Zeitung Heute : DIE GROSSE FURCHT VOR ROTEN KARTEN: Ungewißheit an der Grätscher-Front

NIZZA .Die ersten Zweikampf-Studien der Weltmeisterschaft haben die Ungewißheit in der deutschen "Grätscher-Riege" noch verstärkt.Die Auftaktbegegnungen in Frankreich lieferten der Fraktion der Defensivspieler keine Aufschlüsse darüber, welche Auswirkungen die vom Weltverband FIFA propagierte Rot-Offensive in der Praxis haben wird."Ich habe keine neue Regelauslegung feststellen können", beurteilte der deutsche Bundestrainer Berti Vogts die Auftaktspiele.

Dem spanischen Referee Garcia Aranda, der die Eröffnungspartie der Weltmeisterschaft zwischen Titelverteidiger Brasilien und Schottland (2:1) mit drei Verwarnungen über die Bühne gebracht hatte, bescheinigte Vogts sogar noch einen kleinen Hang zur Nachsicht: "Er hat hervorragend gepfiffen, aber ich hätte noch eine Gelbe Karte mehr gegeben."

Akribisch wie die ganze WM-Expedition hatte sich der Bundestrainer auch auf die Neuformulierung der FIFA-Regel 12 vorbereitet, die für das Tackling von hinten in die Beine des Gegners zwingend die Rote Karte vorsieht.Gleich dreimal hatte er seinem auserwählten Weltmeisterschaftspersonal das von der FIFA bereitgestellte Demonstrations-Video mit zwölf Fouls vorgeführt, außerdem war Bundesliga-Schiedsrichter Bernd Heynemann vier Tage lang zur praktischen Umsetzung ins finnische Trainingslager gereist.Bei den Übungseinheiten hatte er seine Defensivkräfte aufgefordert, die Kontrahenten verstärkt abzulaufen statt zu attackieren.

"Vielleicht haben wir Deutsche da etwas zu viel rausgelesen", vermutete Vogts nun nach dem WM-Beginn.Bis zum Ernstfall für das eigene Team am Montag gegen die USA erhofft sich der 51jährige nun weiteren Anschauungsunterricht, wohin der Trend nun wirklich geht."Es ist ein Vorteil, daß wir das erst einmal beobachten können, bevor wir selbst spielen müssen", sagte Vogts.

Innerhalb der deutschen Mannschaft ist die neue Regelauslegung umstritten."Als Stürmer sieht man es positiver als die Verteidiger.Wenn man von hinten voll in die Beine geht, ist die Rote Karte berechtigt", sagte Kapitän Jürgen Klinsmann.Dagegen monierte Dietmar Hamann, der manchmal durchaus hart zu Werke geht: "Wenn so gepfiffen wird, wie es die FIFA angekündigt hat, geht kein Spiel ohne Platzverweis zuende.Das ist bei einem solchen Turnier nicht durchzuhalten und würde auch dem Fußball nicht helfen." Auch Abwehrspieler Christian Wörns befürchtet, "daß es hier bei der Weltmeisterschaft für Fouls Rot geben kann, für die man in der Bundesliga nur Gelb sieht."

Ähnlich sieht es auch Routinier Jürgen Kohler.Der Dortmunder bemängelt in erster Linie, daß den Profis nur wenig Zeit eingeräumt wurde, ihr Zweikampfverhalten zu überprüfen."Die Bewegungsabläufe sind automatisiert, die ändert man nicht so schnell", meinte der 32jährige."Schnelligkeit, ein gutes Auge und Erfahrung zählen jetzt noch mehr", glaubt Kohler, "außerdem das Fingerspitzengefühl des Schiedsrichters".

Bundesliga-Referee Heynemann hatte schon in Finnland der DFB-Formation erklärt, sie brauche sich keine Sorgen zu machen."Die Befürchtung, daß sich die deutsche Mannschaft umstellen muß, ist nicht so groß.Es ist keine Panik angesagt, denn wir pfeifen in der Bundesliga schon seit Monaten nach diesem Maßstab", sagte der Magdeburger.Im Gegensatz zu Kohler betrachtet Heynemann die WM als idealen Zeitpunkt für Regelreformen: "Nur bei solch einem Turnier kommen die Änderungen so an die Öffentlichkeit, daß es auch danach bis zur Kreisklasse umgesetzt werden kann."

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