Zeitung Heute : Die Geschichte entdecken

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Die Haltestelle heißt Zehlendorf Eiche. Sie könnte auch Historischer Winkel heißen, denn wer hier, in der Potsdamer Straße Ecke Clayallee auf den Bus wartet, steht umbrandet vom Verkehr mitten im uralten Dorfkern, mit der achteckigen Dorfkirche von 1768 und dem Schulhaus von 1828. An der Eiche prangt ein Eisernes Kreuz mit der Inschrift „Friedenseiche 2. 9. 1871.“ Sie wurde also zum „Sedanstag“ gepflanzt, zur Erinnerung an die Schlacht bei Sedan 1870 im Deutsch-Französischen Krieg.

An der Mauer des Kirchhofs verrät eine Bronzetafel etwas über preußische Einwanderungspolitik. Vor der Kirche, es war noch die mittelalterliche Feldsteinkirche, empfing Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, aus Salzburg vertriebene Protestanten mit dem Versprechen: „Mir neue Söhne, Euch ein mildes Vaterland.“ Friedrich II. stiftete 6000 Taler für den Neubau. Seine Amme Maria Haupt ist übrigens auf dem Kirchhof begraben.

Jahrelang wunderte sich die Rentnerin, wenn sie auf den Bus wartete, über die arg mitgenommenen alten Bäume hinter der Feldsteinmauer. Nun weiß sie, es sind Maulbeerbäume. Sie wurden nach einem Erlass von 1719 auf jedem Kirchhof gepflanzt. Die Küster, zugleich Schulmeister, besserten ihren Hungerlohn mit Seidenraupenzucht auf. So machte es auch der Dorfschulmeister, Küster, Imker und Zehlendorfer Chronist Schäde, der 61 Jahre lang die Kinder das Schreiben, Lesen, Rechnen und Luthers Katechismus lehrte, ehe er 1855 mit 83 Jahren pensioniert wurde.

Im Heimatmuseum im alten Schulhaus kann man allerlei Vergleiche anstellen. Einen Federkasten ziert die Mahnung: „Der Fleiß in Deinen Jugendtagen wird später gold’ne Früchte tragen.“ Kürzlich haben sich Zehlendorfer Kinder einer Klasse 3a im Gästebuch verewigt. Das Gekrakel liest sich so: „Friederiki, ich fante es sehr schön“, „Sophia, es war sehr intresant.“ Ach herrje, was würde wohl der weiland Dorfschulmeister dazu sagen?

Heimatmuseum Zehlendorf, Clayallee 355, montags und donnerstags von 16 bis 19 Uhr.

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