Die Geschichte : Gnadenlos

Der Mörder Berthold Wehmeyer wird am 11. Mai 1949 in Moabit geköpft. Er ist der Letzte. Zwölf Tage später wird das Grundgesetz verkündet. Damit ist die Todesstrafe in Westdeutschland abgeschafft.

Sebastian Leber
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Die Akten des ProzessesFoto: Landesarchiv Berlin

Die Nacht vor seinem Tod schläft Berthold Wehmeyer nicht. Er raucht, er isst, der Gefängnisgeistliche hilft ihm bei den Abschiedsbriefen. Seiner Mutter will Wehmeyer danken, dass sie ihn nicht verstoßen hat in den letzten zwei Jahren. „Solche Mütter wie Dich gibt es nicht viele“, schreibt er in seinem Haftraum im Zellengefängnis Lehrter Straße in Berlin-Moabit. „Ich werde für Dich beim lieben Gott bitten, dass er Dir noch ein paar glückliche Tage gibt.“ Von seinem Bruder verabschiedet er sich mit Ratschlägen. „Lass Dich nicht so viel mit Frauen ein“, warnt er. Und: „Arbeite und ernähre Dich ehrlich. Was Du brauchst, kaufe.“ Und dann noch: „Ehrlichkeit währt am längsten.“

Es ist Mittwoch, der 11. Mai 1949. Zwölf Tage vor Verkündung des Grundgesetzes und damit der Abschaffung der Todesstrafe in Westdeutschland. Berthold Wehmeyers Hinrichtung ist für 6.30 Uhr angesetzt. Er soll büßen für eine Tat, die er knapp zwei Jahre zuvor begangen hat, auf einem Feldweg bei Wusterhausen nordwestlich von Berlin: Wehmeyer, damals 21, beraubte, vergewaltigte und ermordete eine ältere Frau. Sein Bekannter Johann Hauser war dabei, er half, die Leiche in einem Strohhaufen am Wegrand zu verstecken. Dafür wird er später zu sechs Jahren Haft verurteilt. Hauser heißt nicht wirklich so, sein richtiger Name darf nicht in der Zeitung stehen. Er ist 1919 geboren und könnte noch leben.

Sein Opfer, eine alleinstehende 60-Jährige, hat Wehmeyer erst einen Tag vor der Tat kennengelernt. Sie haben sich zu einer Hamsterfahrt verabredet, sie wollen bei Bauern im Umland Kleidungsstücke gegen Kartoffeln eintauschen. Johann Hauser besitzt einen Handkarren, den könne die Frau gerne mitbenutzen, bietet er an. Zu dritt marschieren sie von Wusterhausen in das Dorf Tramnitz. Berthold Wehmeyer hat ein Paar Stiefel und eine Hose dabei. Falls er in Tramnitz keinen tauschwilligen Bauern finde, müsse er eben „der Ollen vor den Hals hauen“ und deren Kartoffeln nehmen, sagt er schon auf dem Hinweg zu Hauser. Er findet keinen Bauern zum Tauschen.

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In diesem Strohhaufen fand man die Leiche.Foto: Landesarchiv Berlin

Den Rückweg treten sie bei Einbruch der Dunkelheit an. Auf halber Strecke packt Wehmeyer die Frau von hinten, zieht sie zu Boden, schlägt mit der flachen Hand gegen ihren Hals. Dann fesselt er sie auf dem Rücken, stopft ihr ein Taschentuch in die Mundhöhle, vergeht sich an ihr. Johann Hauser wird später aussagen, er habe aus Angst vor Wehmeyer nichts unternommen. Der ist einen Kopf größer als Hauser, 1,85 Meter, sehr muskulös. Die Kartoffeln des Opfers teilen die Männer später unter sich auf, es sind 20 Pfund für jeden. Wehmeyer steckt noch Bargeld und einige Lebensmittelmarken ein.

Nach vier Tagen entdeckt ein Bauer die Leiche. Der Knebel steckt noch im Mund, wenige Meter entfernt liegt ein Schlüpfer. Der herbeigerufene Amtsmediziner stellt später fest, dass der Kehlkopf der Frau zerbrochen ist, so hart muss der Täter zugeschlagen haben. Doch gestorben ist die Frau an dem Tuch in ihrem Mund. Sie ist erstickt.

Die Polizei findet keinen Ausweis, Wehmeyer hat ihn an sich genommen und verbrannt. Zumindest gibt es einen Hinweis auf die Herkunft des Opfers: In der Manteltasche steckt eine abgestempelte Kinokarte aus Berlin: „Biophon-Lichtspiele, Schönhauser Allee, Reihe 5“.

Berthold Wehmeyer erfährt von dem Leichenfund aus der Zeitung. Er überlegt, das Land zu verlassen, er weiß, was ihm droht. Die Siegermächte haben die Todesstrafe nach Kriegsende nicht abgeschafft, in den ersten zwei Jahren wurden 39 Zivilisten von deutschen Gerichten verurteilt und hingerichtet, die meisten wegen Mordes. Auch andere Vergehen können im Nachkriegsdeutschland mit dem Tod bestraft werden: Waffenbesitz, Spionage, Gefangenenbefreiung, das Tragen von Uniformen der Siegermächte, das Vernichten oder „vorsätzliche Inunordnungbringen von Akten“.

Zwei Exekutionen haben besonderes Aufsehen erregt: Drei Monate vor Wehmeyers Tat wurden im Berliner Zellengefängnis Lehrter Straße die Ärztin Hilde Wernicke und die Pflegerin Helene Wieczorek hingerichtet. Sie hatten zwischen 1943 und 1944 mehrere hundert psychisch kranke Patientinnen totgespritzt, mit einem Gemisch aus Morphin und Scopolamin. Beide wurden unter dieselbe Guillotine gelegt, die nun auch Berthold Wehmeyer droht. „Alle müssen wir ja mal sterben“, schreibt der in seinem Abschiedsbrief an die Mutter. „Aber unter das Ding, das ist die größte Schande.“

Berthold Wehmeyer ist ledig, bis zu seiner Verhaftung lebt er bei seiner Mutter in Berlin-Wittenau in einem ausrangierten S-Bahn-Wagen. Der Vater stirbt 1945 nach seiner Rückkehr aus russischer Gefangenschaft, Berthold Wehmeyer muss fortan Mutter und Bruder ernähren. Nach der Schule hat er eine Schlosserlehre begonnen, wird aber entlassen, als man ihn beim Stehlen eines Meißels erwischt. Danach verdient er als Hilfsarbeiter im Theater und später bei der BVG etwas Geld. Es reicht nicht aus.

Als Wehmeyer einen Monat nach seiner Tat verhaftet wird, gesteht er sofort. Der Beamte notiert, der Verdächtige mache einen „sehr unbeholfenen Eindruck“. Zudem habe seine Vernehmung länger als üblich gedauert, da Wehmeyer an einem „sprachlichen Gebrechen“ leide: Er stottert. Zu Schulzeiten sei das noch deutlich schlimmer gewesen, erzählt Wehmeyer später dem Psychiater, der seinen Geisteszustand prüfen soll. Er sei wegen seines Sprachfehlers oft von Klassenkameraden nachgeahmt und ausgelacht worden. Manchmal, wenn er es nicht mehr ertrug, habe er sich mit Ohrfeigen gerächt.

Der Psychiater bescheinigt Wehmeyer Gefühlskälte und Rücksichtslosigkeit. Er verweist auf dessen andere schwere Straftat: Mit 16 hat Wehmeyer einer Frau in der S-Bahn die Handtasche geraubt und versucht, sie aus dem Wagen zu stoßen. Dafür wird er zu neun Jahren Haft verurteilt, kommt aber bereits 1944 frei, weil sein Gefängnis wegen der vorrückenden russischen Truppen geräumt werden muss. „Seine Gedankengänge sind sehr kurz“, schreibt der Gutachter weiter. „Das Schulwissen ist etwas dürftig und in keiner Weise erweitert worden.“ Doch obwohl „bei Wehmeyer die Intelligenzleistungen unter dem Durchschnitt liegen, kann man hier doch nicht von Schwachsinn reden“.

Die Hauptverhandlung im Juli 1948 dauert nur einen Tag. Wehmeyer gibt an, die Frau nicht absichtlich getötet zu haben. Auch habe er sie nicht vergewaltigt, es lediglich versucht. Der geistige Urheber der Tat sei sowieso Johann Hauser, sein Bekannter. Die Geschworenen glauben ihm nicht. Wehmeyer sei „eine brutale Verbrechernatur“, heißt es im Urteil. „Es handelt sich hier um ein Delikt, das an Verworfenheit, Scheußlichkeit und Unmenschlichkeit seinesgleichen sucht. Der Angeklagte hat sich durch seine grauenvolle Tat aus dem Kreise der gesitteten Menschheit ausgeschlossen und sein Recht zum Leben verwirkt.“

Sechs Wochen später nimmt in Bayern der Verfassungskonvent auf Schloss Herrenchiemsee seine Arbeit auf. Sachverständige aus den Ländern beraten über die Grundzüge einer neuen Verfassung. Auch die Frage, ob im zu gründenden Staat die Todesstrafe möglich sein soll oder nicht, wird diskutiert. In seinem Schlussdokument, dem „Chiemseer Entwurf“, empfiehlt der Konvent schließlich die Beibehaltung.

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Das Fallbeil steht heute im Strafvollzugsmuseum LudwigsburgFoto: Sebastian Leber

Sämtliche zivilen Hinrichtungen der Nachkriegszeit werden mit der Guillotine durchgeführt. Das liegt einerseits an der Überzeugung der Siegermächte, die Deutschen empfänden den Tod durchs Fallbeil ehrenvoller als den am Strick. Außerdem ist die Hinrichtungsart effizient: Sie dauert nur Sekunden, ist auch für ungeübte Scharfrichter praktizierbar. Genug Gerätschaften gibt es ebenfalls. Adolf Hitler gab 1933 den Bau von mehr als 30 Fallbeilen in Auftrag, sie wurden allesamt in der Schlosserei der Haftanstalt Tegel gefertigt und kamen anschließend vor allem in den besetzten Gebieten massenhaft zum Einsatz – in Polen, Ungarn, Tschechien. In Frankreich nicht, dort verfügte man bereits über genügend eigene Fallbeile.

Mindestens 16 000 Menschen wurden während des NS-Regimes von zivilen Gerichten zum Tod durch die Guillotine verurteilt. Ob und wie viele davon durch das Beil in der Lehrter Straße starben, das nun Wehmeyer enthaupten soll, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass auch dieses Gerät in der Schlosserei Tegel gefertigt wurde.

Im September 1948 kommt Wehmeyer in Einzelhaft. Er hat einen Ausbruchsversuch geplant. Mit drei Komplizen wollte er aus dem Zellentrakt entwischen, durch die Gefängsnisgärtnerei schleichen und mit einer Strickleiter die äußeren Mauern überwinden. Der Plan fliegt auf, Wachen finden drei nachgefertigte Schlüssel, mit denen die Gefangenen die Trakttüren öffnen wollten – die Abdrücke der Schlösser haben sie mit Fensterkitt gemacht. Ab jetzt wird Wehmeyer gefesselt, bevor er seine tägliche Stunde Freigang im Hof antreten darf.

Sein Anwalt beantragt Revision, die Mutter schreibt ein Gnadengesuch. „Ich glaube Ihnen als Mutter sagen zu können, dass Berthold kein derart schlechter Mensch ist, wie er hingestellt wird“, steht darin. Beide Versuche scheitern.

Trotzdem kann Wehmeyer noch hoffen: Im Parlamentarischen Rat, der seit September 1948 die Verfassung ausarbeitet, wird erneut die Abschaffung der Todesstrafe verhandelt. Die Initiative geht dabei ausgerechnet von Hans-Christoph Seebohm aus, einem Vertreter der rechtskonservativen Deutschen Partei, deren sonstige Anträge – die Anerkennung von Mitgliedern der Waffen-SS als Kriegsveteranen, die Benennung des neuen Staates in „Deutsches Reich“ statt Bundesrepublik – von den übrigen Parteien nicht beachtet wurden. Es ist zu vermuten, dass Seebohms plötzliches Eintreten gegen die Todesstrafe zum Ziel hatte, Nazi-Verbrecher vor der Hinrichtung zu schützen. Doch auch in der CDU und der siechenden Zentrumspartei setzt ein Meinungsumschwung ein. Die Sozialdemokraten und Kommunisten streben schon lange die Abschaffung der Blutjustiz an, und so kommt es, dass der Rat am 7. Dezember mit großer Mehrheit Artikel 102 beschließt. Er besteht aus vier Wörtern: „Die Todesstrafe ist abgeschafft.“

Der Mann, der am nächsten Morgen das bevorstehende Ende der Todesstrafe verkündet, hat bei der Abstimmung selbst mit „Nein“ votiert: Konrad Adenauer. Damit stimmt er mit der Mehrheit der Deutschen überein, in einer Allensbach-Umfrage aus demselben Jahr sprechen sich fast 80 Prozent der Befragten für die Todesstrafe aus – es wird bis 1971 dauern, bis sich in einer repräsentativen Befragung erstmals eine Mehrheit gegen die Todesstrafe findet.

In West-Berlin sieht der Generalstaatsanwalt keinen Anlass, die Hinrichtung Wehmeyers zu stoppen, noch haben die alliierten Militärgouverneure das Grundgesetz nicht genehmigt. Auch nach seinem Inkrafttreten wird es in West-Berlin nur unter Vorbehalt gelten. Das Statut der Besatzungsmächte sieht die Todesstrafe weiterhin als Höchststrafe vor – zumindest theoretisch. Anders in der DDR: Hier werden Hinrichtungen bis in die 80er Jahre tatsächlich praktiziert, erst 1987 streicht man die Todesstrafe aus dem Gesetzbuch.

Am Tag, an dem der Parlamentarische Rat das Grundgesetz in dritter Lesung annimmt, hat Horst Schwenke einen Termin im Zellengefängnis Lehrter Straße. Er ist der Scharfrichter, der Wehmeyer in drei Tagen enthaupten soll. Vorab schaut er sich die Räumlichkeiten an, spricht mit Justizbeamten den Ablauf durch. Auch Harald Poelchau, der Gefängnisgeistliche, ist informiert. Eine Druckerei ist beauftragt, 300 rote Zettel anzufertigen, die Wehmeyers Tod verkünden. Sie sollen nach der Hinrichtung an Berlins Litfaßsäulen geklebt werden. Und auch der Bürgermeister ist angeschrieben worden – mit der Bitte, acht „achtbare Mitglieder des Bezirks“ als Zeugen der Hinrichtung zu benennen und außerdem Lebensmittelkarten „zur Vorbereitung der Henkersmahlzeit“ zur Verfügung zu stellen.

Am Tag der Hinrichtung wird Berthold Wehmeyer um Punkt 6.30 Uhr aus seiner Zelle geholt. Zwei Wachtmeister und der Geistliche führen ihn ins Nebengebäude und dort in den Keller. Die Guillotine sieht er noch nicht, der Raum ist in der Mitte durch einen Vorhang geteilt. Rechts steht ein Tisch mit Kruzifix und zwei brennenden Kerzen, der Staatsanwalt liest Wehmeyer noch einmal sein Urteil vor. Außerdem die Bestätigung der Alliierten Kommandantur, dass die keine Einwände gegen Wehmeyers Hinrichtung hat.

Es folgt die Übergabe an den Scharfrichter. Zwei Gehilfen packen Wehmeyer und legen ihn auf die Holzbank des Fallbeils, fixieren seinen Kopf zwischen zwei Schiebern. Dann betätigt der Scharfrichter den Zug.

Nur fünf Minuten dauert die gesamte Prozedur, so steht es im Protokoll. Dort ist auch nachzulesen, dass im Nebenraum bereits die Vertreter des Anatomischen Instituts der Universität Berlin warteten, denen die Leiche zu Forschungszwecken übergeben wurde – sie tragen später die Kosten der Einäscherung. Und dass sich Berthold Wehmeyer in seinen letzten Minuten „friedlich“ verhalten habe. Diese Formulierung findet sich allerdings auch in den anderen Hinrichtungsprotokollen dieser Zeit. Sie ist vorgedruckt.

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