Zeitung Heute : Die große Freiheit

Bärbel Reichelt ist spastisch gelähmt – und seit über 40 Jahren als Weltenbummlerin unterwegs

Starke Helfer. Die Grabeskirche in Jerusalem ist nicht barrierefrei.
Starke Helfer. Die Grabeskirche in Jerusalem ist nicht barrierefrei.

Es gibt wohl wenige Menschen, die soviel von der Welt gesehen haben wie Bärbel Reichelt. Sie war bei den Pyramiden in Ägypten, in thailändischen Tempeln und auf der Chinesischen Mauer. Über Hängebrücken und mit einer Drahtseilbahn ist sie durch den Regenwald in Ecuador gereist. Im Heißluftballon und im Hubschrauber hat sie Amerika von oben erkundet – und bei einer Höhlentour von unten. Sie ist bis nach Alaska geschippert und auf einem Elefanten durch Indien geritten. „Wo man mich rein- oder draufsetzt, da fahre, reite oder fliege ich mit“, sagt die 63-Jährige.

Denn allein kann sie ihren Körper kaum bewegen: Sie ist seit ihrer Geburt spastisch gelähmt, auch Hände und Arme kann sie nur eingeschränkt benutzen. Auf Reisen fühle sie sich frei, sagt die ehemalige Finanzbeamtin. „In Berlin darf ich im Rollstuhl aus Sicherheitsgründen nicht mal auf den Fernseh- oder den Funkturm.“

Schon in den 60er Jahren begann sie, die Welt zu erkunden, mit einem Behindertenverein fuhr sie im VW-Bus nach Griechenland. „Damals war das noch sehr abenteuerlich“, sagt Bärbel Reichelt. Es gab kaum spezialisierte Reiseveranstalter, von Barrierefreiheit hatten die wenigsten jemals etwas gehört, und die Rollstühle waren sperrig und unpraktisch.

Inzwischen ist alles wesentlich besser. Anfang der 90er bekam Bärbel Reichelt einen guten elektrischen Rollstuhl. Damals ging es richtig los mit dem Reisen. Nach ihrer Scheidung verkaufte sie ihr Haus und gab das Geld für ihre Touren aus. Für sie ist das eine Investition in sich selbst: „Nach den Reisen bleiben mir die Erinnerungen – und die kann mir keiner mehr wegnehmen.“

Und es hat sie zu einer Expertin für Urlaub im Rollstuhl gemacht. Sie kennt viele der Veranstalter, bei denen man solche Reisen buchen kann: „Mit Grabo-Tours kommt man besonders weit“, sagt Reichelt. Für 2011 hat das Unternehmen (www.grabo-tours.de, Tel. 06386/7744) etwa die Mongolei, die Galapagos-Inseln, Venezuela und Dubai im Programm. Reichelt war mit Grabo in Ecuador und China: Dort sei alles gut organisiert gewesen, sagt sie. Es waren etwa genug Helfer da, um sie die Treppe hoch auf die große Mauer zu tragen.

Eigentlich wäre sie gern demnächst nach Argentinien gefahren. Nur: „Es war schon immer teurer, behindert zu sein. Aber solche organisierten Reisen kosten sehr viel.“ Bei der Ecuador-Tour etwa sind es für zweieinhalb Wochen knapp 5000 Euro. Braucht man einen Helfer, zum Beispiel fürs Aufstehen morgens, kostet das noch mal mehr als 1000 Euro extra.

Vorerst habe sie keine richtig weite Reise mehr vor, sagt Bärbel Reichelt. Vor kurzem habe sie einen Hexenschuss gehabt und es gehe ihr nicht mehr so gut. Doch im nächsten Satz klingt das ganz anders. Bald wolle sie wieder los: mit dem Bayrischen Roten Kreuz nach Schottland (www.brk.de, Tel. 089/9241-1356). Sie habe auch das Angebot der Agentur Carsten Müller in Erwägung gezogen (www.reiseagentur-c-mueller. homepage.t-online.de), die sie schon von Reisen nach Paris und Sizilien kannte: „Die haben ein reelles Preis-Leistungs-Verhältnis. Aber mit deren behindertengerechten Bussen hätte die Hinfahrt zwei Tage gedauert. Deshalb habe ich mich für die Flugreise mit dem Roten Kreuz entschieden.“

Eine Reise nach Namibia hat sie vor einigen Jahren selbst initiiert, zusammen mit dem Reisebüro der Fürst Donnersmarck-Stiftung in Wilmersdorf (www.fdst.de/reisenerholen/reisebuero, Telefon 030/ 8211129). Das Reisebüro der Stiftung bietet allerdings inzwischen keine weiten Reisen mehr an, stattdessen geht es in den Harz, nach Tirol und in die Sächsische Schweiz. Die Fernreisen überlasse man lieber den Spezialisten, heißt es dort. Etwa dem Reiseveranstalter Runa Reisen, der Rollstuhl-Urlaub in Afrika, Ägypten, Ecuador und den USA im Programm hat (www.runa-reisen.de).

Bärbel Reichelt ist auch schon oft ohne die Sicherheit eines Reiseveranstalters aufgebrochen. Einen VW-Bus mit eingebauter Hebebühne ließ sie nach Amerika verschiffen und fuhr dann monatelang durch die Vereinigten Staaten – von Ost nach West. „Da kann man in jedes Motel an der Straße einfach reinfahren und überall gibt es ein rollstuhlgerechtes Zimmer.“ Wenn sie von den Verhältnissen in Nordamerika spricht, gerät sie ins Schwärmen. Dort sei man mit der Barrierefreiheit so viel weiter als im Rest der Welt: „In Vancouver gibt es überall rollstuhlgerechte Taxen, in 70 Prozent der Greyhound-Busse in den USA kann man Sitze zusammenschieben, so dass ein Rollstuhl hineinpasst.“ Vor allem Kreuzfahrten könne sie in Nordamerika empfehlen: „Da werden immer Landausflüge für Rollstuhlfahrer angeboten. In Europa und Afrika muss man oft auf dem Schiff bleiben, während alle anderen das Land erkunden.“

Also hat sie Europa auf dem Landweg erkundet: Quer durch den Kontinent bis nach Spanien ist sie mehrmals in ihrem eigenen VW-Bus gefahren. „Dabei übernachte ich meist in den Etap- und Ibis-Hotels, die haben in der Regel barrierefreie Zimmer.“ Nur mit der Buchung sei es da oft schwierig; im Internet funktioniere es gar nicht. Und sie habe die Erfahrung gemacht, dass in Low Budget Hotels in Frankreich und Spanien nur selten Englisch gesprochen wird: „Einfach anrufen kann man also nicht.“ Aber Bärbel Reichelt findet für alles eine Lösung: Sie geht einfach in ein Berliner Hotel der Kette, die sie ausgewählt hat, und lässt von dort aus buchen.

Auch viele Jugendherbergen hat sie schon getestet, etwa in den Alpen: „Vor zehn Jahren gab es noch längst nicht überall das Rollstuhlsymbol, das ist heute viel besser.“ Menschen mit Behinderung würden als Gäste immer wichtiger für deutsche Tourismusregion heißt es beim Deutschen Tourismusverband. Man lege deshalb überall zunehmend Wert auf Barrierefreiheit. Bärbel Reichelt hingegen sagt, sie sei neulich „im Schwarzwald fast verhungert, weil alle Restaurants Stufen vor dem Eingang hatten.“  Ebenso wie die Hotels, in denen sie anrief, als sie zu einem Festival an den Rhein wollte: „Es ist eben immer noch nicht normal, in Deutschland behindert zu sein.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar