Zeitung Heute : Die Geschichte hinter der Technologie

STEFAN LÖFFLER

Experten bezweifeln, daß IBM mehr vom Schachtalent Deep Blue hat als Publicity VON STEFAN LÖFFLER

-Zwei Partien vor Schluß könnte es nicht spannender sein.Einmal gewann der Schachweltmeister Garri Kasparow, einmal der Computer.Zwei Spiele endeten unentschieden.Die Marketingstrategen von IBM sind zufrieden.Die Welt bleibt am Brett und erfährt nebenbei die Geschichte der Technologie hinter Deep Blue. Den RS 6000/SP verdankt IBM seine steigenden Marktanteile bei Großcomputern.In diesem Marksegment hat "Big Blue", wie der Konzern auch genannt wird, in den letzten zwei Jahren Hewlett-Packard und Silicon Graphics, Eigentümer von Cray, abgehängt.Genau genommen bezeichnet RS 6000/SP eine Baureihe.1990 kam die Workstation RS 6000 auf den Markt, vor drei Jahren dann die auf den gleichen Prozessoren basierende Parallelarchitektur SP.Diese Rechner sind frei skalierbar.Von einem bis 512 Prozessoren, vom Einstiegspreis 50 000 US-Dollar bis 94 Millionen US-Dollar ist alles möglich. Clive Harris, der bei IBM Entwicklung und Marketing koordiniert, schätzt, daß etwa 60 Prozent der verkauften SP kommerziell eingesetzt werden: als bessere Workstations, zur Verwaltung großer Datenbanken oder als Internetrechner wie bei der Telekom, die kürzlich 14 Stück orderte."Wirklich parallele Anwendungen gibt es aber fast nur in der Forschung", so Harris, "weil Wissenschaftler ihre Programme selbst schreiben können." IBM melkt aus seinem Schachcomputer derzeit Publicity so gut es geht.Ob Anzeigen, Plakatwerbung, Internet oder Pressemappen: überall heißt es, das Match gegen Kasparow sei weit mehr als ein Spiel.Es sei ein wissenschaftliches Experiment. Unabhängige Experten zweifeln, ob aus der Entwicklung von Deep Blue soviel gelernt werden kann.In der "realen Welt" gibt es für Berechnungen von Schachpositionen kein Äquivalent. Technologisch am interessantesten gilt die Koordination der speziellen Schachchips mit den Prozessoren des RS 6000/SP.Das spielt auch eine Rolle in einem jüngst begonnenen IBM-Projekt.Zur Simulierung chemischer Prozesse bei der Entwicklung von Medikamenten werden Spezialchips für den SP gebaut."Die Rechenarbeit ist wohl leichter zu verteilen als beim Schach", vermutet Hsu Feng-Hsiung von Deep Blue, aber genau weiß er es nicht.Nur zum Kaffeetrinken haben sich die beiden Gruppen bisher getroffen. Es ist längst kein Geheimnis mehr, daß sich IBM 1989 für das Schachprojekt entschied, um Publicitiy zu ernten.Forschen for Compliments sozusagen.Als einer der Meister, die das New Yorker Match für das Publikum kommentieren, in einem Fernsehinterview sagte, daß Deep Blue zur Heilung von Krebs führen könne, bekam jedoch selbst die neben ihm wachende PR-Frau weiche Knie.

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