Zeitung Heute : Die gute Laune steckt an

SANDRA LUZINA

Alvin Ailey American Dance Theater in der Deutschen OperSANDRA LUZINAMit standing ovations wurde das Gastspiel des Alvin Ailey American Dance Theater gefeiert.Der Abend in der Deutschen Oper war mehr als eine hinreißende Manifestation der vielbesungenen black beauties, die superben Tänzer haben mehr zu bieten als nur geschmeidig-schöne Körper.Die Truppe steht für eine raffinierte und zugleich populäre Tanz-Ästhektik und präsentiert bestes Entertainment.Hier war zudem der seltene Glücksfall eingetreten, lauter kraftvolle und ausdrucksstarke Tänzerpersönlichkeiten auf der Bühne versammelt zu sehen.Unter der Leitung von Judith Jamison hat sich die Truppe zu einer beeindruckenden Form emporgetanzt.Die Kompagnie besticht nicht allein durch immense Virtuosität und technische Brillanz, die mit unverkrampfter Lässigkeit dargeboten wird, sie bezirzt auch durch ein mitreißendes Temperament, ein ausgeprägtes Rhythmusempfinden und eine ungekünstelte Sinnlichkeit.Der Tanz ist eine effektvolle Fusion aus afrikanischen, amerikanischen, europäischen Einflüssen und auch ein gekonnter Spagat zwischen Ballett und Broadway.Doch die black attitude ist unverkennbar, auch wenn die Besetzung nicht mehr ausschließlich schwarz ist.Ein geschmeidiger Gang, ein laszives Wiegen in den Hüften sind ebenso auffallend wie die charakteristischen Jazz-Hände und die sehnsüchtig zum Himmel emporgestreckten Arme.Die Tänzer sind ganz schön funky, gegeizt wird aber auch nicht mit tänzerischen Pathosformeln: Tief gebeugt in Schmerz und Demut präsentieren sich die Tänzer in den Ensembleszenen, doch Schicksalsergebenheit paart sich mit kraftvollem Aufbegehren.So ist es nicht zuletzt der human touch, durch den die Gruppe ihr Publikum bewegt, das Ensemble weckt eine unbändige Tanzlust und appelliert ganz unmittelbar an starke Empfindungen. "Hymn" von Judith Jamison ist dem künstlerischen Vermächtnis ihres Mentors Alvin Ailey verpflichtet, die Choreographie ist zugleich eine heitere Feier von Tanz und Tänzern.Die gesprochenen Kommentare lenken freilich auf die Dauer eher ab, klüger wäre es, den Tanz selber sprechen zu lassen.Jamison gelingen mitreißende Gruppenszenen mit effektvollen Anleihen bei Afro und Jazz dance.In "Bad Blood" von Ulysses Dove ist die Versuchung männlich.Der schwarze Beau, der tänzerisch gleich herrlich auftrumpft, ist natürlich unwiderstehlich.Als Joker bringt er Bewegung in ein erotisches Paar-Doppel.Der Höhepunkt des Abends ist Alvin Aileys Meisterwerk "Revelations", ein vertanzter Gottesdienst zu bekannten Spirituals und eine Hymne auf die schwarze Identität.In der Interpretation durch die Truppe ist die 1960 entstandene Choreographie immer noch eine künstlerische Offenbarung, kein bißchen museal.Musik und Tanz sind auf wunderbare Weise eins, das Credo, Tanz auch als Ausdruck von Spiritualität zu verstehen, wird auf das schönste eingelöst.Erlösungssehnsucht und eine tiefe Religiosität werden in einfachen, einprägsamen Bewegungen sinnfällig, aus der Erinnerung an Leid speist sich eine triumphierende Vitalität.Die black community swingt - und auch heute ist "Revelations" ansteckend in seiner unbändigen Lebensfreude. Weitere Vorstellungen bis Sonntag, 19.Oktober, Deutsche Oper, jeweils 20 Uhr, Sonnabend und Sonntag auch 15 Uhr.

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