Zeitung Heute : Die Geschichte von der Goldkatze

Der wohl teuerste Kaffee der Welt wird im Darm eines Tieres fermentiert: des Luwaks. Eine Jagd

Es hat etwas von einer Weihehandlung, wenn Sri Kartini dieses Einweckglas aus dem Regal ihres kleinen Ladens holt. Bräunliche Würste sind darin, alt und trocken: Kaffeebohnen, zusammengehalten von Kot. Der Kot ist ein Gütesiegel. „Nur so akzeptieren wir die Rohware“, sagt Sri Kartini. „Nur so können wir sicher sein, dass die Bohnen vom Luwak sind.“

Sri ist Anfang 30. Sie spricht mit heiligem Ernst, sie trägt eine feine Seidenbluse und Bundfaltenhose und tritt auch sonst betont seriös auf. Sie verkauft ein Luxusprodukt, das auf eigenartige Weise entsteht. Ihre Kunden sollen 440 Dollar für ein Pfund „Kopi Luwak“ ausgeben, Kaffee aus Bohnen, die angeblich ein Raubtier gefressen und ausgeschieden hat.

Dieses Raubtier heißt auf der Insel Bali und im Rest Indonesiens „Luwak“, zu deutsch: Fleckenmusang; er gehört zur Familie der Schleichkatzen. Der Luwak hat eine feine Nase, mit der er, der Legende nach, die besten Kaffeekirschen aufspürt. Und er ist ein Genießer, denn er lutscht nur die süße Außenschale und schluckt die Bohnen. „Ohne sie zu knacken“, sagt Sri. Das ist wichtig. Der Darmtrakt des Luwaks soll gut zu Kaffeebohnen sein. Vermutlich sorgen Darmbakterien und Enzyme für geschmacksfördernde Fermentierung – ohne die Bohne zu beschädigen.

Vermutlich, der Legende nach, offenbar. Die Frage ist, kann man das alles glauben? Dass ein Kaffee schon mal von einem Tier verdaut wurde und deshalb besonders lecker sein soll? Dass er sogar deswegen der wohl teuerste Kaffee der Welt ist, bestimmt für Touristen und Menschen, die im Internet Delikatessen bestellen? Die Suche nach Antworten wird bis in die Berge Balis führen, in eine Kaffeegegend, gut zwei Autostunden westlich von Sri Kartinis Laden.

Sri stellt eine Tasse auf den Tisch, gibt Kaffeepulver hinein, gießt heißes Wasser drüber. „Natürlich trennen wir Kot und Bohnen säuberlich. Nach Schälen, Rösten und Mahlen bleibt eine Delikatesse.“ Auf dem Tisch steht nun ein seltsames Gebräu. Das meiste Kaffeepulver ist abgesunken, ein Rest liegt als dünner Film auf der Oberfläche. Vielleicht sollte man beim Trinken nicht an Kot denken. Tasse zum Mund, trinken, schmecken. Der Kaffee fließt weich die Kehle herunter. Stark ist er, aber ganz und gar nicht bitter. Sein Aroma ist voll und erdig, mit wunderbarem Kakao-Unterton.

„Dorfbewohner bringen die Bohnenköttel vorbei“, sagt Sri. Aus welcher Gegend, verrät sie allerdings nicht. „Unsere Lieferanten sind absolut geheim.“ Geheim. Kein schönes Wort. Ist am Ende alles nur ein PR-Gag? Wer hat den Luwak je beim Kaffeeklau oder gar beim Ausscheiden von Bohnenwürsten beobachtet? Der Schleicher ist nur nachts unterwegs und meist alleine. Tagsüber verkriecht er sich in Asthöhlen. Man weiß, dass der Luwak einen Körper wie ein Fuchsbaby hat, Leopardenfell, dazu Bärenohren, Marderspitzmaul und Schäferhundnase.

Kaffee wächst nur in der Höhe. An den Hängen des Agung-Vulkans zum Beispiel. Oder oberhalb von Balis alter Hauptstadt Singaraja. Und in der Gegend um Pupuan, im westlichen Teil der Berge. Also müsste man dort Luwakspuren suchen.

Die Straße nach Pupuan führt durch helles Grün, vorbei an Reisterrassen und Palmen. Am Straßenrand wachsen Bambus-, Bananen- und Papayastauden. Während der Bergauffahrt verschwinden allmählich die Tropenpflanzen, in kühlerer Luft wackeln Äste von Laubbäumen über Gemüsegärten. Und dann, endlich, Kaffee. Die Sträucher wachsen hier nicht auf Plantagen, sondern in tausenden Gärten von Kleinbauern.

In einem dieser Gärten steht Sari Arte im Unterhemd. „Ja“, sagt der Kaffeebauer, ein Mann um die vierzig mit Spitzbart und Mähne. „Ja, der Luwak treibt sich hier manchmal herum. Das Mistding richtet nur Unheil an“, schimpft er. Der Luwak heule nachts, er fresse Kätzchen und klaue Bohnen. Sari Arte weiß aber nichts davon, was aus den Kaffeebohnen wird, wenn er sie gefressen hat. „Bohnen im Kot, die teuer zu verkaufen sind? – Ist mir neu.“

Von Saris Grundstück an wird die Straße steiler. Nach einer Kurve steht vor einer Steinmauer ein Schild: „Mutiara Coffee“. Dahinter liegt die kleine Kaffeewelt eines Familienbetriebes. Vom Hinterhof wehen Dampfschwaden herüber. Es duftet nach frischem Kaffee. Ein Arbeiter hockt vor einer Feuerstelle. Mit einer Eisenstange rollt er eine pechschwarze Metalltrommel über glühender Holzkohle hin und her. In der Trommel sind Kaffeebohnen. Nach dem Rösten werden sie auf eine dicke Bastmatte geschüttet und dort verteilt.

Komang Edy sitzt mit Freunden vor dem Haus, alle trinken Kaffee, klassischen Kopi Bali. Komangs Großmutter produziert ihn seit einem halben Jahrhundert. Tasse zum Mund, trinken, schmecken. Auch der normale Bali-Kaffee ist stark und nicht bitter. Auch er hat volles, erdiges Aroma. Nur fehlen Weichheit und der Kakao-Unterton des Kopi Luwaks.

Komangs Großmutter kommt aus dem Wohnzimmer getrippelt, gebückt und barfuß. Sie ist Mitte 80, hat keine Zähne mehr und tiefe Falten im freundlichen Gesicht. Sie wird von allen liebevoll Mbah Puri genannt: ältere Schwester Puri.

Luwaks? Ja doch. „Vor vielen Jahren wimmelte es hier von Luwaks. Ich habe immer die Bohnen mit dem Kot aufgesammelt. Ein chinesischer Händler zahlte dafür doppelt so viel wie für normale Ware.“ Die Suche sei schwierig gewesen. „Der Luwak isst die Bohnen bei den Sträuchern. Aber er macht später sonst wo hin. Die Köttel lagen meist tief im Wald.“

Es macht Schwester Puri sichtlich Spaß, von früher zu erzählen. Auch von der Umstellung von den feinen Arabica- zu den ergiebigeren Robusta-Sträuchern. Damit, sagt sie, habe der Luwak den Appetit verloren. „Wir fanden immer weniger Köttel.“ Dann die Waldabholzung. „Das hat dem Luwak den Lebensraum genommen.“ Auch bei Mutiara Coffee gibt es also keinen Luwak.

Die Reise geht weiter, ins Dorf Duson Margasari. Und tatsächlich: Im Hinterhof des Bauern Jero hockt ein Luwak. Graubraun und nach einem Jahr im Käfig gar nicht mehr scheu. Er steckt seine Nase neugierig durch die Gitterstäbe. Jero hatte den Luwak zwischen seinen Kaffee-Sträuchern geschnappt. „Sah süß aus, da hab ich ihn nicht totgeschlagen.“ Nun bekommt der Kleine täglich Wasser, Bananen und Mangos. Auf die Idee, ihm Kaffeebohnen zu geben, kam Jero bisher nicht.

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