Die Geschichte : verschleppt, verschwunden, vergessen

Über 30 000 Menschen ließ die Militärdiktatur Ende der 70er Jahre in Argentinien ermorden. Nun beginnt in Buenos Aires der Prozess gegen die Schergen des größten Folterlagers. Ein Besuch bei Opfern in Patagonien und Hessen: Zwei Deutsche, die der Terror bis heute verfolgt

Anna Kemper
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Das grösste Folterlager der argentinischen Militärdiktatur: die ESMA in Buenos Aires. -Foto: Anna Kemper

Vor einem Jahr, an einem sonnigen Frühlingstag, die Blumen blühten auf den Gräbern, begrub Desiderius Stawowiok seinen Sohn. Die Urne mit der Asche hielt er in der Hand, „Rolfi“, sagte er, „du gehst jetzt zu den Unsrigen, da bist du gut aufgehoben“. Dann lag die Urne in dem kleinen Grab, 70 mal 70 Zentimeter, auf dem deutschen Friedhof von Buenos Aires. Desiderius Stawowiok bedeckte sie mit Erde.

„Es war“, sagt er, „als hätte ich Rolfi zu Bett gebracht.“

Rolf Stawowiok wäre heute 52 Jahre alt, ein älterer Mann, vielleicht mit grauem Haar wie sein Vater. Doch in Desiderius Stawowioks Erinnerungen ist Rolf immer Rolfi geblieben, ein Kind, das man zu Bett bringt, ein junger Mann, den man beschützt. Denn sein Sohn, dessen Asche er an diesem Frühlingstag in der Hand hielt, war vor mehr als 30 Jahren verschwunden.

Dienstag, 21. Februar 1978. Seit zwei Jahren herrscht in Argentinien das Militär. Rolf Stawowiok, 20 Jahre alt, verlässt den metallurgischen Betrieb, in dem er als Chemiker arbeitet. Es ist das Letzte, was man von ihm weiß. Kurz darauf stürmen vier schwer bewaffnete Sicherheitsbeamte die Wohnung der Familie Stawowiok im Stadtteil Balvanera, durchsuchen sie zwei Stunden lang, fragen Mutter und Schwester nach Rolf. Einer zeigt auf die Kette, die die Schwester um den Hals trägt: „Die trägst du auch auf dem Foto!“ Rolf hat immer ein Foto seiner Schwester bei sich. Für die Familie ist klar: Rolf ist in der Gewalt des Militärs.

Von Entführten hatte Desiderius Stawowiok schon gehört. Aber was mit ihnen passierte, wusste er nicht, sie wurden einfach zu Verschwundenen. Desaparecidos. Doch er ahnte, was später, Mitte der 80er Jahre, bekannt wurde, als in Argentinien die Militärdiktatur der Demokratie wich: Die Entführten wurden gefoltert und ermordet. Die Täter aber waren bald durch Amnestiegesetze geschützt.

2003 hob die argentinische Regierung die Amnestie auf. Und jetzt, 30 Jahre nach dem Staatsterror, eröffnet das Strafgericht in Buenos Aires in den kommenden zwei Wochen zwei Großverfahren: gegen Angehörige des ersten Heereskorps, das für eine ganze Reihe geheimer Haftzentren in der Hauptstadt verantwortlich war. Und gegen die Schergen der ESMA, des größten Folterzentrums des Landes, das der Marine unterstand. Bis zu 30 000 Menschen entführte und ermordete die Militärdiktatur. Unter ihnen ungefähr rund 100 Deutsche und Deutschstämmige.

Desiderius Stawowiok, 84, wohnt in Viernheim, einer Kleinstadt am Rand von Mannheim, Einzimmerwohnung, Hartz IV. Adriana Marcus, 54, Ärztin, lebt in Zapala, im Norden Patagoniens. Zwei Menschen, die sich nie gesehen haben, vollkommen unterschiedlich sind – und doch miteinander verbunden durch eine Zeit, die eine tiefe Wunde in ihr Leben riss. Zwei Geschichten, die im Deutschland der Nazizeit beginnen und bis heute nicht zu Ende sind: die eines Vaters, dessen Sohn getötet wurde. Und die einer Frau, die das Folterlager überlebte.

Viernheim, im Sommer. Die Sonne scheint durch die offene Balkontür in die Wohnung von Desiderius Stawowiok. Er hat ein wenig Platz geschaffen zwischen all den Büchern und Papieren, den Kartons und Kisten und Ordnern, die sich in der kleinen Wohnung stapeln, auf dem Schreibtisch, den Regalen, dem braunen Sofa, dem PVC-Boden. Papiere, die auch das Verschwinden seines Sohnes dokumentieren. Jeden Tag wolle er all das sortieren, entschuldigt er sich, aber es käme immer irgendwas dazwischen.

Ein einfacher Mensch ist Desiderius Stawowiok nicht. Das sagt er auch selbst von sich, es klingt, als sei er stolz darauf. Wenn man mit ihm spricht, stellt zunächst er die Fragen: ob man wirklich nur für eine Zeitung arbeite, oder nicht doch für jemand anders? Warum man sich denn für die Verschwundenen während der Diktatur interessiere? Ob man überhaupt irgendetwas wisse von der Geschichte Lateinamerikas? Dem Misstrauen folgt überbordendes Vertrauen, er zeigt Fotos, kopiert Unterlagen, begleitet einen zur Bahn. Misstrauen und Vertrauen wechseln sich ab, bei jedem Besuch, jedem Anruf. Es ist, als traue Desiderius Stawowiok sich selbst nicht mehr, wenn es darum geht, jemandem zu trauen. Vielleicht hat er in seinem Leben zu oft an das Falsche geglaubt: an den Krieg, an die Nazis, an das argentinische Militär, an die Hilfe der Deutschen.

In Bielitz, Ost-Oberschlesien, polnisch seit 1920, mehrheitlich von Deutschen bewohnt, wuchs Desiderius Stawowiok auf. Geboren am Heiligabend 1922, die Familie streng katholisch. 1939, kurz vor Kriegsausbruch, fragte er sich: Auf welcher Seite stehe ich? Ich bin Katholik, und die Polen sind es doch auch! Da sagte ihm einer: Hier geht es um das Deutschtum. Und so zog Desiderius Stawowiok in den Krieg, freiwillig, um das Deutschtum zu verteidigen. Das Deutschtum war ihm wichtig.

Er ging zu den Fallschirmjägern, lernte den Beruf des Sprengmeisters, schwärmt noch heute von der Kameradschaft. „Den Nationalsozialismus“, sagt er, „habe ich von seiner besten Seite kennengelernt.“ Den jüdischen Bewohnern seiner Heimatstadt ging das anders. Sie wurden abtransportiert und umgebracht, bis nach Auschwitz waren es nur 25 Kilometer.

Nach dem verlorenen Krieg wollte Desiderius Stawowiok weg, raus aus Europa, egal wohin. Über Spanien kam er im März 1948 nach Argentinien, arbeitete bei „Fabricaciones Militares“, einer Art industriellen Aufbauhilfe des Militärs, in einem Dorf in der Provinz Córdoba. Er lernte Luz Divina kennen, sie heirateten, bekamen zwei Kinder: Alicia und Rolf. Sie zogen in die Hauptstadt.

Desiderius Stawowiok, Fallschirmjäger, Sprengmeister, mittlerweile Spezialist in der Entwicklung von Hohlladungen für die Panzernahbekämpfung, war in einem neuen Leben angekommen.

Seine Kinder wuchsen in einem Land auf, dessen politische Situation immer instabiler wurde. Dem autoritären Staatschef Juan Perón, 1955 gestürzt, folgten elf Präsidenten bis Mitte der 70er Jahre, dreimal putschte das Militär. Rechte und linke Guerillas bekämpften sich, 1973 organisierte ein späterer Minister der Diktatur Todesschwadronen, die im Auftrag der Regierung linke Gruppierungen ausschalteten. Schon zu dieser Zeit verschwanden Oppositionelle oder wurden ermordet.

Mitte der 70er Jahre schloss sich Rolf Stawowiok, ein kindlicher Junge, ein guter Sportler, der ein Talent dafür hatte, Leute zu imitieren, der „Union de Estudiantes“ an, einem Zweig der linken, peronistischen Guerilla der Montoneros. Sie verteilten Flugblätter, klauten Autos, schlugen die Scheiben von ausländischen Banken ein, schrieben Graffiti: „Wenn Evita heute lebte, wäre sie Montonera!“

Nach dem Putsch im März 1976 begann die Militärjunta um Oberbefehlshaber Jorge Videla, systematisch und brutal ihre Gegner auszuschalten. Jeder, der auch nur im entferntesten im Verdacht stand, links zu sein, war in Gefahr. „Erst werden wir die Subversiven töten, dann ihre Kollaborateure, dann ihre Sympathisanten, danach die Gleichgültigen und zum Schluss die Ängstlichen“, sagte der Gouverneur der Provinz Buenos Aires 1977 in einer Rede.

Desiderius Stawowiok wusste, dass sein Sohn mit den Montoneros sympathisierte, „du musst da raus, Rolfi!“, sagte er, nach Brasilien vielleicht, dort besaß er gute Kontakte. Jemand muss doch etwas tun, Papa!, sagte Rolf. Was genau Rolf tat, erfuhr Desiderius Stawowiok erst später: Er half bei der Herstellung von Zyankalikapseln, die die Montoneros mit sich trugen.

Adriana Marcus bewahrte die kleine schwarze Kapsel in ihrem Portemonnaie auf. Sie wusste: Du musst nur die Plastikhülle zerbeißen, wenn sie dich holen. Dann ist es vorbei. Als sie tatsächlich geholt wurde, blieb ihr dafür keine Zeit.

Adriana Marcus ist Jüdin. Als Desiderius Stawowiok in der Uniform der Nazis für das Deutschtum zu kämpfen begann, waren ihre Eltern vor diesem Deutschtum bereits geflohen. Ihr Vater, geboren in Mülheim an der Ruhr, kam mit seiner Familie 1937 über Holland nach Argentinien, die Mutter, geboren im Schwarzwald, ein Jahr später. Die Verwandten, die die Flucht nicht schafften, starben in Theresienstadt und Auschwitz.

Unter den Deutschen, die während der Militärdiktatur in Argentinien verschwanden, sind viele Juden: Sie heißen Marcelo Weisz, Leonor Marx, Ricardo Wettengel oder Walter Rosenfeld. Ihre Eltern waren wie Adrianas Eltern geflohen aus der alten Heimat, die ihre Familien ermordete, ihre Geschwister, ihre Onkel, ihre Tanten, ihre Großeltern. Sie fanden Zuflucht in einem Staat, der ihre Kinder töten sollte.

Adriana Marcus hat überlebt. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Ärztin am nördlichen Rand Patagoniens, in Zapala, einer Stadt inmitten eines Nichts aus gelbgrünem, fahlem Gras und Lavagestein, über das der Wind fegt. Nur zähe Pflanzen halten es hier aus.

Adriana Marcus mag diese Landschaft, sie fährt gern raus an den See, wo es hügeliger wird, irgendwo dahinter beginnen die Anden. Am liebsten würde sie hier draußen wohnen, in einer Hütte, autark, abgeschieden. Als Kind hat sie mit ihren Eltern und Geschwistern oft im Zelt die Ferien verbracht, das ganze Land hat sie so kennengelernt: den trockenen Norden, der fast wie das bolivianische Hochland aussieht. Den Süden mit seiner endlosen Weite. Sie hat diese Urlaube geliebt.

In ihrem Haus ist die Küche geschnitzt aus dunklem Holz, die Regale voll mit Kräutergläsern, auf den Stühlen warme Felle. Draußen gackern Hühner, drinnen streicht ein Kater um Adriana Marcus’ Beine, sie kocht Zwiebelsuppe, gut gegen die Kälte, die durch die Ritzen kriecht.

Adriana Marcus ist 54 Jahre alt, ihr lockiges Haar grau, ihre Stimme hell. Deutsch ist ihre Muttersprache, ihre Eltern, die seit mehr als 70 Jahren in Buenos Aires leben, reden bis heute Deutsch miteinander. Doch wenn Adriana Marcus über die Zeit ihrer Jugend spricht, die auch die Zeit von Rolf Stawowioks Jugend ist, wechselt sie in das weiche Spanisch der Argentinier.

Sie erzählt von der Aufbruchsstimmung, die vor allem die Jungen, die Studenten, die Intellektuellen gepackt hatte. Die Kubanische Revolution, Paris 1968, Salvador Allende in Chile. Sie hörten die Lieder von Victor Jara, der nach dem Putsch in Chile gegen Allende umgebracht worden war. Lieder, die das Bild einer Gesellschaft entwarfen, die anders war als jene, die die Realität bestimmte: In den Staaten rund um Argentinien war das Militär bereits an der Macht. Als Adriana Marcus 1974 begann, Medizin zu studieren, lief sie durch Flure, in denen politische Plakate hingen „wie Wäsche auf Leinen“.

Sie selbst stand nie still, studierte morgens, arbeitete danach acht Stunden als Krankenschwester, kam selten vor elf Uhr abends heim. Mit Kommilitonen ging sie in die Slums, um Kinder zu versorgen. Mit den Dozenten in Fabriken, wo sie den Arbeitern ihre Rechte erklärten.

Die Jahre vor der Diktatur, Adriana Marcus empfand sie „wie einen Frühling“. Alles schien möglich, dachte sie, dachte Rolf Stawowiok, vielleicht sogar eine Revolution. Jede der unzähligen linken Gruppierungen kämpfte für ihre Vision dieser Revolution. Viele mit Waffen.

Adriana Marcus gehörte zu den Montoneros. Ihre Aufgabe war, als Ärztin zu helfen, sollten Compañeros im Untergrund ihre Hilfe brauchen. Nicht ein einziges Mal kam es zu einem Einsatz. Eine Waffe trug sie nie.

Samstag, 26. August 1978. Adriana Marcus will umziehen, in eine neue Wohnung, mit ihrem Vater fährt sie am Nachmittag zu ihrer alten, ein paar Sachen holen. Ihr Vater wartet im Auto auf sie. In der Wohnung die Entführer.

Ein Sekundenbruchteil, Schlüssel ins Schloss, Tür auf, jemand wirft sie auf den Boden, stülpt ihr eine Kapuze über den Kopf. Dunkelheit. Dann hört sie einen Schrei. Ihren eigenen. Adriana Marcus, die seit ihrer Kindheit auf Spanisch denkt, durchzuckt ein Gedanke, sie denkt ihn auf Deutsch: „So ist es, wenn man stirbt.“

Die Dunkelheit unter der Kapuze hält lange an. Während der Autofahrt quer durch die Stadt. In einem Kellerraum, wo sie ausgezogen wird. Wo man so tut, als schneide man ihr die Pulsadern auf, erst ein kaltes metallenes Gefühl auf der Haut, dann eine warme Flüssigkeit. Dunkel ist es, als sie die Schläge auf Arme und Beine spürt, man sie eine Treppe hochstößt, und noch eine Treppe, und noch eine, und dann die letzte, 19 Stufen, ein Wassertank lärmt, sie werden mich von oben runterwerfen, in ein Wasserloch!, denkt sie, ihre Beine versagen. Dunkel, als sie auf eine Schaumstoffmatratze zwischen zwei Trennwänden geworfen wird.

Sie war gefangen in der ESMA. Die „Escuela Mecánica de la Armada“, ein Schulungszentrum der Marine auf einem Gelände am Stadtrand mit hohen Bäumen, Bäckerei, Tennisplatz, Schwimmbad. Und mit einem Gebäude, in dem im Erdgeschoss die Offiziere speisten, im ersten und zweiten Stock die Lehrer schliefen, während im Keller und unter dem Dach gefoltert und getötet wurde. Mehr als 5000 Menschen wurden hier über Monate, manche über Jahre gefangen gehalten und gequält, von einigen der berüchtigsten Schergen der Diktatur wie Alfredo Astiz, auch „blonder Todesengel“ genannt, oder Jorge Acosta, „der Tiger“.

Hunderte solcher Lager gab es im ganzen Land. Militär, Polizei und Gendarmerie folterten grausam, vor allem mit Elektroschocks: Sie schlossen Elektroden an die Genitalien der Gefangenen, ließen sie Bänder mit Metallkugeln schlucken, die sie dann unter Strom setzten, schnallten sie auf den sogenannten „Grill“, einen metallenen Bettrost, und jagten den Strom durch den ganzen Körper. Wer für den Geheimdienst keinen Wert mehr hatte, wurde erschossen oder betäubt und aus einem Flugzeug ins Meer geworfen. In der ESMA überlebten nur fünf Prozent der Gefangenen.

Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen prangerten die Brutalität der Junta an, auch in Deutschland. Sie warfen der Regierung von Helmut Schmidt vor, zu wenig für die deutschen Gefangenen zu tun: Nach dem Putsch von Pinochet in Chile 1973 hatte Deutschland Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski nach Santiago geschickt, um deutsche Gefangene freizubekommen, was diesem auch gelang. In Buenos Aires dagegen hieß der Kontaktmann für die deutschen Familien in der Botschaft Major Peyrano: ein argentinischer Geheimdienstler, der wohl eher die Interessen der Junta verfolgte als die der Familien.

Adrianas Eltern machten das, was Desiderius Stawowiok getan hatte, was tausende Eltern damals taten: Sie gingen zur Polizei, stellten Anträge auf Vorlage des Haftbefehls. Alle Behörden leugneten, dass sie ihre Tochter gefangen hielten. Ihre Eltern wandten sich an das Rote Kreuz, an die Botschaft. Erfolglos.

In der ESMA lag Adriana Marcus zwei Monate lang auf der Matratze, die Kapuze über dem Kopf, ab und zu ein Stück Brot, ein Tee, aufs Klo gehen, alles überwacht. Körperlich gefoltert wurde sie nicht mehr. Manchmal, während sie so dalag, spürte sie, wie sie aus ihrem Körper heraustrat, so als schwebe sie. Sie sah sich selbst von oben und dachte: Werde ich bleiben? Oder werde ich sterben?

Nach zwei Monaten wurde sie in ein winziges Dreierzimmer verlegt, durfte die Kapuze abnehmen. Zu dieser Zeit begann Emilio Massera, einer der drei Junta-Generäle und als Kommanduer der Marine verantwortlich für die ESMA, eine eigene politische Karriere zu planen, für die Zeit nach der Diktatur. Er brauchte Leute, die diese Karriere vorbereiteten. Adriana Marcus wurde zur Zwangsarbeit abkommandiert, musste übersetzen, Dokumente, Presseerklärungen, Briefe an die deutschen Parteien. Manchmal konnte sie mit ihren Eltern telefonieren, ab Mitte Dezember durfte sie mit einem Wächter ihre Eltern besuchen.

Adriana Marcus hat vergessen, wie diese Besuche abliefen, sie hat vieles vergessen, verdrängt, vor allem die zeitliche Einordnung fällt ihr schwer. Ihre Eltern erinnern sich. Es war, sagen sie, wie ein normaler Besuch, nur dass nichts normal war: Mutter, Vater, Tochter tranken Kaffee, gemeinsam mit dem Peiniger. So viele Fragen, die nicht gestellt werden durften. So viel Angst. Ihre Eltern wussten von einem anderen verschwundenen Deutschen, der ebenfalls seine Eltern besuchen konnte. Bis die Besuche eine Tage ausblieben. Er kehrte nie zurück.

Es war eine lange Nacht, auf die niemals ein Morgen folgen würde, so schien es Adriana Marcus. Ausgeliefert der Willkür, den Allmachtsfantasien der Folterer. „Jederzeit“, sagte Jorge Acosta, „der Tiger“, zu ihr, „jederzeit kann ich dich betäuben und töten!“ Manchmal weckten Acosta und Astiz, der „Todesengel“, sie und ihre Mitgefangenen nachts, fuhren mit ihnen durch die Stadt, zu irgendeinem teuren Restaurant. Da saßen sie dann, die Folterer und die Gefangenen, an einem Tisch. Um sie herum ganz normale Gäste. Wieso sehen die Leute uns nicht an?, fragte Adriana Marcus sich, wieso erregen wir keine Aufmerksamkeit? „Es war, als hätten sie die ganze Welt unter Kontrolle, für immer.“

Der Generalstab der Marine, dem damals die ESMA unterstand, ist heute in einem wuchtigen Kasten aus hellem Stein untergebracht, in der Nähe des Busbahnhofs von Buenos Aires. Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, steht ein ebenso wuchtiger weißer Kasten: das Strafgericht. Beide Gebäude machen sich breit an der Avenida Comodoro Py, auf der einen Seite das Militär, auf der anderen die Justiz. Als wollten sie erproben, wer mächtiger ist.

Auf den langen Korridoren des Gerichtsgebäudes sieht eine Tür aus wie die andere, hinter jeder beginnt ein wirres Labyrinth von Räumen, in denen sich die Akten bis unter die Decke stapeln, in braunen Umschlägen, lose, in schwarze Folie eingeschlagen, in Plastikmappen, in Ordnern. Allein die Akten des ESMA-Prozesses, der am 19. November eröffnet wird, umfassen mehr als 40 000 Seiten.

Hinter einer Tür im dritten Stock liegt das Büro von Daniel Rafecas, Ende 30, schwarzes, glänzendes Haar, Cordanzug. Rafecas ist Ermittlungsrichter für die Prozesse gegen das erste Heereskorps. Neben seinem schweren Schreibtisch aus dunklem Holz steht eine Tafel, auf der alle geheimen Haftzentren aufgelistet sind, die unter dem Kommando des ersten Heereskorps standen. Fünf Jahre lang hat Rafecas mit einem siebenköpfigen Team Beweise zusammengetragen. Am 24. November ist Prozesseröffnung.

„Argentinien“, sagt er, „wird ohne die Wahrheit über den Staatsterror als Nation nicht vorankommen.“ Die argentinische Tragödie ist ein doppeltes Verschwinden: zuerst die Menschen, die nie wieder aufgetaucht sind. Und danach die Straflosigkeit, die die Verbrechen wegwischte. Die die Überlebenden schutzlos ließ und die Täter in ihrem Glauben bestärkte, nichts Falsches getan zu haben. Straflosigkeit schwächt den Rechtsstaat: „Die Prozesse sind ein fundamentaler Schritt zur Konsolidierung der Demokratie“, sagt Rafecas.

Adriana Marcus wird Zeugin sein im ESMA-Prozess. Denn die lange Nacht, die sie umgab, sie endete doch: Am 4. April 1979 durfte sie nach Hause. Aber weil die ESMA ein Gefängnis ohne Gitterstäbe war, wurde sie das Gefühl, gefangen zu sein, auch in der Freiheit nicht los. Mehrere Monate lang musste sie noch in einem Büro der Marine arbeiten. Als sie Anfang 1980 endlich das Land verlassen durfte und nach Peru ging, brachte sie Ricardo Cavallo, einer der Offiziere aus der ESMA, zum Flughafen. Er holte sie auch wieder ab, als sie Ende des Jahres zurückkehrte, rief sie ab und zu an, als wäre er ein alter Bekannter. Cavallo tat, als würde er sie beschützen, aber jeder Kontakt war für Adriana Marcus wie eine Drohung: „Ich wusste: Sie können mich jederzeit wieder entführen.“ Lange noch stand seine Nummer in ihrem Telefonbuch. Sie traute sich einfach nicht, sie auszuradieren.

Zu den am schwersten begreifbaren Momenten in dieser Zeit gehörten die, in denen die Starken ihre Schwächen offenbarten. Wenn die Folterer ihre Opfer behandelten, als wären sie Freunde. Ricardo Cavallo erzählte ihr öfters von seinen Eheproblemen, fragte sie um Rat. „Das war für mich damals ein Symbol der Verrücktheit“, sagt Adriana Marcus. Heute denkt sie anders darüber: „Es ist menschlich, über seine Probleme zu sprechen. In einem anderen Kontext wäre es sogar wünschenswert. Nicht das Gespräch, der Kontext war verrückt.“

Die Folterer, der Meinung war sie immer, waren zwar Monster, aber eben auch Menschen. Wäre sie nicht in einer politisch linken Familie aufgewachsen, sondern Sohn eines Militärs gewesen – „dann hätte ich an ihrer Stelle sein können. Wir haben alle das Potenzial, Cavallos zu sein. Es kommt nur auf die Umstände an“.

30 Jahre sind eine lange Zeit. Jahre, in denen sich vieles verändert hat: Adriana Marcus hat geheiratet, zwei Söhne bekommen, sich scheiden lassen, sich neu verliebt. Jahre, in denen manches immer gleich geblieben ist: das Gefühl der Schuld, überlebt zu haben. Warum haben sie mich nicht getötet? Wer starb für mich? Fragen, auf die es keine Antwort gibt, niemals, deshalb quälen sie ja so. Adriana Marcus spricht diese Fragen selten aus. Es dauerte lange, bis sie über ihre Geschichte reden konnte. Und bis es andere ertrugen, zuzuhören.

Verurteilungen bedeuten für Adriana Marcus keine Wiedergutmachung, „die Justiz kommt immer zu spät“. Dennoch wird sie Acosta und Astiz im Zeugenstand gegenübertreten. „Ich sage aus, denn ich kann als Überlebende für die sprechen, die nicht mehr Zeugnis ablegen können, weil sie tot sind. Es ist eine ethische Pflicht.“

Einige Täter wurden bereits in Einzelprozessen verurteilt, manche davon im Ausland. Auch in Deutschland wurde das versucht: Ende der 90er, als die argentinischen Amnestiegesetze die Täter schützten, gründete sich die „Koalition gegen die Straflosigkeit“ aus kirchlichen Gruppen und Menschenrechtsorganisationen, mit dem Ziel, gemeinsam mit den deutschen Familien die Mörder hier vor Gericht zu bringen. Die „Koalition“ erhob schwere Vorwürfe gegen die Regierung Schmidt: Ihr seien Wirtschaftsinteressen wichtiger gewesen als Menschenrechte. Deutschlands Rüstungsindustrie gehörte zu den größten Lieferanten der Militärdiktatur. Aufträge, die nicht gefährdet werden sollten, wie der damalige Botschafter Jörg Kastl an das Auswärtige Amt schrieb.

2003 erwirkte die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth in zwei Fällen Haftbefehle gegen Jorge Videla, Emilio Massera und einen General des ersten Heereskorps. Die Ermittlungen in den Fällen Adriana Marcus und Rolf Stawowiok, beide deutsche Staatsbürger, stellte sie 2004 ein, die Tatbestände waren verjährt. So klar es war, dass Rolf Stawowiok ermordet worden war, es gab keinen Beweis. Seine Leiche war nicht gefunden worden. Zeugen, die ihn in einem Folterlager gesehen hatten, gab es keine.

Desiderius Stawowiok wusste all die Jahre nichts über das Schicksal seines Sohnes. Auch sein Leben veränderte sich in dieser Zeit, er ließ sich scheiden, reiste beruflich immer öfter nach Deutschland, Mitte der 90er blieb er ganz da. Auch er stellte sich Fragen: Hätte er mehr Zeit verbringen sollen mit seinen Kindern? Hätte er darauf bestehen müssen, dass sein Sohn das Land verlässt? Drei Jahrzehnte vergingen. Er wurde ein alter Mann.

Das Verschwinden, vielleicht ist es die perfideste Art der Folter, die sich die Militärs ausdachten. Die Ungewissheit zermürbt die Angehörigen, zwischen ihrer Hoffnung und der Suche nach Indizien einerseits und andererseits dem Wunsch, einen Schlusspunkt zu setzen. Das Trauern zu beginnen, das die Wunde vielleicht heilen könnte. Ein Wunsch, der nicht ausgesprochen werden darf: Kann man als Familie sein Kind für tot erklären, wenn es nicht einmal die Mörder tun?

Am 24. August 2004 öffneten die Forensiker der EAAF, der Equipo Argentino de Antropología Forense, in Lomas de Zamora, Provinz Buenos Aires, das Grab Nummer 110, Sektion 31 K. Die EAAF untersucht Knochen aus Massengräbern der Diktaturzeit, um durch DNA-Analyse die Identität der Opfer zu klären. Aus dem Sterberegister wussten die Forensiker, wer in Grab Nummer 110 begraben war: drei Männer und zwei Frauen, alle unbekannt, Todesursache: traumatischer Schock infolge von Schussverletzungen, gefunden am 14. März 1978 an der Straßenkreuzung Virgilio und Urunduy, am selben Tag im selben Grab begraben. Darauf ein einfaches Kreuz mit der Aufschrift: „N.N.“.

Der Tote, dessen Knochen die argentinischen Forensiker mit dem Kennzeichen LZ-31-K-110#3 versahen, war im Register folgendermaßen beschrieben: „Nr: 556, Geschlecht: m, Alter: ca 17, Statur: 180 cm, 65 Kilogramm“. Die EAAF durchsuchte die Datenbank nach männlichen Personen, die vor dem 14.3.1978 verschwunden waren, zwischen 17 und 24, größer als 1,80 Meter.

Sie fanden zwei. Einer von beiden war Rolf Stawowiok.

Bei einem Besuch in Buenos Aires hatte sich Desiderius Stawowiok im Büro der EAAF Blut abnehmen lassen. Und an einem Tag im Februar, als Rolf schon viel länger verschwunden war, als er je gelebt hatte, klingelte bei Desiderius Stawowiok in Viernheim das Telefon, es war seine Tochter: „Sie haben Rolfi gefunden.“

So reiste Desiderius Stawowiok vor einem Jahr nach Buenos Aires, um Rolf zu begraben. Er fuhr in die Avenida Rivadavia, zum Hauptsitz der EAAF. Betrat die mehrgeschossige Altbauwohnung, in der die Büros nur durch Flügeltüren getrennt sind von den Räumen, in denen die EAAF die Überreste von Verschwundenen lagert, in alten Obstkisten auf Regalen. 550 Kisten auf drei Stockwerken, 550 Tote, 550 ungeklärte Schicksale.

In einem Raum waren die Knochen von Rolf auf einem Tisch zu einem Skelett zusammengelegt. Desiderius Stawowiok wollte mit seinem Sohn allein sein. „Wir waren wieder zusammen“, sagt er, „irgendwie.“

Es ist wahrscheinlich, dass Rolf Stawowiok im Haftzentrum Vesubio gefangen war, denn die Frauen, mit denen er begraben worden war, wurden vor ihrem Tod von Zeugen im Vesubio gesehen. Der Fall Stawowiok liegt nun bei Richter Daniel Rafecas, auch die Staatsanwaltschaft Nürnberg prüft zur Zeit, ob sie das Verfahren wiederaufnimmt.

Die ESMA soll in eine Gedenkstätte umgewandelt werden. Schon jetzt gibt es Führungen durch das Gebäude, in dem die Marine alle Spuren verwischte, bevor sie es verließ: Die Treppe in den Keller wurde mit Holz zugetafelt, ein Aufzug ausgebaut, Trennwände im Dachstuhl entfernt. Die Überlebenden sollten den Ort nicht wiedererkennen können. Es blieb die Leere. Ein Sinnbild für das, was verloren ist und nicht mehr wiederkehrt.

In Zapala hat Adriana Marcus an eine Stelle auf der weißen Wand im Wohnzimmer ein Zitat von Jean Paul Sartre geschrieben: „Wichtig ist nicht, was sie aus uns gemacht haben, sondern was wir aus dem machen, was sie aus uns gemacht haben.“ Adriana Marcus sagt, dass sie früher fröhlicher war, optimistischer. Den Glauben, etwas ändern zu können am Lauf der Welt, sie verbessern zu können, hat sie verloren. Und doch versucht sie es, jeden Tag: Sie gibt Kurse, in denen sie die medizinische Bedeutung der Kräuter in der Region erklärt, organisiert Workcamps, in denen indigene Frauen ihr Wissen weitergeben, sie fährt raus zu den Mapuches, den wenigen Ureinwohnern, die Argentinien noch hat, und versorgt sie medizinisch. Adriana Marcus hat ihren Platz gefunden.

Desiderius Stawowiok ist ein Suchender geblieben. Auf der Suche nach Sühne und Schuld, Wahrheit und Gerechtigkeit, Recht und Unrecht. Die Zeit der Ungewissheit war lang, die Unruhe hat sich tief eingegraben. Er ist auf einer Art persönlichem Feldzug, aus Viernheim gegen den Rest der Welt, wenn er schimpft und wütet gegen das argentinische Militär, das er doch vorangebracht habe mit seinen Entwicklungen. Gegen die USA, die so viele lateinamerikanische Generäle, die später putschten, ausgebildet hatten. Gegen die deutschen Diplomaten, mit denen er beruflich oft Kontakt hatte und denen Politik wichtiger gewesen sei als das Leben seines Sohnes. Wenn er nur erst seine Papiere geordnet habe, werde er das beweisen, „darum geht es mir, bis zum Tod“.

An einem Tag im kommenden Jahr wird Adriana Marcus 16 Stunden mit dem Bus nach Buenos Aires fahren, um im ESMA-Prozess als Zeugin auszusagen. Sie wird die Treppen zum Gerichtsgebäude hinaufgehen, in ihrem Rücken das Gebäude der Marine. Sie hat Angst vor diesem Tag. Erst vor drei Jahren ist ein wichtiger Zeuge in einem Prozess gegen Verbrecher der Diktatur am Tag vor seiner Aussage verschwunden. Desaparecido.

Desiderius Stawowiok wird sich an diesem Tag morgens einen Nescafé machen, mittags bringt die Caritas Essen, nachmittags fährt er oft ins Tierheim, geht mit den Hunden spazieren. Die Hunde, sagt er, lieben ihn wie verrückt. Den Abend wird er in seiner Wohnung verbringen. Sie liegt in einem Haus mit 21 Parteien. Keiner seiner Nachbarn kennt seine Geschichte.

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