Die Geschichte : Ikone der Nazis

Horst Wessel, ermordet am 23. Februar 1930: Joseph Goebbels machte ihn zum Helden, die Kommunisten beschimpften ihn als Zuhälter. Die Wahrheit ist banaler. Eine Rekonstruktion

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Der Heldentod kommt am Sonntagmorgen. Eine Stunde, bevor die Sonne aufgeht an diesem 23. Februar 1930. Seit sechs Wochen liegt Horst Wessel im Krankenhaus am Friedrichshain, es wird bald seinen Namen tragen. Die Mutter sitzt am Bett, wahrscheinlich schon die ganze Nacht, denn seit ihr Sohn am Vortag ins Koma gefallen ist, wird sie gewusst haben, dass es zu Ende geht. Um halb sieben weicht der letzte Rest Leben aus dem auf Haut und Knochen abgemagerten Körper. Im Obduktionsbericht heißt es: „Der Mann ist an allgemeiner Blutvergiftung gestorben.“ Und: „Die Blutvergiftung hat ihren Ausgang genommen von einer Schussverletzung des Kopfes, die in Rachen und oberer Halswirbelsäulengegend zu schweren eitrigen Verletzungen geführt hat.“

Die „Vossische Zeitung“ druckt anderntags eine fünfzeilige Meldung: „Der nationalsozialistische Student Horst Wessel, der am 14. Januar in seiner Wohnung in der Großen Frankfurter Straße 62 von Kommunisten überfallen und durch einen Halsschuss niedergestreckt worden war, ist am Sonntag früh seinen schweren Verletzungen erlegen.“ Die Meldung steht auf der vierten Seite, über den Gewinnzahlen der Preußisch-Süddeutschen Klassenlotterie.

Horst Wessel ist zu Lebzeiten keine große Nummer gewesen.

Das soll sich ändern. Joseph Goebbels, Hitlers Statthalter in Berlin, sucht einen Märtyrer für die braune Bewegung. Die Kommunisten haben ihren schon: Fritz Weineck, den „kleinen Trompeter“, 1925 von der Polizei erschossen. Die Nazis bekommen Horst Wessel: jung, Dichter eines noch fast unbekannten Kampfliedes, ermordet von Kommunisten. Noch an Wessels Todestag entwirft Goebbels in seinem Tagebuch die posthume Karriere des SA-Mannes: „Horst Wessel ist heute früh gestorben. Ein neuer Märtyrer für das Dritte Reich … Leb wohl, Du tapferer Junge. Du lebst mit uns weiter und wirst mit uns siegen.“

Goebbels macht aus Wessel den „Christussozialisten“, eine Art Schutzheiligen des Dritten Reiches. Schulen, Straßen und Plätze werden drei Jahre später nach ihm benannt, in Berlin ein ganzer Stadtbezirk. Friedrichshain, wo Wessel als Führer des 5. SA-Sturms das letzte seiner 22 Lebensjahre verbringt, heißt bis 1945 Horst-Wessel-Stadt. Das Horst-Wessel-Lied wird zur zweiten Nationalhymne. „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen! SA marschiert mit ruhig festem Schritt!“

Das ist die eine Geschichte.

Eine andere halten die Nazis bis zum Kriegsende unter Verschluss. Goebbels hat sie nach einem ersten Krankenbesuch bei Wessel in seinem Tagebuch skizziert: „Wie aus einem Roman von Dostojewski: der Idiot, die Arbeiter, die Dirne … das ist das Leben dieses 22-jährigen idealistischen Phantasten.“

Ja, Horst Wessel ist von einem Kommunisten erschossen worden. Aber vor allem ist der Mörder Albrecht Höhler eine Größe der Berliner Halbwelt. Heinz Knobloch beschreibt ihn in seinem Doku-Roman „Der traurige Epstein – wie der Tod zu Horst Wessel kam“ so: „Von Beruf Tischler, aber nicht bei seinen Brettern geblieben, sondern als Zuhälter bekannt und genannt in dieser Gegend unweit vom Alexanderplatz.“ Aus dem Milieu kennt er Wessels Freundin, eine ehemalige Prostituierte.

Die um ihren Ruf besorgte KPD stellt den Mord schnell als Folge eines Streits im Milieu dar. Zur Beerdigung pinseln Kommunisten an die Friedhofsmauer: „Dem Zuhälter Horst Wessel ein letztes Heil Hitler!” Bertolt Brecht spottet später aus dem Exil: „Bei der Suche nach einem Helden, der wirklich paßt, so daß man, an ihn denkend, sogleich an die Bewegung, und an die Bewegung denkend, sogleich an ihn denken mußte, entschied sich die nationalsozialistische Bewegung, sicher nach langem Schwanken, für einen Zuhälter.“

Die Ermittlungsakten im Fall Wessel galten lange als verschollen, bis sie der Historiker Daniel Siemens im NS-Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit aufstöberte. Sein kürzlich im Siedler Verlag erschienenes Buch „Horst Wessel – Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten“ schildert minutiös die bescheidene politische Karriere und das überhöhte Nachleben des SA-Mannes. Die Akten legen nahe, dass Wessel nicht dem politischen Straßenkampf zum Opfer fiel oder einem Streit im Milieu. Wahrscheinlich war alles eine Verkettung unglücklicher Umstände, geschuldet dem Geist einer Zeit, in der Mord und Totschlag Alltag waren.

Horst Wessel wächst auf als Sohn eines Feldgeistlichen, der im Ersten Weltkrieg für die deutsche Sache predigt. Der Sohn, Jahrgang 1907, zählt zu der kriegsvernarrten Generation, die zu jung gewesen ist für die Front und anderswo Kompensation sucht für die entgangenen Abenteuer. Nach dem Tod des Vaters schließt Wessel sich dem Wiking-Bund an, 1926 tritt er der SA bei und nimmt ein Jurastudium auf. Das sind zwei Welten, die nicht so recht zueinander passen wollen. Die Universität ist in den zwanziger Jahren noch Hort der geistigen und gesellschaftlichen Elite, während die Braunhemden ihren Ruf als sauflustige Krawallbrüder pflegen.

Es lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, wie weit Wessel sich dem proletarischen SA-Milieu angenähert und dessen Lebensweise adaptiert hat. Seine Familie aber sieht besorgt mit an, dass der älteste Sohn sich immer mehr von ihr entfremdet. Im Frühjahr 1929 bricht er das Studium ab, er übernimmt Gelegenheitsarbeiten und verdingt sich beim U-Bahnbau. Die NS-Propaganda macht daraus später den Wunsch Wessels, so nah wie möglich bei seinen Kameraden zu sein. Im roten Friedrichshain rekrutiert er so erfolgreich Personal für seinen SA-Sturm, dass die Kommunisten einen Steckbrief mit seinem Konterfei an die Häuserwände klebten: „Roter Arbeiter, merk dir das Gesicht: Horst Wessel, Sturmführer – Arbeitermörder!“

Im Oktober 1929 zieht Horst Wessel aus Mitte in die Große Frankfurter Straße nach Friedrichshain. Vielleicht auch, weil die elterliche Wohnung in der Jüdenstraße keine angemessene Adresse ist für einen SA-Mann. Er mietet sich ein bei Elisabeth Salm, 28 Jahre alt und Witwe eines Kommunisten. Frau Salm nimmt ihm reichlich Geld ab und fährt damit ins Rheinland. Als sie ein paar Wochen später zurückkehrt, ist ihr Untermieter nicht mehr allein. Horst Wessel hat eine Frau kennen gelernt. Im Café Mexico, einer schlecht beleumundeten Gaststätte im schlecht beleumundeten Scheunenviertel, geprägt durch Armut, Kriminalität, Prostitution. Wessels Freundin Erna Jaenichen geht dort auf den Strich.

Zu den Zuhältern, die das Mexico frequentieren, gehört auch Albrecht Höhler, genannt Ali. Ali Höhler ist ein schwerer Junge, 31 Jahre alt und 16-mal vorbestraft, groß, blond, am ganzen Körper tätowiert. 1924 ist er der KPD beigetreten und dem Roten Frontkämpferbund, dem kommunistischen Pendant zur SA. Der Zuhälter Ali Höhler und die Prostituierte Erna Jaenichen kennen sich, wie man sich im Milieu halt so kennt. Die KPD strickt daraus später die Legende, Wessel sei ebenfalls ins Gewerbe eingestiegen und habe seine Freundin bei Höhler abgeworben.

Beweise dafür gibt es nicht. Im Prozess sagt Erna Jaenichen aus, sie habe „diesen bestimmen Beruf“ nach der Bekanntschaft mit Wessel nicht mehr ausgeübt. Offensichtlich hat sie Einfluss auf ihren neuen Freund. Wessel lässt die politische Arbeit schleifen, meidet den Kontakt zu den Kameraden, seine letzte Rede hält er am 22. Oktober 1929. Als im Dezember sein jüngerer Bruder Werner bei einer Bergwanderung ums Leben kommt, wird aus der persönlichen Krise eine Lebenskrise. Wessel erleidet einen Nervenzusammenbruch, verlässt kaum noch die Wohnung. Und daraus erwächst das nächste Problem.

Wessels Zimmerwirtin ist die Sache mit den Untermietern langsam leid. Es geht dabei nicht um politische Inhalte, da ist die Witwe Salm eher simpel gestrickt. Vor Gericht erzählt sie, wie ihr Wessel den Unterschied zwischen Kommunisten und Nazis erklärt habe: „Die haben genau dasselbe Programm. Nur dass die Kommunisten es mit den Juden machen und die Nationalsozialisten das Judenvolk vertreiben wollen.“ Das wäre also geklärt. Aber was die Miete angeht, da könne es nicht angehen, dass Wessels Freundin kostenlos mitwohne und auch noch die Küche mitbenutze. Frau Salm will mehr Geld sehen. Wessel lehnt ab. Er will nicht zahlen und er kann auch nicht, seit dem Nervenzusammenbruch hat er keine Einkünfte mehr. Der Streit eskaliert. Frau Salm geht zur Polizei, bekommt aber nur zu hören, in Zeiten täglicher Straßenschlachten gebe es Wichtigeres als private Mietangelegenheiten.

Am Abend des 14. Januar 1930 hat Elisabeth Salm genug. In Begleitung ihrer Schwiegermutter macht sie sich auf zu den kommunistischen Freunden ihres verstorbenen Mannes. Im Lokal Baer an der Dragonerstraße im Scheunenviertel tagen Angehörige des 1929 verbotenen Roten Frontkämpferbundes. Die Stimmung ist aufgewühlt. Ein paar Stunden zuvor ist ein paar Straßen weiter der junge Kommunist Camillo Roß von Nazis angeschossen worden. Für die Geschichte mit den Mietstreitigkeiten interessiert sich keiner so recht, bis Frau Salm den Namen ihres Untermieters erwähnt. Einer im Lokal ruft: „Ach, das ist doch der lang gesuchte Wessel!“

Frau Salm freut sich über den Zuspruch und erfindet schnell noch ein paar bedrohliche Details: Wessel habe ihr mit der Pistole gedroht und in seinem Schrank eine Mitgliederliste des Roten Frontkämpferbundes deponiert. Schnell wird ein Trupp zusammengestellt, der Wessel eine proletarische Abreibung verpassen soll. Im Prozess fragt der Richter, was er denn darunter verstehen dürfe. Einer der 17 Angeklagten erwidert: „Eine proletarische Abreibung wird ohne Waffen vorgenommen, nur mit den Fäusten, aber so, dass der Betreffende ins Krankenhaus kommt.“

Gegen halb zehn bricht das Kommando auf. Durch das Straßengewirr des Scheunenviertels, vorbei am Alexanderplatz zur Großen Frankfurter Straße, heute heißt sie Karl-Marx-Allee. Nummer 62, Wessels Wohnhaus, ist etwa dort, wo sich jetzt das Kino International befindet. An der Tür steht: Wessel dreimal klingeln. Frau Salm vergewissert sich, dass ihr Untermieter zu Hause ist, dann bittet sie Höhler und zwei Begleiter herein, gibt das verabredete Klingelzeichen. Wessel erwartet Besuch, er öffnet die Tür und läuft direkt in den Lauf der Pistole, die Ali Höhler gegen alle Proletarier-Ehre bei sich trägt.

Vor dem Berliner Schwurgericht sagt Höhler: „ Ich sah, wie er zur Gesäßtasche griff und sagte mir blitzschnell: Halt, der Kerl will dich abmurksen.“ Er schießt sofort, Wessel stürzt, Höhler gibt ihm noch einen Tritt, „du weißt schon, wofür“. Erna Jaenichen sitzt mit einer Bekannten im Zimmer, sie erkennt Höhler sofort und ruft: „Du, Ali?“

Der Mörder verabschiedet sich schließlich mit den Worten: „Halt bloß die Schnauze, sonst kriegst du auch was ab.“

Frau Salm bettet den Schwerverletzten auf ihr Sofa. Im Prozess behauptet sie, Wessel habe es abgelehnt, einen um die Ecke wohnenden jüdischen Arzt zu holen. Ein Beweis dafür findet sich nicht. Um halb elf kommt ein Krankenwagen und fährt Wessel ins nahe gelegene Krankenhaus am Friedrichshain. Ein SA-Arzt protokolliert die Verletzung: „Schuss in den Mund gegen den Oberkiefer etwas nach links. Nebenader der linken Halsschlagader zerrissen. Wo die Kugel steckt, noch unbekannt, anscheinend am Halswirbel und nicht im Gehirn.“ Die Kriminalpolizei vermerkt: „Zustand soll hoffnungslos sein.“

Zur selben Stunde berät die Berliner KPD die Lage nach dem dilettantischen Unternehmen des Rollkommandos aus dem Scheunenviertel. Noch in der Nacht müssen Höhler und seine Kumpanen ihre Parteibücher verbrennen. Höhler bekommt einen gefälschten Pass und wird nach Prag geschleust. Die KPD bestellt Elisabeth Salm ins Karl-Liebknecht-Haus und schärft ihr die Geschichte vom Streit unter Zuhältern ein. Die „Rote Fahne“ titelt am 16. Januar 1930: „SA-Führer aus Eifersucht umgelegt!“ Zu den Lokalreportern des Parteiblattes gehört in diesen Tagen ein gewisser Erich Mielke. Im August 1931 erschießt er aus dem Hinterhalt zwei Polizisten und setzt sich bis auf weiteres nach Moskau ab.

So diszipliniert verhält sich Ali Höhler nicht. Nach ein paar Wochen hat er das Leben in Prag satt, kehrt nach Berlin zurück und bittet um Unterstützung bei der Partei. Wie die NSDAP spannt auch die KPD die Halbwelt gern für die Agitation in den Proletariervierteln ein. Aber nach außen will sie mit zwielichtigen Gestalten wie Ali Höhler nichts zu tun haben. Niemand weiß, wer der Polizei einen anonymen Tipp gegeben hat, aber ein paar Stunden nach seinem Besuch im Karl-Liebknecht-Haus nimmt eine Streife den steckbrieflich gesuchten Mörder fest. In der „Roten Fahne“ wird der alte Rotfrontkämpfer als Polizeispitzel denunziert. Höhler fühlt sich verraten und packt aus. Nach ein paar Wochen sind fast alle Beteiligten am Wessel-Mord verhaftet.

Am 22. September 1930 beginnt vor dem Schwurgericht an der Turmstraße der Prozess gegen Albrecht Höhler und 16 Mittäter. Die KPD dementiert jede Verbindung zu den Angeklagten, aber über die Rote Hilfe finanziert sie Anwälte, darunter Hilde Benjamin, sie wird später Justizministerin der DDR und dort als Vorsitzende Richterin eine Reihe von Schauprozessen leiten. Die Anklage lautet zwar nur auf Totschlag, aber mit seiner Notwehrversion kommt Höhler nicht durch. Das Gericht verurteilt ihn zu einer Zuchthausstrafe von sechs Jahren und einem Monat. Die Witwe Salm muss für anderthalb Jahre ins Gefängnis, außerdem spricht das Gericht elf weitere Freiheitsstrafen aus und vier Freisprüche. Joseph Goebbels verfolgt den Prozess für das Naziblatt „Der Angriff“ und spricht sein eigenes Urteil über die Täter: „Sie müssen zu Brei und Brühe geschlagen werden.“

Der Mann hält Wort. 1933 rollt die NS-Justiz das Verfahren neu auf. Es gibt Todesurteile gegen zwei Mitläufer, jahrelange „Schutzhaft“ für alle Beteiligten, nur vier von ihnen überleben die NS-Zeit. Elisabeth Salm kommt 1945 im KZ Bergen-Belsen um. Und Ali Höhler? Im August 1934 sitzt der Todesschütze im schlesischen Wohlau seine Zuchthausstrafe ab, als ihn die Gestapo zum Verhör nach Berlin bestellt. Am 20. September soll er im Polizeiauto zurück nach Schlesien gebracht werden, aber die Reise endet schon in den Wäldern östlich von Berlin. Ein SA-Kommando erwartet ihn. Ein Augenzeuge berichtet, Gestapo-Chef Rudolf Diels habe Höhler auf dem Weg zur Hinrichtung gefragt: „Na Höhler, was ist nun?“ – „Na, ick kriege eene jeballert, det ist doch klar!“

Zurück in Berlin verkündet der Gestapo-Chef feierlich: „Der Mord an Horst Wessel ist gesühnt!“

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