Zeitung Heute : Die Geschichte einer Person

Erinnerungen an eine ostdeutsche Jugend von Joel Agee

Alles, was in diesem Buch beschrieben wird, ist vergangen. Der schulschwänzende Junge Pionier, der vom Rock-'n'-Roll besessene FDJler, der ihn ablöste, der sitzengebliebene Träumer danach, der Pseudoproletarier in der Warnowwerft, sie alle empfanden sich als „Ich“ in meinem Körper und in meinem Namen, und sind trotzdem jetzt weder ich noch irgendwer – sie sind vergangen. Auf dem Rücken der Hand, die diese Zeilen schreibt, stehen kleine Silberhaare. „Das wundert doch niemanden“, sagt mir jemand im Hintergrund mit vernunftbetonter Stimme: „So ist es eben, so war es schon immer, alles fließt“ und so weiter. Aber es wundert mich trotzdem. Meine lebensfreudige Mutter, so deplaziert in der grauen DDR, mein melancholisch grübelnder Stiefvater, mein witziger, leidender, frühreifer Bruder sind längst gestorben – fast scheint es, als wären sie nie gewesen, so stark ist die Macht der Gegenwart. Selbst aus dem Arbeiter- und Bauernstaat, der sich, der Zukuft zugewandt, von einem Fünfjahresplan zum anderen vorwärtshangelte, ist Vergangenheit geworden. Eigentlich sollte einem die Kinnlade herunterfallen vor Staunen darüber, wie alles verschwindet. Dass uns dies nicht mit Regelmäßigkeit passiert, haben wir nur der Erinnerung zu verdanken.

Ich entsinne mich des Moments, in dem dieses Buch konzipiert wurde. Ich blätterte in Robert Lowells autobiographischen Life Studies und stieß auf einen Satz, der den Dichter als Achtjährigen beschrieb: „Jedesmal, wenn ein Mädchen mir nahekam, zog sich meine ganze Person zusammen wie ein Schwamm, der von einer geballten Faust ausgewrungen wird.“ Der Satz vollzog sich in meinem Körper und transportierte mich unmittelbar auf die teppichbezogene Prunktreppe eines Hotels in Sankt Petersburg, das zu der Zeit, an die ich mich erinnerte, Leningrad hieß. Ich war acht Jahre alt. Ein kleines Mädchen in einem Matrosenkleid ging mit ihren Eltern an mir vorbei, während ich mit meinen Eltern an ihr vorbeiging. Ich zog mich zusammen, sie streckte die Zunge heraus – unmöglich zu sagen, was zuerst kam. Ich blickte von dem Buch auf und hatte einen frappierenden Einfall: Ähnlich wie Lowell mit diesem Satz, könnte ich die Geschichte meiner Kindheit und Jugend in Deutschland aus der Sicht meines jüngeren Selbst erzählen, angefangen mit meiner Ankunft, als ich acht Jahre alt war.

Sogleich hatte ich eine Vorstellung von der Form und der Eigenart einer solchen Erzählung. Sie würde so etwas wie eine literarische Version der winzigen Daumenkinos sein, an die ich mich aus meiner frühen Kindheit erinnerte, nur wäre es hier der Geist des Lesers, der die Bilder in Bewegung setzen würde: eine chronologische Folge von Vignetten, deren jede mich im Zentrum meiner Welt (wie Goofy oder Mickey im Zentrum der ihren) zeigen würde, während alle anderen Akteure – Menschen, Dinge, und Ideen – mit genau der Bedeutsamkeit oder Irrelevanz herein- und hinaustanzen würden, die sie seinerzeit für mich gehabt hatten.

Dass diese egozentrische Optik gegen den Strich des in der DDR obligaten Gemeinschaftsgeistes gehen würde, also als provozierende Frechheit aufgenommen werden könnte, war mir durchaus bewusst, als ich mit dem Schreiben begann. Trotzdem fantasierte ich, als das Buch fertig war, von einer DDR-Ausgabe, träumte, wider alle Wahrscheinlichkeit, dass die Behörden dort, vielleicht im Andenken an meinen parteitreuen Stiefvater, mir, dem verlorenen Sohn, eine besondere Gunst zeigen würden, indem sie mir zumindest einige Lesungen gestatteten. Ich wünschte mir nämlich als Publikum vor jedem anderen in der Welt meine ehemaligen Schulfreunde und deren Generation hinter der Mauer.

Das war natürlich ein Luftschloss. Das Buch erschien zwar in deutscher Übersetzung, aber nur im Westen, und es durfte nicht über die Grenze gebracht werden. Also konnte die Annahme, dass es seine empfänglichsten Leser im Osten finden würde, nicht geprüft werden. Doch bei einer Lesung in einer kleinen linken Buchhandlung in Hamburg empfing mich, wie zum Ersatz, ein DDR-kundiges und diesem Land auch nicht unfreundlich gesinntes Publikum, dessen Gelächter die starren Strukturen, innerhalb derer die Komödie meiner kindlichen Sinn- und Selbstsuche sich abgespielt hatte, wie leere Kulissen erscheinen ließ.

Dass diese Strukturen, die in ihrer materiellen Wirklichkeit ja keineswegs von Pappe waren, sich knapp sechs Jahre später gewaltlos und fast wie von selbst demontieren würden, war freilich nicht vorauszusehen. Fast alle Rezensenten fühlten sich daher verpflichtet, das Buch unter den Vorzeichen des Kalten Krieges zu besprechen. Es erhielt sowohl gute wie schlechte Zensuren und wurde zuweilen dafür gerügt, dass es die große Schulregel nicht genügend achtete, die besagt: Du sollst politisch Stellung nehmen. Dabei wurde übersehen, dass es eigentlich von Anfang bis Ende Stellung für das Recht eines Einzelnen nimmt, sich dem Primat jeglicher Politik zu entziehen.

Zwanzig Jahre sind nun seit dem Fall der Mauer vergangen. Ich bin schon jüngeren Deutschen begegnet, denen das marxistisch-leninistische Deutschland, in dem ich aufwuchs, ungefähr so fern erscheint wie das Kaiserreich mit seinen Pickelhauben. Ich stelle mir vor – wünsche es mir jedenfalls –, dass dieses Buch jetzt in dem Geiste gelesen werden kann, in dem es geschrieben wurde: als die Geschichte einer Person.

Der Autor lebt als Schriftsteller in New York. Der Text ist das Vorwort zu deutschen Neuausgabe „ Zwölf Jahre. Eine amerikanische Jugend in Ostdeutschland“ (Hanser Verlag, 2009)

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