Zeitung Heute : Die Grießmacher

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Spätestens seit dieser Woche dürfte das Thema Berlin-München/München-Berlin endgültig durch sein. Da ereilte die Musikwelt nämlich die böse Nachricht, dass jetzt auch die Bayerische Staatsoper sparen muss. Dieser Leuchtturm wohlfeiler Kulturökonomie (93,3 % aktuelle Platzausnutzung)! Dieser plüschgewordene Ausbund barocken Kunstverständnisses (seit 350 Jahren)! Diese erste Heimstatt des Composers George Frederic Handel auf Erden (demnächst sechs Handel-Opern im Repertoire)!! Abscheulich. Einerseits. Andererseits weiß man nie, wozu etwas gut ist, wie meine Mutter immer sagt. Möglicherweise bleibt dem klassischen Leben sogar einiges erspart, wenn Dieter Dorn seine „Zauberflöte“ 2004 nun doch nicht anfertigen darf, und Mussorgskys „Boris Godunov“ 2005 durch Verdis „Rigoletto“ ersetzt wird. Warum ist Verdi preiswerter als Mussorgsky, fragt man sich, aber dieses Fass lassen wir heute lieber zu. Weil der Italiener von Natur aus kleiner ist? Und der Russe stets rottenweise auftritt? Weil Morde an Töchtern auf der Opernbühne unterm Strich billiger kommen als Morde an richtigen oder falschen Zaren ?

Was also hat München, die „Musikstadt mit Herz“ jetzt noch, was Berlin nicht hat? Das Zwölfuhrläuten, okay. Die Berge, ach ja. Und die Dampfnudeln vom Donisl. Die wiederum blicken auf eine hoch musikalische Tradition zurück. Felix Mendelssohn etwa besaß eine ausgeprägte Schwäche für so genannte „Kinderkost“, für Reispudding und Grießaufläufe. Als er 1830 auf dem Weg nach Italien in München Station machte, lernte er dort nicht nur den Klarinettisten Heinrich Baermann schätzen (den schon Carl Maria von Weber „göttlich“ fand), sondern auch die süßen Vorzüge der bayerischen Backkunst. Als Baermann den Komponisten zwei Jahre später in Berlin besuchte, überraschte dieser ihn mit der Bitte, ihm doch als erstes jene Dampfnudeln zuzubereiten, die ihm in München so trefflich gemundet hatten. Baermann, nicht faul, konterte geschickt: Dampfnudeln gegen Musik. Also verschwand Felix M. im Salon, wo er „Töne umrühren und kneten, salzen, pfeffern und zuckern“ wollte, und Heinrich B. in der Küche. Rechtzeitig zur Brotzeit waren beide fertig. Mendelssohn betitelte seine Kreation mit „Ein großes Duett für Dampfnudel oder Rahmstrudel, Klarinette und Bassetthorn demüthig dediciert Baermann sen. von Ihrem ergebenen Felix Mendelssohn Bartholdy“ (oder auch: Konzertstück N° 1 f-Moll, op. 113).

Was wir aus dieser kleinen Geschichte nicht lernen? Dass auch die Auszog’nen im Donsil himmlisch schmecken. Und dass das Bajuwarische und das Preußische letztlich doch sehr verschieden sind.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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