Zeitung Heute : Die große Leere

Wer jetzt keinen Ausbildungsplatz findet, kann die Zeit mit Qualifizierungsmaßnahmen überbrücken

Andreas Monning

Auch 2006 werden wieder einige tausend Jugendliche ohne Ausbildungsplatz bleiben. Auch wenn die Vergabe noch nicht abgeschlossen ist und die Arbeitsagentur für Berlin und Brandenburg derzeit rund 3500 offene Lehrstellen meldet: Die Zahl der unversorgten Jugendlichen liegt erfahrungsgemäß wesentlich höher, den genauen Überblick wird die Agentur erst wieder im Laufe des Septembers haben, wenn alle suchend gemeldeten Jugendlichen einzeln angeschrieben werden.

Problematisch bleibt, dass viele Bewerber für den Einstieg in den Beruf unzureichend vorbereitet sind: mangelnde Kenntnisse in Mathematik und Deutsch, vorzeitig abgebrochene Schulausbildung, fehlende soziale Kompetenzen wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Um diese Gruppe aufzufangen, hat die Arbeitsagentur Qualifizierungsmöglichkeiten eingerichtet, die so genannten Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen (BvB). Die BvB werden von der Arbeitsagentur eingeleitet und finanziert, die Durchführung übernehmen freie Bildungsträger. Vermittelt werden Basisqualifikationen und Grundkenntnisse in verschiedenen Berufsfeldern, dazu kommen Stützunterricht, eine intensive sozialpädagogische Betreuung, Betriebspraktika und Berufsschulbesuche. BvB können je nach Bedarf bis zu zehn Monate dauern, bei Behinderten bis zu elf Monate. Knapp 3400 Jugendliche durchlaufen derzeit diese Maßnahmen, bis zum Herbst wird die Zahl voraussichtlich auf mehr als 5000 ansteigen.

Wer aber die Voraussetzungen für den Berufseinstieg grundsätzlich erfüllt und auch trotz intensiver Bemühungen bis zum 30. September keine Lehrstelle gefunden hat, kann auf eine weitere geförderte Maßnahme hoffen, die Einstiegsqualifizierung Jugendlicher (EQJ). Das Sonderprogramm umfasst ausbildungsvorbereitende Praktika und richtet sich an Jugendliche bis 25 Jahre. Die Praktika dauern sechs bis zwölf Monate und können auf eine anschließende Berufsausbildung angerechnet werden, vermittelnd tätig wird auch hier die Arbeitsagentur. „Im Gespräch zwischen Jugendlichem und Berufsberater wird geklärt, welche Beschäftigung in Frage kommt“, erklärt Olaf Möller, Sprecher der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg. Seiner Erfahrung nach findet die Mehrheit der Teilnehmer hinterher einen Ausbildungsplatz oder eine feste Stelle, meistens in dem Betrieb, in dem die EQJ geleistet wurde.

Bei Rene Kümmele hat das geklappt. Dem 23-Jährigen mit erweitertem Hauptschulabschluss war der Einstieg ins Berufsleben lange nicht geglückt. Nach vier Jahren Jobben als Animateur und einem Jahr Arbeitslosigkeit samt Hartz IV bewarb der Berliner sich im vergangenen Jahr auf eine EQJ-Stelle der Deutschen Bahn, nach zehn Monaten „Schnupperphase“ beginnt er nun seine reguläre Ausbildung zur Fachkraft für den Sicherheits- und Ordnungsdienst. „Sehr gute Erfahrungen“ habe er mit dem EQJ gemacht, berichtet Rene Kümmele, neben vielen praktischen Erfahrungen und Motivation brachte ihm die Maßnahme den für Sicherheitsdienstleister obligatorischen Gewerbeschein 34A, einen IHK-Abschluss – und am Ende sogar die Lehrstelle.

„Chance plus“ nennt die Bahn ihr EQJ-Programm, das bundesweit an 15 Standorten über 400 Jugendlichen die Möglichkeit einer Qualifizierung bietet, teilweise in Zusammenarbeit mit lokalen Kooperationspartnern. Parallel zur praktischen Tätigkeit werden die Teilnehmer vom unternehmenseigenen Bildungsdienstleister „DB Training“ in Basisfächern wie Mathematik, Englisch und Deutsch unterrichtet. „Rund 70 Prozent der Teilnehmer bekommen danach eine Lehrstelle oder schaffen den Jobeinstieg“, sagt Ulrike Stodt, Projektleiterin „Chance plus“ aus Erfahrung. Im Idealfall übernähme der Ausbilder, also die Bahn - oder einer der Partner. Zu denen gehören in Berlin Betriebe wie die Unternehmensgruppe Gegenbauer, die Jugendliche im Bereich Gebäudeservice einsetzt, und auch das Versicherungsunternehmen DEVK beteiligt sich im dritten Jahr an dem hoffnungsvollen Projekt. Das Pharmaunternehmen Schering, das inzwischen zum Bayerkonzern gehört, wird ab nächstem Jahr das seit 1988 bei Bayer laufende „Starthilfe“-Programm übernehmen, das ebenfalls EQJ anbietet.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben