Zeitung Heute : Die Geschichte vom kleinen Michi

Er war der Erste, der in diesem Berliner Winter erfror. Vor einer Parkbank in Mariendorf hat man ihn gefunden, bei minus acht Grad. Das brachte Michael H. in die Zeitung. Doch da stand er auch schon zu Lebzeiten drin - als Abgeordneter der Republikaner.

Torsten Hampel

Ausgesprochen angenehm sei es, das Erfrieren. Vergleichsweise. So formulieren es die, die ihm hinterherschnüffeln, dem Tod, die seine Spuren lesen können, die ihn nicht unerkannt entwischen lassen wollen. Die Gerichtsmediziner, wenn man sie fragt, reden so. Sie sind nicht zynisch. Sie wissen nur mehr als wir.



Michael H. ist so gestorben, in der Kälte. Vor einer Parkbank hat man ihn gefunden am Morgen des 12. November, vierhundert Schritte von seiner Wohnung entfernt. Da, wo die Parkbank steht, in Mariendorf, kommen an Sommerwochenenden die Menschen die Treppen von der Endstation der U6 herauf und steigen in den 176er Bus, der sie zur Trabrennbahn bringt. In Herbstnächten ist hier niemand mehr. Michael H. war einer von zwei Männern, die in Berlin in dieser Nacht auf der Straße erfroren. Beide hatten getrunken, beide wohnten jeweils in der Nähe. Die ersten Kältetoten dieses Winters.



Ihr Tod bei minus acht Grad brachte sie in die Zeitung, Michael H. war da auch zu Lebzeiten schon drin. Er war nämlich einst Mitglied im Berliner Landesvorstand der "Republikaner", zu einer Zeit, als sie ihre ersten Erfolge hatten. Die waren sensationell, daran erinnert sich jeder, und einer ihrer Wahlkampfspots im Fernsehen ist legendär. Nach allem, was man so hört, ist Michael H. der Schöpfer des Werbefilms der "Republikaner", der mit dafür sorgte, dass die Partei 1989 den Einzug in das Berliner Abgeordnetenhaus schaffte. Sein Sohn behauptet das, und dessen Wissen um die Details legt nahe, dass er die Wahrheit sagt.



Auch H.s ehemalige Kollegen vom Sender Freies Berlin vermuten ihn als Urheber des Films: "Das war ja formal recht ordentlich gemacht." Und H. sei vom Fach gewesen, ein Fernsehmann. Mit Videotechnik vom Offenen Kanal sind die beiden, Vater und Sohn, damals losgefahren, haben einen Tag lang gedreht, haben Bilder von der Mauer an der Bernauer Straße, vom Kurfürstendamm, vom Nollendorfplatz gemacht. Es sind beschauliche Szenen mit wenig Betrieb, die Sonne scheint, es muss ein Sonntag gewesen sein. Und dann haben sie noch etwas anderes in ihren Film getan: eine Arbeitsamt-Fassade mit Menschen, die in das Gebäude hineingehen. Schnitt. Leuchtreklamen türkischer Juwelierläden und Restaurants und Banken. Schnitt. Einen Wochenmarkt, einen für eine türkische Hochzeit geschmückten Mercedes am Kottbusser Tor, türkische Kinder beim Über-die-Straße-Laufen, Schnitt, eine leer gedrückte Spritze, die im rechten Ellbogen eines Heroin-Toten steckt. Und damit auch der Letzte kapiert, worum es hier gehen soll, hat H. beim Abmischen in der Nacht nach dem Dreh ein Lied aus dem Western "Spiel mir das Lied vom Tod" auf die Tonspur gelegt.



"Das Lied vom Tod", es ist die bekannteste Melodie des Films. Die Mundharmonika des Rächers jault, und in dem Moment, in dem man das Arbeitsamt-"A" erkennt, hämmert die Gitarre los. Die Vollstreckergitarre. Die Botschaft verstand jeder: Die Türken, mit ihren Kopftüchern und dem Knoblauch, sind Deutschlands Verderben. Sie sollen weg. Egal wie, Hauptsache es wird hart durchgegriffen. Das sahen viele Wähler in der Stadt ähnlich, und so kam es, dass plötzlich elf Republikaner im Abgeordnetenhaus saßen.



Auch Michael H. bekam seinen Stuhl im Parlament, dazu einen im Kulturausschuss, einen im Sportausschuss und einen im SFB-Rundfunkrat. Das wird ihm gefallen haben, denn der Sender hatte ihm einmal Leid zugefügt. Vier Jahre vorher hatte der ihn eingestellt, ein Zeitvertrag für ein knappes Jahr sollte es sein, und sein damaliger Chef erinnert sich an den Tag der Einstellung als eine seiner "schwärzesten Stunden". Als Produktionsassistent war H. unbrauchbar, nach sechs Wochen parkte ihn der SFB in der Regie der "Presseschau". Da musste er darauf achten, dass die markierten Zeitungstexte zur selben Zeit im Bild zu sehen waren, in der der Sprecher sie vorlas. Das war demütigend für einen, der nichts mehr als Selbstgewissheit nötig zu haben schien. "Wir waren froh, als der wieder weg war", hört man noch heute aus dem Sender. "Er hat Chefs und Anweisungen nie akzeptiert, er war kein Steher, hatte keine Ausdauer", sagt seine erste Frau. Die hat er bei der Defa in Babelsberg kennen gelernt, beide machten dort ihre Lehre. Sie wollte Schneiderin werden, er Beleuchter, vorerst. Eigentlich träumte er von einem Leben als Kameramann. "Verguckt habe ich mich nicht in ihn", sagt sie, im Gegenteil. "Er war der, den ich von Anfang an nicht ausstehen konnte, so wie der immer rumgeprahlt hat."



Die große Klappe fällt allen, die man zu Michael H. befragt, als Erstes ein. Einigen auch das Weichei dahinter. Außerdem war er keine Schönheit. Stattlich, aber nicht schön, ein Durchschnittstyp: einsfünfundsiebzig groß, graublaue Augen, das dunkelblonde Haar früh schütter. Und doch: "Irgendwann hat er mich einmal eingeladen zu sich", sie hat den Zug verpasst, er hat sie nach Hause gebracht mit Blumen für ihre Mutter. "Immer gut angezogen war er, ein Gentleman, mir hat das gefallen. Er war da, wenn man ihn gebraucht hat." Sie wurde schwanger, im Oktober 1963 kam der Sohn zur Welt, im Dezember war Hochzeit. Die Familie baute sich ein Dachgeschoss im Baumschulenweg aus, H. ging zur NVA, und "danach war der Wurm drin". 1969 kam dann die Scheidung, "wegen Alkohol und seinen Ausfällen". "Aggressiv war er und aufdringlich", wenn er getrunken hatte.



Michael H. war ein Einzelkind, gezeugt im Fronturlaub. Als der Vater 1952 aus der Kriegsgefangenschaft kam, war der Junge acht Jahre alt. Die Mutter hat ihn vergöttert, der Vater verachtet, die Großmutter hat ihn erzogen. Aber nie als Erwachsenen akzeptiert. "Er ist immer der kleine Michigewesen", sagt seine erste Frau. Und den kleinen Michizog es in die große Welt. Also ging er irgendwann in den siebziger Jahren zum Grenzübergang an der Sonnenallee, den Kontrolleuren dort fiel aber auf, dass sein West-Pass eine Fälschung war. Der Republikflucht-Versuch brachte ihm eineinhalb Jahre Gefängnis ein, bevor er 1981 in den Westen gehen durfte. Hier schlug er sich durch mit Jobs und freier Mitarbeit beim Fernsehen, war Fahrer, Bildregisseur und Kameramann. Und er trank.



Es war praktisch, dass in dem Zwölf-Geschosser im Steglitzer Renatenweg, in dem er ein paar Jahre wohnte, unten eine Kneipe drin war. Mit der Wirtstochter war er verlobt. Vor zwei Jahren hat er das Lokal zum letzten Mal besucht, da war er wieder verheiratet, mit einer Näherin aus Thailand, Jahrgang 1972. Die hat er kennen gelernt, als er einer Menschenhandels-Geschichte hinterherrecherchierte. Die ist aber nie gesendet worden. Dort, in Thailand, hat er auch an die zwei Jahre gelebt. Was nicht so einfach gewesen sein muss. Überhaupt nach Thailand zu kommen, war schwierig. Als H.s Sohn ihn 1997 zum Flieger nach Tegel brachte, haben sie den Vater nicht in die Maschine gelassen wegen Trunkenheit.



Betrunken, das war er ständig. Seinen Führerschein ist er deswegen losgeworden. "Eigentlich trinke ich gar nichts mehr", sagte er den Ärzten 1992 bei einer medizinisch-psychologischen Untersuchung, einem "Idiotentest". Doch ein Jahr später starb die Großmutter, die gutherzige Glucke, von da an ging es rasant abwärts mit ihm. Der Schnaps hatte schon sein Gehirn angefressen, Korsakow-Syndrom, als das Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg kurz vor seinem Tod eine Vormundschaft verfügte.



Drei Tage vor seinem Tod hat Michael H. seinen Sohn noch einmal sehen können. Eine Nachbarin hatte angerufen: "Die Polizei hat ihn gerade gebracht, der ist völlig fertig." Da haben die jungen Leute ihn nach Hause zu sich nach Potsdam geholt, gebadet, an den Eiweißdrinks der Schwiegertochter nippen lassen. Am nächsten Tag war er wieder betrunken, und sie haben ihn zurück in seine Wohnung gebracht.



Das Leben versucht, sich den Tod, wenn er vor der Zeit kommen will, vom Leib zu halten. Oft gelingt ihm das. Nur manchmal sind die Umstände nicht günstig. Dann ist es kalt draußen, und drinnen ist zu viel Alkohol, um den Frost zu bemerken. Die Arme und Beine schmerzen nicht, was sie eigentlich sollten. Die Herzfrequenz sinkt, die Herzkammern flimmern. Das Blut fließt langsamer, das Gehirn schaltet sich langsam ab, das "Ausschleichen des Lebens" ist nicht mehr aufzuhalten. So steht es in den Lehrbüchern der Pathologen. Der Tod kommt in der Bewusstlosigkeit. Aber vorher, ganz am Anfang, als man noch zu retten gewesen wäre, da muss man gefroren haben.

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