Zeitung Heute : Die Gottesvergiftung

Kaum irgendwo werden Frauen von der Religion so massiv bevormundet wie in Saudi-Arabien. Doch seit dem Arabischen Frühling ist auch hier alles anders geworden. Auf einmal gibt es nur noch ein Thema: Freiheit. Und die Männer ahnen, dass die Veränderungen unaufhaltsam sind.

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Aufbegehren. Besucherinnen eines Flamenco-Abends in Riad – ganz ohne Schleier. Rechts die Frauenrechtlerin Aziza Yousef bei einem Treffen mit anderen Aktivistinnen
Aufbegehren. Besucherinnen eines Flamenco-Abends in Riad – ganz ohne Schleier. Rechts die Frauenrechtlerin Aziza Yousef bei einem...Foto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Aus dem Dunkeln tönt tapfer eine Lautsprecherstimme in Arabisch und Englisch: „Flamenco wird von Männern und Frauen getanzt, Frauen jedoch tanzen ihn häufiger.“ Das Auditorium tuschelt leise und erwartungsfroh. Denn das puritanisch-wahhabitische Königreich Saudi-Arabien gönnt sich an diesem Abend eine ganz besondere Premiere, die erste Flamenco-Vorstellung seit Menschengedenken in der Heimat des Propheten.

Mit dem berühmten andalusischen Körperzauber allerdings hat das, was dann im König-Fahd-Kulturzentrum in Riad auf die Bühne kommt, nur sehr entfernt zu tun. Die staatlichen Moralzensoren haben ganze Arbeit geleistet: anderthalb Stunden Flamenco – aber keine einzige Frau kommt auf die Bühne, nach einem Dutzend einsamer Männersolos fällt der Vorhang. Die Flamenco-Band spielt außerdem die ganze Zeit hinter einem zusätzlichen grauen Sichtschutz. Denn zum Ensemble gehört auch eine Frau, und die hat nach saudisch-islamischer Sitte dort nichts zu suchen. Selbst beim Schlussapplaus bleibt die Künstlerin den Blicken entzogen, nur einer der Musiker deutet unbeholfen hinter sich in das Bühnendunkel, wo sich seine Kollegin vermutlich irgendwo verborgen hält.

„Das haben wir bei unserem letzten Spanienurlaub aber viel besser gesehen“, schimpfen hinterher zwei Frauen in fein bestickten Abayas und streben zu ihren Luxuslimousinen, die samt Fahrer draußen auf dem riesigen Parkplatz warten.

Drinnen gleicht das Auditorium einem Mikrokosmos der saudischen Gesellschaft. In der Mitte des Parketts auf gedrechseltem Podest thronen die männlichen Hochwürden der Prinzenfamilien. Ihre breiten Ehrensessel hinter Marmortischchen und vergoldeten Papierserviettendosen nehmen dem halben Zuschauerraum die Bühnensicht. Auf den regulären Polstern um sie herum sitzen allein die Männer. Alle Frauen müssen hoch in den Rang, werden durch einen separaten Eingang des Marmorpalastes zu ihren luftigen Plätzen eskortiert. Und das gesamte Personal an den Türen sowie draußen auf dem Parkplatz stammt aus Indien, Pakistan oder Bangladesch.

Am Ende lächelt Spaniens Botschafter und Mitgastgeber Pablo Bravo tapfer in die Kamera des saudischen Staatsfernsehens und spricht inmitten des opulenten Buffets für den männlichen Teil der Gäste von einem „inspirierenden Erfolg, der bald wiederholt werden sollte“. Zu dem Zeitpunkt haben die meisten Zuschauerinnen von oben das Gebäude bereits kopfschüttelnd verlassen.

Saudi-Arabien und seine Frauen. Während im öffentlichen Raum weiter um jeden Zentimeter Freiheit gerungen wird, ist im virtuellen Raum die Zukunft bereits angebrochen. Junge Frauen aller Schichten vernetzen sich auf Twitter und Facebook und entdecken die Macht sozialer Medien. Strenge Islamisten geraten im Cyberspace immer mehr in die Defensive, müssen sich ihre frommen Dogmen von kundigen Kontrahentinnen auseinanderpflücken lassen. Die Aura der gottgleichen Unangreifbarkeit schwindet, das Monopol ihrer Interpretation der heiligen Schriften wankt, Prestige und Autorität bröckeln.

Auf Twitter werden sie als „Menstruations-Scheiche“ oder „Plazenta-Scheiche“ verhöhnt, weil ihre frommen Vorschriften fast ausschließlich um Regel und Geburten kreisen. „70 Prozent aller Fatwas beschäftigen sich mit Frauen – mit ihren Haaren, Kopftüchern, mit Händeschütteln und Menstruation“, sagt Kholoud al Fahad aus der Ölstadt Dahran im Osten des Landes. Passiere aber ein Skandal wie vor zwei Jahren die Überschwemmungen in Dschidda mit über Hundert Toten, stehe keiner der Kleriker auf und kritisiere die korrupten Politiker.

Die 32-jährige Kunstwissenschaftlerin trägt demonstrativ kein Kopftuch mehr und schreibt einen eigenen Blog für Frauen. „Ich war sehr fromm als Mädchen, heute bin ich das andere Extrem“, sagt sie. Als eine Art Gottesvergiftung beschreibt sie die islamische Indoktrination, aus der sie sich befreit hat. „Ich fühlte mich betrogen, die Religiösen sind Lügner, inkompetent und führen ein bigottes Doppelleben.“

Kürzlich widersprach sie per Twitter einem Scheich, der wieder einmal mit einer Fatwa Sportunterricht für junge Mädchen verbot, weil deren Körperbewegungen andere Mädchen zu lesbischen Gelüsten reizen könnten. „Du liegst nur auf deinem Sofa, fantasierst ständig über Sex und denkst, alle anderen Menschen sind genauso.“ Er habe 19 000 „Follower“ auf Twitter, gab indigniert der heilige Mann zurück. Lady Gaga habe fünf Millionen, kam prompt als elektronische Retourkutsche.

Dass Frauen in Saudi-Arabien nicht Auto fahren dürfen, darüber wundert sich inzwischen die halbe Welt. Dieses absurde Verbot ist allerdings nur ein kleiner Ausschnitt im großen System der traditionell-religiösen Entrechtung. Fünf Aktivistinnen haben sich an diesem Abend im Haus von Aziza al Yousef bei Tee und Gebäck versammelt, per iPhone ist auch eine Mitstreiterin aus Dschidda zugeschaltet. „Das Kernproblem ist das Vormundsrecht des Mannes und das Fehlen jeglicher Rechtssicherheit für uns“, erläutern die Frauen, und dann prasseln nur so die Beispiele aus ihrer Welt, die sie als total verdreht empfinden. Der Mann kann das Reisen erlauben oder verbieten, das Studieren oder das Arbeiten. Er muss bei allen ärztlichen Eingriffen zustimmen, sogar wenn bei einer Geburt die werdende Mutter eine Spritze gegen die Schmerzen wünscht. Bei der Heirat gibt es kein gesetzliches Mindestalter, eine 13-Jährige kann zur Hochzeit mit einem 50-jährigen Mann gezwungen werden, was in Saudi-Arabien nicht selten geschieht. Oder eine 80-jährige Großmutter muss ihren 16-jährigen Enkel als männlichen Vormund ertragen, eine verwitwete Frau ihren minderjährigen Sohn. Eine Frau kann nicht alleine eine Wohnung mieten oder ein Konto eröffnen.

„Als ich meinen Reisepass erneuern wollte, musste ich meinen jüngeren Bruder fragen“, erzählt May al Sharif der Runde. „Sie sagen immer, unser Gesetz ist die Scharia, doch keiner sagt, was das genau bedeutet“, sekundiert Rasha Alduwisi, gelernte Übersetzerin und Mutter zweier Kinder. „Die Männer beanspruchen ein Monopol bei der Interpretation und spielen dann mit den Vorschriften herum, wie es ihnen beliebt.“

Am 17. Juni, dem per Facebook ausgerufenen Aktionstag „Saudische Frauen ans Steuer“, hatte Maha al Qahtani ihren Koffer fürs Gefängnis bereits fertig gepackt im Flur. Am Ende bliebt es bei einem Strafzettel und der Drohung, den Familien-Van beim nächsten Mal zu beschlagnahmen. „Wir werden behandelt wie Kinder“, sagt die 39-Jährige, die in den USA Computerwissenschaften studiert hat. Auch Gastgeberin Aziza al Yousef wagte sich an diesem Tag ans Steuer. 400 000 Klicks hatte das Youtube-Video von ihrem Ausflug im schwarzen Toyota Avalon – viel Beifall aus dem Cyberspace, aber auch Hunderte gehässige und bösartige Kommentare. Auf allen Festen ihrer aufgeklärten Großfamilie ist sie seitdem der Star. Die 52-jährige Mutter von fünf Kindern hat eine zupackende Ausstrahlung, besitzt einen Cateringbetrieb mit 19 Fahrzeugen und träumt von einem eigenen Volkswagen Beetle mit Perlmuttlackierung.

Als junge Frau lebte sie mit ihrem Mann Mohsen al Haidar in den USA. Als das Paar zurückkam, hatte es eine zerlegbare Satellitenschüssel im Gepäck – damals noch ein Sakrileg. Der Scheich der Moschee nebenan wetterte unablässig gegen das angeblich sündige Blech, so dass Mohsen schließlich entnervt von seinem Dach aus den Moschee-Lautsprecher mit einem Schuss zum Schweigen brachte.

Wie auf ihren Mann, lässt Aziza al Yousef auch auf den kränkelnden 87-jährigen Abdullah, König und Hüter der beiden heiligen Moscheen, nichts kommen. Er öffnete dem weiblichen Nachwuchs in den vergangenen Jahren wichtige Türen. 120 000 Stipendien hat Saudi-Arabien inzwischen ausgegeben, die Hälfte an junge Frauen. Wenn Eltern Angst haben, ihre Tochter allein ins Ausland zu schicken, zahlt der Monarch auch für einen Angehörigen als Begleiter. Wer also wirklich in fremde Länder will, der kann. Und anschließend kommen die jungen Leute, so das Kalkül, mit neuen Ideen und neuen Überzeugungen zurück. Auch daheim in Riad hat inzwischen die größte Frauenuniversität des gesamten Nahen Ostens ihre Arbeit aufgenommen. Am Ende können hier 40 000 junge Frauen auf einmal studieren, und sie werden ihr Land verändern.

Schon jetzt liegt nach Angaben des Zentralamtes für Statistik die Scheidungsrate im Königreich bei 62 Prozent und ist damit eine der höchsten der Welt – ein Indikator für wachsende Unzufriedenheit. Nicht nur die zahllosen Kinderehen werden bereits nach Monaten wieder aufgelöst. Immer mehr junge Frauen verlangen inzwischen von ihren Männern, dass sie einer Berufstätigkeit zustimmen. Tun sie es nicht, geht oft die Ehe auseinander. Nach einer britischen Studie haben inzwischen 56 Prozent aller saudischen Frauen einen Hochschulabschluss, aber nur 14 Prozent einen Job – weltweit ein Negativrekord. Selbst in Geschäften für Damenunterwäsche bedienen ausschließlich Männer. Und als die nationale Fluglinie „Saudi Arabian Airlines“ kürzlich 24 Computerstellen speziell für Frauen ausschrieb, gingen innerhalb von 24 Stunden über Tausend qualifizierte Bewerbungen ein.

Kein Wunder, dass viele Männer verunsichert reagieren. Ergingen sich vor zwei Jahren offizielle saudische Gesprächspartner im informellen Teil der Unterhaltungen gerne in stolzen Schilderungen der logistischen Rekordleistungen während des jährlichen Hadsch, gibt es neuerdings nur ein Thema – ihre halbwüchsigen Töchter. Vor dem Arabischen Frühling war die islamisch-männlich Welt daheim noch völlig in Ordnung, die weiblichen Nachkommen klaglos verschleiert, glaubensstreng und unauffällig. Plötzlich aber reden die jungen Frauen nur noch „über Menschenrechte, Politik und ihre Freiheit“. Und sie wollen weg – zum Studium ins Ausland und am liebsten gleich nach New York.

„Ich bin sehr beunruhigt“, stöhnt ein hoher General, der seine Familie als „meine eigene kleine Diktatur“ bezeichnet. Seine Tochter habe bisher noch nicht einmal eine Buchhandlung alleine aufgesucht. Jetzt aber lässt sie einfach nicht mehr locker mit ihrem Wunsch nach der großen weiten Welt. Ein anderer Vater, der sonst Terroristen jagt, seufzt: „Wir erleben ohne Zweifel tiefgreifende Umwälzungen. Und mir ist klar, dass sie unaufhaltsam sind.“

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