Zeitung Heute : Die große Milchmädchenrechnung

„Er ist sehr depressiv“, seitdem er im Gefängnis sitze, sagt sein Beichtvater . Bisher war die Geschichte des Italieners Calisto Tanzi die eines Helden. Mit Milch in Pappkartons hatte er das Wirtschaftsimperium „Parmalat“ geschaffen – doch am Leben gehalten hat er es mit einem gigantischen Betrug.

Claudia Russo[Mailand]

Am Ende mussten ein bisschen Klebstoff, eine Schere, ein Scanner und ein Fax reichen, um Italiens größten Lebensmittelkonzern noch ein paar Tage am Leben zu erhalten. Aus alten Briefen, längst archivierten Unterschriften und einem imposanten Banknamen stückelten Parmalat-Mitarbeiter ein Schreiben zusammen, das aussah, als komme es direkt von der Wall Street. Von der Bank of America. In dem Brief wurde dokumentiert, dass Parmalat ein Guthaben von fast vier Milliarden Euro auf den Cayman-Inseln habe. Ein paarmal wurde das Schreiben durchs Fax gejagt, damit die Klebespuren verschwinden – dieselbe Technik, mit der das Unternehmen schon oft Briefe gefälscht hatte.

Doch diesmal flog die Sache auf. Die Bank of America erkannte die Fälschung. Und sorgte dafür, dass aus einer der schönsten und spannendsten Erfolgsgeschichten italienischen Unternehmertums ein ebenso spektakulärer Skandal wurde. Calisto Tanzi, Sohn eines kleinen Parmaschinken- und Tomatensaucenherstellers, Selfmademan, Milliardär, Familienvater, Mäzen, sitzt seit dem Wochenende im Gefängnis. Am Silvesternachmittag wurden auch sein Finanzchef Fausto Tonna, weitere Manager, Wirtschaftsprüfer und Anwälte verhaftet – wegen Komplizenschaft, betrügerischem Bankrott, Urkundenfälschung, Beweisvernichtung.

Freund der Kirche

Als man ihn festnahm, lächelte Calisto Tanzi. Müde winkte er den Schaulustigen und Journalisten zu, die gekommen waren, um das große Finale einer Karriere und eines gewaltigen Täuschungsmanövers zu erleben. Jahrzehntelang hat der 65-Jährige eine Rolle gespielt. Und er scheint entschlossen zu sein, sie bis zum Schluss durchzuhalten, auch wenn sie ihm kaum noch jemand abnimmt.

Der Mann, der vor mehr als 40 Jahren Italiens größten Molkereikonzern Parmalat gründete, sitzt in einer Zelle des Mailänder Gefängnisses San Vittore. Es ist das Gefängnis, das seit Beginn der 90er Jahre Italiens Symbol im Kampf gegen Mafia und Korruption ist, den Kampf eines ganzen Landes für „saubere Hände“. Und jetzt dämmert es den Italienern, dass sie wieder von vorn anfangen müssen. Die großen neureichen Unternehmer Tanzi, Berlusconi und der römische Lebensmittelfabrikant Sergio Cragnotti, Männer, die aus dem Nichts ein Imperium geschaffen haben, Helden: Sie haben sich offenbar unlauterer Methoden bedient. Cragnottis Reich brach bereits vor Monaten zusammen, Tanzis Parmalat wird mühsam von einem Insolvenzverwalter über die Runden gerettet – Berlusconi ist als Regierungschef gegen Nachforschungen immunisiert.

Traurig sei er geworden, seitdem er im Gefängnis sitzt, sagen diejenigen, die Calisto Tanzi kennen. „Er ist sehr, sehr depressiv“, sagt sein Beichtvater, Don Alfonso. Don Alfonso ist Pfarrer in Collecchio, dem Heimatdorf von Calisto Tanzi in der Nähe von Parma. Von dieser italienschen Idylle aus verfolgt Don Alfonso jetzt, wie aus seinem alten Freund, dem Katholiken und Kirchgänger Calisto Tanzi, ein Krimineller wird. Wie der Patriarch, Vorbild für unzählige Familienunternehmen südlich der Alpen, inzwischen ein Fremder im eigenen Land geworden ist. Don Alfonso ist fassungslos. Fassungslos ist auch der Bischof von Parma, Silvio Cesare Bonicelli. Der wusste sich nicht anders zu helfen, als im Vatikan um Hilfe nachzufragen. „Ich brauche Geld für die Krypta“, flehte er einen Tag vor Weihnachten bei der römischen Kirche um Hilfe. „Calisto Tanzi hat es versprochen – aber ich fürchte, er hat jetzt anderes im Kopf.“ Oder der brasilianische Fußballer Adriano Rebeiro Leite. Der hatte in seiner Heimat, einem Armenviertel von Rio de Janeiro, noch vor wenigen Tagen Weihnachtsgeschenke aus dem Hause Parmalat verteilen dürfen. Jetzt muss der Star des AC Parma damit rechnen, verkauft zu werden. Denn der AC Parma steckt in Geldnot. Und Calisto Tanzi hat wie gesagt anderes im Kopf. Er wird dem Verein, dem Spielzeug seines Sohnes Stefano, nicht aus der Klemme helfen.

In der Dorfkirche von Collecchio hat Don Alfonso Calisto jahrelang die Beichte abgenommen, er hat dessen Kinder Stefano, Laura und Francesca getauft. Heute sieht Don Alfonso die Bilder im Fernsehen. Er kann nicht glauben, dass es bei dem Milliardenbetrüger und Bilanzfälscher Tanzi, der die Rechnungen von Milchbauern in aller Welt nicht mehr bezahlt hat, um denselben Mann geht, den er kennt. „Ich kann es nicht fassen. Calisto ist immer ein gläubiger Mensch gewesen. Ich hatte das Gefühl, der Tanzi, das ist ein korrekter Mensch. Und ich glaube auch nicht, dass er Geld brauchte. Warum nur?“

Hier täuscht sich Don Alfonso – Tanzi brauchte Geld, und zwar viel. Seit mindestens 15 Jahren, sagen die Ermittler, soll Tanzi die Bilanzen seines börsennotierten Konzerns gefälscht haben. Langsam wird das Ausmaß des Betrugs deutlich.

Zuerst brauchte Tanzi Geld, damit sein Konzern wachsen konnte. Er machte Parmalat zu einem Konzern. Doch Tanzi wollte mehr erreichen, als der beste Milch- und Nahrungsmittelunternehmer Italiens zu sein. Er wollte Weltformat. Er investierte, spekulierte und verlor. In Europa, Argentinien, Brasilien. Die Renditen im Lebensmittelgeschäft erschienen ihm zu dürftig. Er begann zu zocken, Finanzgeschäfte in großem Stil in aller Welt abzuwickeln. Je mehr er zockte, desto größer wurden die Schuldenlöcher seines Konzerns. Zuerst wurden die Zahlen nur in den eigenen Unternehmen hin und her geschoben. Dann wurden die Wirtschaftsprüfer der internationalen Prüfungsgesellschaft Grant Thornton mit ins Boot geholt. Die Prüfer testierten die Abschlüsse, obwohl sie wussten, dass vieles von dem, was da stand, erfunden war. Als Grant Thornton 1999 – so verlangte es die Börsenaufsicht – routinemäßig durch eine andere Wirtschaftsprüfung ersetzt werden sollte, wurde kurzerhand ein neues Unternehmen, Bonlat, gegründet, um die schöne Zusammenarbeit nicht zu gefährden.

Dann wurden die Banken getäuscht. Und schließlich wurden Briefe gefälscht: „Ein Anfänger hätte das ohne Probleme erkennen können“, sagte ein mit den Ermittlungen Vertrauter jetzt dem „Wall Street Journal“. Nur, dass eben niemand etwas erkennen wollte. Zu viele profitierten vom neuen Reichtum und der neuen Größe des abgebrochenen Wirtschaftsstudenten Tanzi, der nach dem frühen Tod seines Vaters als 21-Jähriger den väterlichen Schinken- und Konserven-Betrieb übernehmen musste. Lust, die Metzgereigeschäfte der Familie weiterzuführen, soll er keine gehabt haben. Aber er muss schnell erkannt haben, dass sich aus der Firma etwas machen ließ. Er klopfte bei den Banken an, erklärte seine Pläne – dass er von Schinken und Salami auf Milch umsteigen wollte, von einer neuen Verpackung, die aus Nordeuropa über die Alpen kam – Milch in Pappkartons. Den Kreditgebern gefiel der Ehrgeiz des jungen Mannes, bald war er der Erste, der den Italiener pasteurisierte Milch im Tetrapak anbot.

Tanzis Unternehmen, das 1962 umgerechnet 100000 Euro umsetzte, erreichte 1970 die Drei-Millionen-Grenze. Jogurt, Tomatensoße, Fruchtsäfte, Kekse, vorgebackene Pizzen und kleine Snacks kamen dazu, alle mit dem großen Schriftzug „Parmalat“. Und Sport: Parmalat wurde zum offiziellen Sponsor der Skifahrer Thoeni und Ingmar Stenmark. Tanzi unterstützte auch den Formel-1-Fahrer Niki Lauda und kaufte für seinen Sohn den Erstligisten AC Parma. Für seine Tochter gründete er ein Reiseunternehmen, in das ein Großteil der Summe von 500 Millionen Euro geflossen sein soll, deren Unterschlagung Tanzi inzwischen gestanden hat. Weltweit 34000 Mitarbeiter hat Parmalat heute. Wie viel Umsatz das Unternehmen macht, kann zurzeit allerdings niemand zuverlässig sagen. Denn am 8. Dezember konnte Parmalat erstmals eine Anleihe in Höhe von 150 Millionen Euro nicht mehr an seine Gläubiger zurückzahlen. Das war zu einer Zeit, in der Finanzchef Tonna vertrauenswürdige Mitarbeiter längst angewiesen haben soll, Dateien zu vernichten und Unterlagen zu schreddern. Nun krachte ein Teil des Parmalat-Imperiums nach dem anderen zusammen. Heute gibt es keine Zahl im Unternehmen mehr, die noch jemand glaubt, und italienische Milchbauern demonstrieren vor der Parmalat-Zentrale, weil sie seit Monaten kein Geld mehr bekommen haben.

Schnell noch die Spur verwischt

Sie wissen, dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass Calisto Tanzi für diese Rechnungen noch geradestehen wird. Wenn sie Glück haben, wird Italiens bester Sanierungsmanager Enrico Bondi dafür sorgen, dass wenigstens das Stammgeschäft, die Molkereien und Konservenfabriken in Italien, weiter arbeiten können. So, wie die Kirche von Parma weiß, dass sie die Rechnungen für die Sanierung ihrer Krypta nun wohl selbst bezahlen muss. Und der brasilianische Fußballer Leite ahnt, dass er nie wieder für Parma spielen wird.

Zuletzt, vier Tage vor Weihnachten, ging der einstige Starunternehmer Tanzi noch einmal auf große Reise. Er fuhr nach Spanien, Portugal, Venezuela, Brasilien, Ecuador und am Ende in die Schweiz. Um eine reine „Urlaubsreise“, wie Tanzi es nannte, wird es sich dabei nicht gehandelt haben. Die Staatsanwaltschaft, die nun die Ruinen des einstigen Milch-Riesen untersucht, will wissen, was Tanzi in seinem Weihnachtsurlaub tatsächlich unternommen hat. Der Verdacht: Tanzi soll wenige Tage vor seiner Festnahme noch einmal Spuren verwischt und vielleicht auch noch ein wenig Geld zur Seite gelegt haben.

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