Zeitung Heute : Die Gesetze der Seele

In den Fußstapfen des großen Meisters: Der Psychoanalytiker Josef Shaked, das Freud-Jahr und die Abgründe der Stadt Wien

Verena Mayer[Wien]

Das ist keine Couch. In der Praxis des Wiener Psychoanalytikers Josef Shaked steht eine Le-Corbusier-Liege. Schwarzes, aufgespanntes Leder, Stahlrohr. Schräg dahinter befindet sich ein um einiges bequemer aussehender Liegesessel. Der ist für Josef Shaked, damit er in diesen Schwebezustand aus Wachen und Schlafen gleiten kann, den er als Psychoanalytiker zum Assoziieren braucht. Und damit er die Beine hochlagern kann, die manchmal schmerzen in seinem Alter. Josef Shaked geht auf die 80 zu, aber er arbeitet kaum weniger als früher. Er hat drei bis vier Sitzungen am Tag, fünfmal die Woche, daneben Supervisionen, Tagungen, Schreibarbeit.

150 Jahre nach Freuds Geburtstag wollen die Leute immer noch wissen, welche Kräfte sie antreiben. Nur die Ängste seien jetzt anders, sagt Josef Shaked. Es sind Ängste vor Arbeitslosigkeit und vor dem Fremden, Sorgen des Einzelnen, „narzisstische Probleme“. Früher waren es der Kalte Krieg oder die atomare Gefahr. Und die Patienten seien nicht mehr rebellisch, vor allem nicht die Analytiker in Ausbildung, „die machen brav ihre Sache, ich bin der Deuter, der respektiert wird“. Shakeds Praxis ist etwas zwischen Arbeitszimmer und Salon. Eine schwere Sitzgarnitur, Teppiche, Bücherregale, an den Wänden hängen japanische Stiche. Es gibt auch eine zierliche Vitrine mit Gläsern und Schälchen, und zwischen all den Gläsern und Schälchen befindet sich ein gerahmtes Bild von Sigmund Freud, ein bisschen wie eine Gottheit auf einem Altar.

Wien, die Stadt der Psychoanalyse im Freud-Jahr. Vor Shakeds Fenster biegen sich die Tannen im Frühlingswind. Shaked lebt und arbeitet am Stadtrand von Wien, dort, wo die Häuser niedrig sind und man schnell in den Weinbergen ist. Eine Heurigengegend, es gibt viele kleine Weinstuben hier, die Wiener Art der Verdrängung. Als Josef Shaked Mitte der 50er Jahre anfing zu arbeiten, war die Psychoanalyse in Wien tot, als „jüdische Wissenschaft“ von den Nazis zum Schweigen gebracht. Josef Shaked gehörte zu denen, die sie in Wien wieder aufgebaut haben, nach dem Krieg, den Freud nicht mehr erleben musste.

Josef Shaked, Professor Doktor, ist ein weißhaariger Mann mit buschigen dunklen Brauen. Er spricht ein gewähltes, altertümliches Wienerisch mit ungarischem Einschlag, seine Eltern stammten aus der Donaumonarchie. Shaked hat diese Liebenswürdigkeit alter Herren, die immer eine Mischung aus Zurückgenommenheit und Belustigung ist. Er strahlt eine extreme Wachheit aus, so, als arbeite ein Motor in seinem Inneren beständig daran, das, was um ihn geschieht, zu sortieren. Wie so viele Vertreter seiner Zunft spricht er, der sich „eher als Freud-Anhänger, mit Anklängen aus anderen Schulen“ bezeichnen würde, über sich wie über eine dritte Person.

Er ist in Ungarn aufgewachsen, Anfang der 30er Jahre wanderten seine Eltern, überzeugte Zionisten, nach Palästina aus. Die Familie lebte in Haifa, erst in einem arabischen Viertel, dann, als es die ersten Unruhen gab, in einem jüdischen. 1948 kämpfte er als Soldat für Israel, Shakeds Geschichte ist mit der Israels verflochten, so wie sie später mit der Wiens verflochten sein würde. Sein Vater war eigentlich Steuerberater, aber in Israel wollte er am Aufbau mitmachen. Er sprach nur mehr Hebräisch und arbeitete auf dem Bau, obwohl er von seiner Konstitution her dafür ungeeignet war. Shaked ist der Name, den er annahm, eigentlich hieß die Familie Scharf, aber das fand der Vater unpassend, also wählte er das hebräische Wort für Mandel.

Während seine Eltern ihr Pionierleben lebten, las der 16-jährige Josef die einzigen Bücher, die damals in einem winzigen Arbeiterverlag herauskamen: Marx und Freud. Freud interessierte ihn mehr, vor allem die Abhandlung „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“, in der Freud alle möglichen Fehlleistungen gesammelt hat. Das habe ihn fasziniert, sagt Shaked, dass die Seele, so ungeordnet sie auch sein mag, festen Regeln gehorche.

Ab da wollte er die Gesetze der Seele studieren. Mit dem wenigen Geld, das er aufbringen konnte, ging Shaked nach New York, ins damalige Zentrum der Welt und der Psychoanalyse. Er studierte Medizin, denn er wollte Arzt sein wie Sigmund Freud, und „erst den Körper und dann die Seele kennen lernen“. In New York arbeitete er und ging täglich ins Kino. Er bewegte sich in linken Kreisen, unter Trotzkisten, er war zwar kein Mitglied, „aber in der McCarthy-Ära war das leichtsinnig“. Er freundete sich mit Ernst Federn an, Sohn des engen Freud-Mitarbeiters Paul Federn, der vor den Nazis nach Amerika emigriert war. Schließlich wollte Josef Shaked nach Wien, in die Stadt des Unausgesprochenen und der Abgründe. Ein ungarischer Jude, der über Israel und Amerika in ein Wien ging, das die Spuren Sigmund Freuds fast gänzlich vernichtet hatte.

In seiner ersten Praxis hatte Shaked eine richtige Couch, wie die von Freud. Die Wände waren voll mit Bildern von Freud, bis eine Patientin irgendwann sagte, das würde sie an Mao-Bilder erinnern. Dann hat Shaked die Bilder abgenommen. Freud blieb ihm trotzdem immer nahe. „Er war ein Außenseiter, ich bin ein Außenseiter irgendwie.“ Worin seine Nähe zu Freud bestehe? „Darin, dass Freud es als seine Mission gesehen hat, das Verständnis für die dunkle Kraft in uns zu wecken.“ Das sei es, was ihn selbst antreibe.

Das Haus in der Berggasse, in dem Freud lebte und arbeitete, bis er 1938 von den Nazis vertrieben wurde, ist eines der meistbesuchten Museen Wiens. Dieser Tage gedenkt die Stadt des Geburtstags ihres berühmtesten Sohnes am 6. Mai mit unzähligen Veranstaltungen und Publikationen. Im Freud-Museum schieben sich Touristengruppen durch die engen Räume. Die Wände sind gepflastert mit Erklärungen und Zeittafeln, es gibt auch noch einige Möbelstücke. Die Couch ist nicht da. Sie befindet sich in London.

Im Wartezimmer, in dem für Freuds Patienten als Lesestoff die gesammelten Werke von Wilhelm Busch bereitlagen, erzählt eine Museumsführerin im engen dunkelblauem Rock aus dem Leben Sigmund Freuds, darüber, dass seine eigene Tochter sich von ihm analysieren lassen musste. „Er war ein Macho auf seine Art, und wie sein Töchterl dann g’sagt hat, sie würd gern in die Wissenschaft eintreten, hat er das natürlich ein bisserl boykottiert.“ Wenn es darum geht, menschliche Abgründe in sprachliche Süße zu packen wie Arsen in einen Mandelkuchen, ist das Wienerische unschlagbar. Im Museumsshop wird die „Sigmund-Freud-Action-Figure“ verkauft, Freud mit weißem Bart und grauem Anzug als Plastikfigur, die Hand mit der Zigarre lässt sich abwinkeln. Auf der Toilette ein einziger Klospruch: „Jung auch.“

Als Shaked nach Wien kam, wusste kein Taxifahrer, wo Freud gelebt hatte. Die amerikanischen Touristen mussten es den Taxifahrern erklären, und im Freud-Haus lebten Leute, die ihre Wohnungen durch „Arisierung“ bekommen hatten. Kaputt und trist war Wien, und wenn Shaked sagte, dass er Jude sei, antworteten die Wiener: „Wir haben von nichts gewusst.“ Shaked bezeichnet diese Zeit als „eine Kuriosität“: „Ich kam mir vor wie an einem Film beteiligt, ich bin ja unter Juden aufgewachsen. Diese Mentalität war für mich ein Studienobjekt, dass so etwas möglich ist.“ Er begann schließlich, sich mit Gruppenphänomenen und Massenpsychologie zu beschäftigen und damit, wie es zum Nationalsozialismus kommen konnte. Er machte Analysen von Großgruppen, was damals ein absolutes Experiment war. Heute ist Josef Shaked einer der renommiertesten Psychoanalytiker auf dem Gebiet der Gruppenanalyse.

Die Einzelsitzung, erklärt Shaked, das sei der Raum, in dem man mit dem Psychoanalytiker familiäre Konflikte austrägt und sich mit Kindheitsbeziehungen beschäftige. In den großen Gruppen habe man hingegen eine Situation wie in einem Clan, der die Gesellschaft repräsentiert. Es werden soziale Konflikte ausgetragen, zwischen Mann und Frau, Jung und Alt, Stadt und Land. Der Psychoanalytiker immer dazwischen „als der Deuter, der Vater“, wie Shaked es nennt. In den Gruppen, die einige hundert Leute umfassen können, wird die eigene, kollektive Geschichte verhandelt.

Was das bedeutet, hat Shaked 1968 gemerkt, als die Studenten zu ihm in die Gruppen kamen, interessiert an der Psychoanalyse und vor allem am Kollektiv. Es ging heftig zu in diesen Gruppen. Wien lebte inzwischen im Überfluss, aber die seelischen Defizite waren groß. Die Studenten wollten sich mit ihren Nazi-Eltern auseinander setzen, als deren Opfer sie sich fühlten und von denen sie gleichzeitig nicht loskamen. Shaked als Analytiker geriet zwischen alle Fronten. „Die Reaktionen auf mich als Person waren sehr heftig: Ich sei der jüdische Rächer, sie hatten Fantasien von körperlichen Übergriffen, sie wollten mich hinaustragen und zerstückeln. Auf der anderen Seite war ich eine positive Figur, der jüdische Vater, der ihnen vergibt.“ Er habe das als Schule für sich selbst angesehen. „Die Psychoanalyse ist ja auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Fremdheit.“ Und als Zeichen, dass bei einer Psychoanalyse immer der Zustand einer Gesellschaft, ja vielleicht sogar der ganzen Welt, verhandelt wird.

Wird der Mensch glücklicher durch die Psychoanalyse? „Die Psychoanalyse macht nicht glücklich, nur im sublimierten Sinn“, sagt Shaked. Aber er selbst, er sei „von Natur aus kein unglücklicher Mensch“.

Das Handy klingelt. Es ist seine Frau, sie kommt kurz in der Ordination vorbei. Susi Shaked ist eine kultivierte und lebhafte Wienerin, jünger als Shaked. Sie lässt sich auf Shakeds Liege fallen und beginnt ihrerseits zu erzählen. Seit 40 Jahren kennen sie sich, seit einigen Jahren veranstalten die beiden so genannte Peace Camps. Arabische und israelische Jugendliche kommen da etwa zu Gruppenanalysen zusammen. Die Jugendlichen treten in Beziehung zueinander. Sie treffen sich im stillen Kärnten, aber eigentlich gehe es in diesen Gruppen um Globales, sagt Susi Shaked. Um Jungsein, um Identität, um Krieg und Frieden. Und um einen Schlüssel zum Zusammenleben vielleicht auch.

Die Psychoanalyse ist inzwischen bei vielen stark in Misskredit geraten. Es gibt ein „Schwarzbuch der Psychoanalyse“, aber hier, in dieser Wohnung am Rand von Wien, existiert noch eine Vorstellung von der Psychoanalyse, wie sie auch Freud umgetrieben hat: Dass die Gesellschaft durch die Psychoanalyse zu sich selbst finden könnte.

Und was macht einen guten Psychoanalytiker aus? „Das ist derjenige, der am Rande der Gesellschaft steht und nicht in ihrer Mitte“, sagt Shaked. Wien ist seit Jahrzehnten sein Zuhause, seine „emotionale Heimat“ sei Israel. Der Antisemitismus der Wiener habe ihn nie persönlich gekränkt, sagt er, weil er ja als Fremder, aus einer anderen Welt, nach Wien gekommen sei. Aber er hat neben der österreichischen auch die israelische Staatsbürgerschaft. „Die Wiener sorgen schließlich dafür, dass man sich nicht daheim fühlt.“ Das hätte Sigmund Freud wahrscheinlich bestätigt.

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