Die Geschichte : Muse oder Monster

Lou Andreas-Salomé und Nietzsche: Eine gescheiterte Liebe mit Folgen. Zum 150. Geburtstag einer großen Intellektuellen

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Lou Andreas-Salomé.
Lou Andreas-Salomé.Foto: picture-alliance / akg-images

Berlin, Anhalter Bahnhof, am Vormittag des 15. Juni 1882. Ein Mann wartet auf die Züge aus Hamburg. Er will jemanden abholen. Oder vielmehr: abfangen? Die vierfünftelblinden Augen des früheren Baseler Professors, 37 Jahre alt, taxieren die Ankömmlinge. Es kann nicht schwer sein, die Erhoffte in der Menge auszumachen: groß, schlank, blond, im hochgeschlossenen schwarzen Kleid, sehr blaue Augen.

Friedrich Nietzsche, der einmal durch Selbstvorstellungen wie „Ich bin Dynamit!“ auffallen wird, will die 21-jährige Petersburger Generalstochter Lou von Salomé treffen, und wenn es nur für die Zeit ist, die sie zum Umsteigen braucht, in den nächsten Zug nach Westpreußen. Dort wohnt sein Freund, der Philosoph Paul Rée. Er ist jetzt auch ihr Freund. Es ist eine Machtprobe.

Der jungen Frau wegen hatte Friedrich Nietzsche bereits erwogen, den Frühsommer an dem seiner empfindlichen Gesundheit unzuträglichsten Ort weit und breit zu verbringen: „Ich will nach Berlin reisen, in der Zeit, wo Sie in Berlin sein werden, und von da mich sofort in einen der schönen tiefen Wälder zurückziehen“, welche er um die Stadt vermutet. Unmöglich, sie werde nicht lange genug bleiben, um ihn zu sehen, hatte die zu Besuchende geantwortet. Also dann auf ein kurzes Treffen am Bahnhof? Nein, lautet die bündige Auskunft. – Der Wille des Denkers des „Willens zur Macht“ gegen den eines Mädchens.

Die letzte schlechte Nachricht hatte ihn erst am Vortag erreicht, worauf der Entschluss in ihm reifte: „Meine liebe Freundin, seit einer halben Stunde bin ich melancholisch, und seit einer halben Stunde frage ich mich, warum?“ Er könne, fuhr er fort, keinen anderen Grund finden als ihre Absage. Und nun solle sie einmal sehen, „was für ein Mensch“ er sei. „Also: morgen früh um 11 Uhr 40 will ich in Berlin sein, Anhalter Bahnhof.“ Welche junge Frau würde ihre Reisepläne nicht spätestens jetzt ändern? Nun gut, Lou von Salomé hatte bereits zwei seiner Heiratsanträge abgelehnt. Aber er weiß, sie will ihn näher kennenlernen. Vor allem seine Philosophie.

Noch scheint Friedrich Nietzsche nicht der Gedanke gekommen zu sein, dieses Menschenkind könne große Ähnlichkeit haben mit dem „Übermenschen“, der längst an den Rändern seines Bewusstseins zu dämmern beginnt. Der Name eines der folgenschwersten Missverständnisse der näheren Zukunft – er ist schon gefunden. Die Amerikaner werden ihn als Comicfigur, als „Superman“ importieren. Darüber hätte der Philosoph notfalls lachen können. Dass sich in Deutschland einmal jeder SS-Mann gemeint fühlen wird, gewissermaßen als „Herrenmensch“ der selbst ausgerufenen Epoche – darüber gewiss nicht.

Der „Übermensch“, war er in seiner ersten Verkörperung gar ein „Übermädchen“? Der Autor kennzeichnet ihn als „das Ideal eines Geistes, der naiv, das heißt ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mit Allem spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hieß.“ – Genauer kann man nicht sagen, wie diese Petersburger Generalstochter ihm erscheint. Genauer ist auch die außergewöhnliche Kindheit der Lou von Salomé kaum in einen Satz zu fassen.

Ihr bester Spielgefährte war Gott. Er widersprach nie, er bestätigte dem Kind stets aufs Neue die eigene Mädchenherrlichkeit. Er war der Spiegel, in dem es jeden Morgen, jeden Mittag und Abend sein Bild anschaute. Und wenn es in die wirklichen hohen Spiegel der großen Petersburger Generalswohnung gegenüber dem Winterpalais blickte, war das Kind auch über Gottes Unsichtbarkeit vollends beruhigt. Denn statt der eigenen Unendlichkeit erblickte es darin nichts als ein lächerlich kleines Mädchen, „so abgegrenzt … so gezwungen, beim Übrigen, sogar Nächstliegenden einfach aufzuhören“. Nein, Lou von Salomé war schon damals nicht geneigt zu glauben, „dass ich nur das war, was ich da sah“.

Dass ihr Gott nicht viel sprach, ja streng genommen gar nicht, hat sie nie gestört – Philosophen bemerken nur selten, dass ihnen keiner antwortet. Der Herr war der ideale Zuhörer. Das Mädchen belächelte derweil die starren, devoten Gottesübungen seiner Familie. Dass andere Gott für einen Oberbefehlshaber hielten, musste die Generalstochter sehr erstaunen. Sie darf als legitime Vorfahrin der schwer erziehbaren Kinder der Zukunft gelten.

Niemand besaß die Befehlsgewalt über die kleine Lou von Salomé. Nicht einmal ihr alter Vater hugenottischer Herkunft. Ihm hatte der Zar maßgeblich die Niederschlagung des polnischen Aufstandes von 1831 zu verdanken, aber sich gegen seine Tochter zu erheben, wäre ihm nie in den Sinn gekommen.

Natürlich ist die Geschichte des Mädchens und Gottes die Geschichte einer Verwechslung. Das Unendliche spiegelt das Endliche, die ganze Welt das eigene Ich. Diese Geschichte wiederholt sich in jeder Kindheit, auch wenn der Name des Herrn nie fällt. Es gehört keine psychoanalytische Vorbildung dazu, um in ihrem Fall einen vollendet ausgeprägten Narzissmus zu diagnostizieren.

Viele Lou-Andreas-Salomé-Kundige überrascht es noch immer, wie diese Frau von Nietzsche und Rainer Maria Rilke her schließlich zu Freud gelangen konnte. Sie wird 1911 sofort wahrnehmen, dass dieser Wiener Arzt ihre ureigenste Sache verhandelt. Aber ausnahmsweise nicht als Rätsel einer Krankheit, im Gegenteil, als Geheimnis einer übergroßen Gesundheit, eines vollkommenen Ruhens in sich selbst. Diese beispiellose Sicherheit wird Rilke an sie binden.

Nur durch sie hänge er doch überhaupt mit dem Seienden zusammen, wird er sagen. Auch diese seelische Übergesundheit vergisst Friedrich Nietzsche nicht, wenn er über die Konstitution des „Übermenschen“ spricht: „Wir Neuen, wir Namenlosen, Schlechtverständlichen, wir Frühgeburten einer unbewiesenen Zukunft – wir bedürfen zu einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit, einer stärkeren, gewitzteren, zäheren, als es alle Gesundheiten bisher waren.“ Lou hat sie trotz ihres schlimmen „Bluthustens“. Der Wartende am Anhalter Bahnhof besitzt sie nicht.

Drei Monate zuvor haben sie sich kennengelernt, in Rom, im Petersdom. Nietzsche hatte sie und Rée in einem besonders gut zum Licht stehenden Beichtstuhl gefunden, in dem sein Freund zu arbeiten pflegte. Reé entwarf dort eine große Studie über den ganz und gar ungöttlichen Ursprung des Gewissens. Nietzsche entschloss sich zu den Lou-Begrüßungsworten: „Von welchen Sternen sind wir hier einander zugefallen?“ Das war unverfänglich, gebührend originell, poetisch gleichermaßen und zugleich eine Art kosmischer Heiratsantrag. Schon im allerersten Satz. Dass Paul Rée bereits vergebens versucht hatte, dieses Mädchen zu heiraten, wusste Friedrich Nietzsche nicht und weiß es in der Bahnhofsstunde noch immer nicht. Dass man ganz offen, also ganz gottlos mit ihm sprechen konnte, weiß er längst.

In den „weiten Falten und Taschen des Gottesmantels“ (Lou Andreas-Salomé) hatte sie gewohnt. Bis das Kind plötzlich begriff, was Vergänglichkeit ist. Von einem Augenblick auf den nächsten war sie eine Himmelsheimatvertriebene. Es kommt darauf an, alles, was diese Frau später so unverlierbar über Religion, über Psychoanalyse, über Erotik und über die Frauen geschrieben hat, vor diesem Hintergrund zu lesen. Der Gottverlust war die Katastrophe ihrer Kindheit – er machte das Mädchen zur Denkerin. Vielleicht war Lou Andreas-Salomé die erste Intellektuelle Deutschlands, ganz von selbst auf Nietzsches Problemhöhe: Wie denke ich einen leeren Himmel? Die tiefer Wissenden beginnen nie aus Übermut zu denken, nicht wie die Aufklärer, sondern oft sehr unfreiwillig, als Hinterbliebene einer verlorenen Fülle.

Die intellektuelle Existenz des Mädchens Lolja begann spätestens in dem Augenblick, als die 17-Jährige den Religionsunterricht der deutsch-reformierten Kirche in Petersburg besuchen sollte. Diesmal konnte sie der alte General nicht freistellen, denn er selbst hatte diese Kirche gegründet. Der Gott ihrer Kindheit war ein lebendiger Gott gewesen, der leider nicht existierte, aber wenn er existierte, täte er es niemals in dieser grundverkehrten Weise, wie ihr neuer Religionslehrer, dieser Schulmeister des Herrn behauptete. Er schreckte nicht einmal davor zurück, Existenz, Macht, Rechte und Güte des Höchsten zu beweisen. Und seine Allgegenwart. Er gelangte bis zu dem Satz, dass es keinen Ort gäbe, an dem Gott nicht gegenwärtig sei, als er den zornigen Zwischenruf einer Schülerin vernehmen musste: „Doch, die Hölle!“

Sie wusste, sie musste auf der Stelle aus der Kirche austreten. Es gab nur eine Schwierigkeit. Ihr Vater war schwer krank, und die Nachricht, dass die Tochter des Kirchengründers aus dieser austritt, würde ihn nicht gesünder machen. Eine große Gewissensnot ergriff das Mädchen, trieb sie durch das Studium sämtlicher abendländischer Philosophen und ganzer Religionsgeschichten, und nach dem Tod des Vaters bis an die Universität von Zürich. Das Urteil ihres Theologieprofessors, geäußert gegenüber der besorgten, all dem machtlos gegenüberstehenden Mutter: „Ihre Tochter ist ein Wesen ganz ungewöhnlicher Art: von kindlicher Reinheit und Lauterkeit des Sinns und zugleich wieder von unkindlicher, fast unweiblicher Richtung des Geistes und in beiden ein Diamant.“ Das letzte Wort hatte der Professor unterstrichen. Ein Diamant funkelt, aber kein Stein ist härter als er. Und mit einem Willen von solcher Konsistenz will der Denker des „Willens zur Macht“ sich messen? „Der Wille zu …“ Was für ein Anlauf. Was für ein Entschluss, wollen zu wollen. Sie braucht keine Anläufe. Sie kommt nicht.

Als Friedrich Nietzsche das irgendwann an diesem 15. Juni 1882 einsieht, fährt er in den Grunewald, um sich vom Anhalter Bahnhof zu erholen. Mit Schrecken nimmt er wahr, dass der Grunewald fast noch voller ist als der Bahnhof. Die Lage des bald folgenschwersten Philosophen weit und breit ist verzweifelt: „In Berlin war ich wie ein verlorener Groschen, den ich selber verloren hatte und dank meiner Augen nicht zu sehen vermochte, ob er mir schon vor den Füßen lag, so daß alle Vorübergehenden lachten.“

„Werdet hart!“, wird sein Zarathustra bald einem ganzen Zeitalter zurufen. Sein Autor aber, der von dem Buch, das er gleich schreiben wird, noch gar nichts weiß, wird ganz weich. Er teilt Lou mit, seine „anscheinend sehr thörichte Reise“ habe ihn sowohl über den Grunewald als auch über sich selbst aufgeklärt. Soll heißen: Er verzichtet jetzt und künftig auf ähnliche Eigenmächtigkeiten. Soll sie nur sagen, was sie mit ihm vorhat. Noch lautet der gemeinsame Herbstplan: Wien, bereits ab September. Er erklärt ihr schon mal, wie er dort einzutreffen gedenkt: „Mein Wunsch in Betreff Wiens ist jetzt, wie ein Paquetstück in ein Zimmerchen des Hauses abgesetzt zu werden, in welchem Sie wohnen wollen. Oder im Hause nebenan, als Ihr getreuer Freund und Nachbar F.N.“

Es sollte keine Zusammenkunft mehr in Wien geben. Das Drama hat noch mehrere Akte. Einer spielt, schon im August, im thüringischen Tautenburg. Nietzsche ist allein mit Lou, obgleich unter Oberaufsicht seiner Schwester Elisabeth, der sich beide immer wieder entziehen. Nietzsche, später Frauenfeind ersten Ranges, erklärt Lou zu seinem „Geschwistergehirn“, doch sie spürt zu sehr den werbenden Mann und flieht schließlich zurück zu Rée, der sich längst in die Rolle gefügt hatte, die sie den Männern vorerst allein zugestand: in die eines Bruders.

Der letzte Akt: Lou und Rée kehren im Spätherbst nach Berlin zurück und gründen mit lauter hoffnungsvollen Jungintellektuellen einen Denkerzirkel. Den Vorsitz hat sie. Friedrich Nietzsche, der sich inzwischen von Mutter und Schwester losgesagt hat, schreibt suizidale Verzweiflungsbriefe nach Berlin: „Beunruhigt Euch nicht zu sehr über die Ausbrüche meines ‚Größenwahns‘ oder meiner ,verletzten Eitelkeit‘ – und wenn ich selbst aus irgend einem Affekte mir zufällig einmal das Leben nehmen sollte, so würde auch da nicht allzuviel zu betrauern sein. … Zu dieser, wie ich meine, verständigen Einsicht in die Lage der Dinge komme ich, nachdem ich eine ungeheure Dosis Opium … eingenommen habe.“

Er wartet auf ein erlösendes Wort von ihr. Sie sagt es nicht. Der Denker des Übermenschen gerät aus der Fassung, sobald er dem ersten Exemplar dieser neuen Gattung begegnet.

Seiten um Seiten füllt er mit Charakteristiken Lous, und dann plötzlich, im Januar 1883 geschieht es. Der akut selbstmordgefährdete Philosoph schafft sich gewaltsam einen offenen Himmel: Er wird hineingerissen in einen Schaffensrausch ohnegleichen, der „Zarathustra“ entsteht, dieses Kultbuch von Generationen, schließlich neben Hitlers „Mein Kampf“ und Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ niedergelegt im Tannenberg-Denkmal. Auch Bücher haben Schicksale.

Mit Lou sollte seine „Rückkehr zu den Menschen“ beginnen, sie wurde sein endgültiger Abschied von den Menschen. Alle Gewaltsamkeiten, Verhärtungen, Grausamkeiten in Nietzsches Werk lassen sich datieren: post Lou. Aber auch der Dichter Nietzsche beginnt erst jetzt zu reden.

Ihr erster, allseits gelobter Roman „Im Kampf um Gott“ wird eine Nietzsche-Figur zum Helden haben. Ihre klugen Nietzsche-Aufsätze – der Denker lebte längst in geistiger Umnachtung - öffnen ihr die geistigen Bühnen Deutschlands.

Als sie Nietzsche kennenlernte, war sie 21, er 37 Jahre alt. Als sie 36 ist, verheiratet mit dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas, der die Reden des wirklichen Zarathustra ins Deutsche überträgt, lernt sie einen 21-Jährigen kennen, und noch einmal werden der Lou-Raum und der Gottesraum identisch:

Lösch mir die Augen aus: ich kann Dich sehn / Wirf mir die Ohren zu: ich kann Dich hören / Und ohne Fuß noch kann ich zu Dir gehen / Und ohne Mund noch kann ich Dich beschwören / Brich mir die Arme ab: Ich fasse Dich / Mit meinem Herzen wie mit einer Hand / Reiß mir das Herz aus und mein Hirn wird schlagen/ Und wirfst Du mir auch in mein Hirn den Brand / So will ich Dich auf meinem Blute tragen.

Es ist ein Gedicht aus dem „Stundenbuch“, man hat es immer für eine etwas exzentrische Gottesmeditation gehalten, aber es galt einer Frau, es galt ihr. Erst Lou wird René Maria Rilke den Namen Rainer geben.

Gottvertrauen. Es wird für ihn über Jahre, ja, im Grunde bis an sein Lebensende vor allem eins sein: Louvertrauen.

Von der Autorin ist gerade das Buch „Lou Andreas-Salomé. Der bittersüße Funke Ich“ im Propyläen-Verlag erschienen.

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