von ihnen befreundet, mit Thomas Mann und Lion Feuchtwanger zum Beispiel, führte ein offenes Haus. Neutra war ein großer Netzwerker und Dione, wie Dion sagt, eine entspannte Gastgeberin. „Sie machte das oft spontan, mit der linken Hand, hatte ein paar Standardgerichte, die sie schnell zubereiten konnte.“

Ohne sie hätte Richard Neutra nie schaffen können, was er geschaffen hat. Sie war 18, als sie sich kennenlernten, und wollte Cellistin werden. Stattdessen wurde sie Mutter dreier Söhne, Assistentin ihres Mannes, diejenige, die sich um alles kümmerte, Korrespondenzen führte, Kontakte zu Klienten hielt. Diejenige, von der der Architekt alles verlangte und das sofort. Offenbar nicht ganz ohne schlechtes Gewissen: Als er nach dem Krieg zu Vorträgen nach Europa eingeladen wurde, machte er es immer wieder zur Bedingung, dass seine Frau zum Auftakt Cello spielen durfte. Beerdigt ist das Paar im Garten seines Hauses in Los Angeles.

Auch dieses ist nicht groß, steht auf einem für amerikanische Verhältnisse geradezu winzigen Grundstück. Leisten konnte sich der junge Architekt den Bau 1932 nur durch einen zinslosen Kredit des holländischen Mäzens van der Leeuw. VdL Research House nannte Neutra den dreigeschossigen Bau denn auch – ein Architekturexperiment am eigenen Leib. Wobei er nicht nur Materialien ausprobierte, verschiedene Arten von Glas zum Beispiel, sondern auch Raumaufteilungen. Oder die Effekte des reflecting pools, der zu einem seiner Markenzeichen wurde: ein flaches Wasserbecken, in dem sich Sonne, Wolken, Mond spiegeln und der Licht und Natur ins Haus bringt. Von dem Schock, als das Haus am Silver Lake 1963 bei einem Brand schwer zerstört wurde, hat Neutra sich nie ganz erholt.

Sohn Dion, ebenfalls Architekt, hat es etwas verändert wieder aufgebaut, mit Anweisungen des Vaters aus der europäischen Ferne. Dion, heute 83, arbeitete in den 60er Jahren mit dem Vater zusammen, führte das Büro dann fort nach dessen plötzlichem Tod – Richard Neutra starb 1970 in Wuppertal an einem Herzinfarkt, als er sich bei einer Besichtigung über die Bauherren so aufgeregt hatte. Und Dion kümmert sich ums Erbe. Auch wenn Neutra seit den 90er Jahren eine Renaissance erlebt, immer wieder sind Häuser vom Abriss bedroht.

Das Research House ist noch immer, wie zu Neutras Zeiten, ein Demonstrationsobjekt für Interessierte und Architekten. Nach dem Tod von Dione, 1990, wurde es dem Pomona College übergeben, es steht zur Besichtigung offen. Allerdings ist es in traurigem Zustand, nur noch ein Schatten seiner selbst. Dem College fehlt das Geld, vielleicht auch das Know-how oder Engagement, es angemessen zu pflegen. Die Blumenkästen sind so leer wie der reflecting pool.

Und doch kann man noch ahnen, was den Charme und Pfiff des Hauses ausmacht. Dion Neutra steigt über die grazile Leiter in den obersten Stock, setzt sich auf den Teppich, lehnt sich ans Lederpolster, das wie ein Band an der Wand langführt. Aus dieser Position hat man den besten Blick. Und dafür ist dieser Raum da: um die Aussicht zu genießen. Dann zeigt er den Spiegel, ebenfalls ein Markenzeichen Neutras, der das winzige Schlafzimmer Diones größer wirken lässt.

„Es geht nicht um Stil“, sagt Dion.

Es geht um den Menschen. Für Richard Neutra war Architektur eine soziale Kunst, war Medizin. Nichts zum Bewundern, sondern zum Wohlfühlen. „Eine immer neue Seelenerfrischung“ solle ein gutes Haus bieten, erklärte er Gerd Bucerius, dem Mitbegründer der „Zeit“, für den er eine Villa in der Schweiz entwarf.

Auf dem Flügel im früheren Büro des Architekten liegt „Survival through Design“, das bekannteste von Neutras Büchern. Architektur, davon war er überzeugt, sollte heilsam sein und der Prophylaxe dienen. „In jeder einzelnen Minute der 24 Stunden eines Tages wird den Menschen eine Dosis davon durch die Umwelt verabfolgt, und das 365 Tage eines jeden Jahres hindurch und über einen Tilgungszeitrum von mindestens 30 Jahren hinweg, bis ein Haus abgezahlt ist.“

Dr. Haus war ein sehr genauer Diagnostiker. Wenn er eine Oper plante, untersuchte er, wie viel Schweiß die Zuschauer dort bei dramatischen Szenen verströmen. Seinen privaten Bauherren schickte er Fragebögen, in denen sie minutiös ihre Lebensgewohnheiten festhalten sollten, bevor er sie, wie die Rangs, in lange Gespräche verwickelte. Er wollte wissen, wo die Familien Räume zum Rückzug und Räume der Begnung brauchten, ließ sich sogar Fotos ihrer Möbel, und seien es barocke Kommoden, geben, um sie einzuplanen. Auch wenn seine Häuser nicht billig waren, reich wurde er mit dieser zeitraubenden Methode nicht. Und auch später besuchte er seine Klienten: um zu sehen, wie es sich in seinen Wänden lebt.

Wenn er eine ganze Siedlung plante wie im hessischen Walldorf, wo er die späteren Bewohner nicht kannte, griff er auf allgemeine Beobachtungen zurück. So liegt die Vertiefung für die Fußmatte hier nicht, wie üblich, mittig vor der Tür, sondern versetzt Richtung Türgriff: weil man auf der Seite tatsächlich eintritt. „Biorealismus“ nannte Neutra seinen Ansatz. Wobei der Humanist auch durchaus ein guter PR-Mann in eigener Sache war, durch seine Bücher, seine Vorträge, seine enge Zusammenarbeit mit dem Fotografen Julius Shulman, der die Häuser so verführerisch in Szene setzen konnte.

Gerade heute, in einer Zeit, in der so viel über Fassaden debattiert wird und über spektakuläre Stararchitektur – oft Solitäre, die wie Ufos in ihrer Umgebung stehen (Frank Gehrys Museumsbau MARTa in Herford gehört auch dazu), wirkt Neutras Ansatz ausgesprochen wohltuend und erfrischend. Man wünschte sich, er würde mehr Schule machen. Seine reflecting pools zum Beispiel, die Hilmer Goedeking selbst als Architekt bei Bauprojekten eingesetzt hat – „zur Freude der Bewohner“. Auf die Frage, warum dieses relativ einfache Gestaltungsmittel nicht häufiger eingesetzt wird, hat er nur eine Antwort: „Weil die Deutschen zu praktisch denken. Die fragen nur: Kann man darin baden? Oder: Gibt’s da Goldfische drin?“

Die Rangs haben für ihr Haus auf vieles verzichtet. Haben Hunderte von Büchern aussortiert, für neue Kleider war erst mal kein Geld da, an dem es auch heute mangelt. Den riesigen Garten bewirtschaftet die alte Dame noch immer selber, krabbelt aufs Flachdach, um es zu säubern. Probleme mit diesem, die horrende Heizölrechnung, dass die Fensterscheiben das Lampenlicht schlucken, das alles rechnet sie Neutra nicht an. Auf ihren Richard lässt sie nichts kommen. Das Schlimmste wäre für sie die Vorstellung, nicht bis zum Tod in ihrem Haus zu bleiben.

Nachdem sie hier eingezogen war, hat sie es anderswo nicht mehr ausgehalten. Wenn sie eingeladen war in eine normale Wohnung, „vier Wände und ein Fenster“, ist sie irgendwann einfach aufgesprungen, hat alle Höflichkeit fallen gelassen. „Ich musste! Ich musste nach draußen gucken können, den Himmel sehen.“

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