Zeitung Heute : Die große Wanderung

INA BOCKHOLT

Menschen auf der Flucht eine Fotoausstellung im Künstlerhaus BethanienINA BOCKHOLTStreng geordnet wie in einer Kasernenstadt steht eine Hütte dicht neben der anderen.Auf die Dächer der unzähligen Behausungen sind große Pappen als Regenschutz genagelt.Aus der Ferne gleicht das Flüchtlingslager in Sierra Leone einem gemütlichen Feld von Strohkissen.Anders als auf den gewohnten Bildern von Afrika sind Hunger und Krankheit nicht die Hauptmotive von Andreas Herzaus Fotos.Fern von einer Ästhetisierung des Elends zeigen seine Bilder vor allem das vom Bürgerkrieg geprägte alltägliche Leben.In dem zwischen Liberia und Guinea gelegenen Land, wurde seit 1991 fast die Hälfte der Einwohner gezwungen, Haus und Heimat zu verlassen.Einige leben in Lagern nahe den großen Städten, andere sind in die Nachbarländer geflohen. Mit vier seiner Kollegen von der Hamburger Foto-Agentur "Signum" reiste Herzau von 1995 bis 1997 durch Länder, in denen Menschen auf der Flucht sind.Dabei entstanden insgesamt zwölf Fotoreportagen, unter anderem aus Afghanistan, Bosnien, Mexiko und Ruanda, aber auch aus Deutschland.Das Künstlerhaus Bethanien zeigt sie nun in der Ausstellung "Flucht.50 Millionen Menschen ohne Heimat".Die in Kooperation mit der Welthungerhilfe und weiteren Hilfsorganisationen konzipierte Schau begreift Flucht "als globales Phänomen, das sich im 21.Jahrhundert noch verschärfen wird", so Christian Jungeblodt.Während Fernseh- und Fotokameras bei der aktuellen Berichterstattung nur flüchtig über die Massenlager und Baracken in den Krisengebieten streifen, zeigen die Mitarbeiter von "Signum", wie in unmenschlichsten Verhältnissen noch Menschlichkeit bewahrt wird.So betten auf einem Bild Waisen in Ruanda ihre Eltern aus einem Massengrab auf ein freies Feld um.Im Hintergrund zieht eine Prozession von Kindern vorbei, die mit großen Kruzifixen in den Händen um himmlischen Trost bittet. "Mit Flüchtlingen wird oft Politik gemacht", erläutert Christian Jongeblodt einen andere Aspekt der Problematik.Oft nämlich würden militärische Stützpunkte neben den Camps der Heimatlosen errichtet, damit ein Angriff auf diesen Zündherd in der Öffentlichkeit wie ein Anschlag auf die Bevölkerung erscheine.Nicht sichtbar, aber dennoch bedrohlich nah erscheint der Krieg auch auf Jongeblodts Bildern.Eines zeigt eine in dicke Baumwolle gehüllte Frau in der steinigen Wüstenlandschaft von Afghanistan sitzend.Ihr Gesicht läßt sich hinter dem groben Stoffgitter ihres Schleiers nur erahnen.Indem sie ihre abgeschlagene Daumenkuppe zeigt, klagt sie militärische Gewalt auf eine ungewöhnliche Weise an. Ausgestellt sind auch großformatige Kontaktbilder von Asylbewerberheimen und aus der Abschiebehaft in Deutschland."Sie sollen die Ecksteine deutscher Asylpolitik dokumentieren", sagt Andreas Herzau.Die meisten dieser wie Dokumentarfilme aufeinanderfolgenden Fotos wurden bereits zwischen 1990 und 1995 aufgenommen.Immer seltener nämlich ließen deutsche Behörden die fotografische Berichterstattung über Flüchtlinge zu, so Herzau.Ein Grund mehr, das endlose weltweite Warten in Interimsquartieren zu thematisieren. Bis 22.März im Berliner Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, Di.-So.jeweils 12-18 Uhr, Katalog 49 DM.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben