Zeitung Heute : Die Haare stylen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Andreas Austilat

Es gibt ja Leute, die behaupten, Kinder hielten einen jung. Ach, was wissen die denn. Das Gegenteil ist doch der Fall: Zu den melancholischen Momenten des Elterndaseins gehört dieses Gefühl, langsam aber sicher aus der Mode zu geraten. Gestern noch, da haben die Kleinen dankbar zu einem aufgeblickt, da war man Vorbild in allen Lebenslagen. Heute? Vorbei, man kann richtig sehen, wie man älter wird. Dabei ist der Junge doch erst elf.

Nehmen wir nur mal folgenden Fall: Da kommt man nach Hause, ist ganz stolz auf sich, weil man die Strecke mit dem Fahrrad in neuer Bestzeit zurückgelegt hat - hey, wie fit man ist - und was sagt der Sohn zur Begrüßung: „Cool, du hast dir die Haare gestylt.“ Gestylt? habe ich mich ein bisschen überrascht gefragt. Also warf ich einen prüfenden Blick in den Spiegel. Und was habe ich da gesehen? Einen Menschen, der ein wenig ins Schwitzen gekommen ist und keine Kapuze aufhatte. Weshalb ihm jetzt nach wilder Fahrt die Haare zu Berge stehen.

Nein, sagte ich also wahrheitsgemäß, ich habe mir nichts in die Haare gemacht. Ich mache mir nur äußerst ungern irgendein Wachs, Gel oder Spray in die Haare. Weißt du, als ich so alt war wie du, da gab es nichts uncooleres als Frisiercreme. „Brisk“, hieß das Zeug, das war was für unsere Väter, das war was für Leute, die rein modisch irgendwie stehen geblieben waren.

Der Junge hat mir auch zugehört, kurz wenigstens. Aber dann hat er irgendwie das Interesse verloren und ist in sein Zimmer gegangen. Ja, er ist verdammt schwer, der Dialog mit der Jugend. Und das gilt nicht nur für meinen Sohn. Mit der Kleinen fängt das ja auch schon an. Neulich zum Beispiel, da haben wir uns alte Fotos angeguckt. Und was sagt sie? Früher war Berlin nicht schön, sagt sie. Das ganze Leben in schwarz-weiß. Heute sei es doch ganz was anderes, bunter eben.

Bunter? Ich meine, das waren wirklich coole Zeiten so vor 20, 30 Jahren, als wir uns da gegen das Establishment aufgelehnt haben. Und mein Junge? Der verbringt jeden Morgen eine geschlagene Viertelstunde im Badezimmer. Mindestens. Dann kommt er raus, die Stirnhaare zu einer stacheligen Tolle aufgebretzelt. Und er weigert sich, eine Mütze oder wenigstens eine Kapuze aufzusetzen, da kann es noch so kalt sein, weil, die würde ja alles kaputtmachen. Ich meine, könnte mir ja egal sein, was der mit seinen Haaren macht, wenn er nur erstens nicht immer das Badezimmer so lange blockieren und sich zweitens im Winter eine Mütze aufsetzen würde.

Aber zurück zu der Begrüßungsszene eben. Ich habe also meine Frau gefragt, was sie eigentlich dazu meint. Sie hat mir gar nicht erst zugehört. „Schatz“, hat sie stattdessen gesagt, „wie siehst du denn aus“, weil, ich hatte ja immer noch meine Fahrradfrisur, „bist du etwa den ganzen Tag so rumgelaufen“. Na und. Selbst wenn. Der Junge fand es cool. Das hätte ich sagen können, habe ich aber nicht. Man ist ja schließlich keine elf mehr. Und überhaupt, ich finde das würdelos, wenn man sich so ranschmeißt an die Jugend.

Haarspray ist besser als Wachs, sagt der Junge. Ich halte mich da raus.

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