Zeitung Heute : Die Grenzen des Internets

JOACHIM HUBER

Der US-Sender CNN meldete über 300 000 Zugriffe in der Minute auf seine Homepage.Abermillionen wollten sich per Mausklick in den Report von Kenneth Starr zur Clinton/Lewinsky-Affäre einlesen.Eine Sternstunde des neuen Mediums Internet wurde bejubelt.Im Kern passierte nichts anderes, als daß traditionelles Quellenstudium betrieben wurde.Mehr Menschen als je zuvor konnten sich von einer "unziemlichen Beziehung" selbst ein Bild machen, dank einer gewaltigen, computergestützten Transportleistung.Nicht redigiert, nicht interpretiert - nur transferiert.

Mit dem Starr-Bericht im Internet sind mehrere Grenzen verschoben, wenn nicht durchbrochen und aufgelöst worden.Etwas Großartiges steckt darin, nämlich die wunderbare Erfahrung zahlloser Erdlinge, aus den eigenen vier Wänden in die unendliche Welt des Cyberspace surfen zu können.Es scheint keine Grenze zu irgendwem im Irgendwo zu existieren.Ich bin hier, und ich bin überall zugleich.Das erzeugt einen Rausch, eine Entgrenzung, wo sonst die Welt als immer beengter erlebt wird.Freiheit, wie Cyber-Freaks sie meinen.

Sich selbst präsentieren zu können, ist in der hochaufgelösten Kommunikationswelt der Profis und Experten ungewöhnlich.Und es ruft die bösen Geister auf den Plan.Die althergebrachte Kommunikation von lauterem Sender und weniger lauterem Empfänger dreht sich um.Pädophile, Kinderschänder, politische Extremisten, eigentlich die Unterwelt der Kommunikationshierarchie, locken mit dem Hit per Klick.Sie werden Produzenten, und siehe da, es gibt Konsumenten.Die Kommunikationsordnung gerät ins Schwanken, das Internet ist schuld, dabei ist das Medium erst nach Zufuhr jedweder Energie aktiv, sei sie nun kriminell oder nicht.

Der Starr-Report muß nicht wie ein Sexheft gelesen werden.Das Internet buchstabiert Politik nicht als Porno.Die politische Kultur, die eine Privatsphäre ausstellt, kann sich nicht aufs Internet ausreden.Wie am Kiosk so auch am Cyberkiosk ist jeder sich selbst das nächste Schweinderl.Jedes der alten Medien - Print wie Elektronik - hat sich nicht des neuen Mediums bedient, um die orallyrischen Passagen zu zitieren.455 Seiten umfaßt das Werk, im Kopf der Menschheit sind zwei, drei plaziert worden.

Klar ist: die Praktiken im Oval Office wären auf jeden Fall publik geworden, nur weniger schnell, weniger ausführlich, weniger drastisch.Weil in den anderen Medien Filter eingebaut sind, eben doch Barrieren wirken: Geschmack, Konvention, auch Tabus, Sprachhürden, Grenzkontrollen.Geschlossene Gesellschaften fürchten das kaum beherrschbare, das anarchische Internet, jetzt beginnen auch andere, offene Gesellschaften das neue Medium zu fürchten.Es gebe den Schrankenlosen Platz und Raum und Stimme.Das Internet in seinem aktuellen Plus und seinem aktuellen Minus erinnert an die unsichtbaren Grenzen bei den Kommunikationsinhalten.Es wäre richtig, würden die Filter der alten Medien ins neue eingebaut, und würden die alten Medien ihre bewährten Filter aktiviert halten.Was dem so öffentlichen Internet fehlt, sind die Öffentlichkeit der Autorenschaft und die verbindliche Möglichlichkeit, diese zu prüfen.Es mangelt an der Verpflichtung, daß der Internet-User Verantwortung für die eigene Publikation übernimmt.

Die Frage wird bleiben, wie sich Menschen die Mensch-Maschine-Beziehungen vorstellen, und sich darüber verständigen, wie menschliche Wesen sich Repräsentanz in der Welt verschaffen wollen.Staatliches Recht, supranationales Recht, eine internationale Kommunikationsordnung, eine UNO-Charta fürs Internet - vieles ist denkbar, manches für das Netz bereits bedrohlich: die Kinderpornographie hat die Modelle der Selbstregulierung hinweggefegt, der uneingeschränkte Zugang wird beschränkt.

Es lockt, dem anderen, der ja eigentlich immer der Dümmere und damit Gefährdete ist, zehn Gebote, noch besser Verbote an seinen PC zu heften.Und es widerstrebt zugleich, wieder "Aufgepaßt" und "Vorsicht" zu schreien.Gebrauchsanweisungen sind besser als Mißbrauchsregelungen.Das Internet generiert keine Inhalte, es ist ein neutrales Werkzeug.Es funktioniert auch ohne Starr-Report, aber ein Starr-Report funktioniert nicht ohne Mister President, der seine Hose nicht oben halten kann.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar