Zeitung Heute : Die Hagener Fernuni geht neue Wege

THOMAS VESER

Die virtuelle Universität soll einmal alle Funktionen einer Hochschule umfassenVON THOMAS VESER Im Halbrund angeordnet, bleiben die Treppensitze im ungewöhnlichsten Hörsaal der Hagener Fernuniversität stets leer, und nie wird ein Dozent vom Katheder der Grundfläche aus Vorlesungen halten.Denn Hagens Hochschule der Zukunft ist nicht mehr als ein gedachtes Gebilde, eine virtuelle Universität.Ihre Bestandteile werden durch "Icons" auf dem Bildschirm des Rechners angezeigt. Die virtuelle Universität entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem ebenso beliebten wie unpräzisen Modebegriff, unter dem gerne neue ­ oder vermeintlich neue ­ Techniken zusammengefaßt werden.Blieben virtuelle Universitäten, deren Zahl sich gegenwärtig kaum noch ermessen läßt, anfangs überwiegend auf Länder der englischsprachigen Welt beschränkt, verdankt Deutschland seine erste virtuelle Universität der Hagener Fernuniversität. Im ersten Schritt "virtualisierte" man das Studienangebot der Fachrichtungen Informatik und Elektrotechnik, nun soll die Bandbreite durch Materialien für Studierende der Erziehungs-, Sozial- und Geisteswissenschaften erweitert werden.Bereits jetzt können Examenskandidaten der virtuellen Universität mündliche Prüfungen in einem der Fernuni-Studienzentren im ganzen Land ablegen, der Kandidat lernt dabei seinen Prüfer dank Videokamera lediglich am Bildschirm kennen.Nach und nach will Hagen weitere Fachrichtungen aufnehmen, damit die virtuelle Universität, so Rektor Helmut Hoyer, eines Tages "sämtliche Funktionen einer Hochschule umsetzen kann und dabei mit Industriepartnern und anderen Hochschulen kooperiert." Nicht nur eingeschriebene Studierende, die nach Eingang ihrer Studiengebühren Zugang zum Gesamtangebot der virtuellen Universität erhalten, soll die noch ungewohnte Form der Wissensvermittlung zugute kommen; Hagen denkt bereits an eine spätere Öffnung für andere Zielgruppen, darunter Menschen, die sich im Sinne des "lebensbegleitenden Lernens" weiterqualifizieren wollen. Deutschlands einzige Fernuniversität sucht nach einer neuen Rolle und richtet dabei hoffnungsvolle Blicke auf die Neuen Medien.Aus gutem Grund: Um die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie im Hochschulbereich voranzubringen, hatte Nordrhein-Westfalen den 15 Landesuniversitäten rund 7,5 Millionen DM zur Verfügung gestellt.Welche Projekte den Zuschlag erhielten, entschied der "Universitätsverband Multimedia", der zufällig an der FernUniversität Hagen sitzt.Um ihre Projekte umzusetzen, benötigen die übrigen Hochschulen Nordrhein-Westfalen zwangsläufig Hagens virtuelle Universität, in deren Aufbau bislang drei Millionen DM geflossen sind. Daß den Hagenern der Schritt in die Virtualität besonders leicht fiel, liegt bereits in der Eigenart der FernUniversität begründet: Es gab ja, abgesehen von Präsenzphasen und Schlußprüfungen, nie direkte Kontakte mit den Studierenden.Da gut 80 Prozent der Fernstudenten einer Umfrage zufolge bereits über die nötige Computerausrüstung verfügten, konnte man beruhigt dazu übergehen, die bisher als Studienbriefe per Post versandten Kursmaterialien in angepaßter Form ins Internet zu geben.Ergänzt wird das Bildungsangebot durch Studienbriefe auf CD-ROM und interaktive Elemente wie Video-Conferencing, E-Mail und Voice-Mail. Die Vorteile des klassischen Fernstudiums mit schriftlichen Unterlagen ­ räumliche Unabhängigkeit und eigene Zeiteinteilung, bis zu einem gewissen Grad auch eigenständige Wahl der Themen ­ bleiben zwar bei der virtuellen Universität erhalten; ob die als virtueller Ersatz für Kolloquien und Übungen dienenden Chat-Rooms die hochgesteckten Hoffnungen erfüllen werden, ist noch nicht erwiesen.Sicher ist jedoch, daß die Newsgroups, die Schwarzen Bretter also, vor allem für Examenskandidaten in der Vorbereitungsphase sehr nützlich sind. Geht es allerdings um die Frage, wie sich die didaktische Qualität des Kursmaterials der virtuellen Universität und der Lernerfolg messen lassen, muß Hagen, das sich mit dieser neuen Schöpfung auf Neuland vorgewagt hat, gegenwärtig die Antwort schuldig bleiben.Auch andere virtuelle Universitäten können hierzu nur in geringem Umfang Erfahrungsberichte anbieten.Die traditionelle Universität, darüber ist man sich in Hagen einig, wird die gedachte Hochschule gewiß nie ersetzen. Mit Gewißheit läßt sich gegenwärtig voraussehen, daß die Wissensvermittlung über die virtuelle Universität spürbar teurer ausfallen wird, auch wenn die Fernuni den Teilnehmern die Software kostenfrei abgibt und Videokameras verleiht.Hat die Privatwirtschaft inzwischen ernüchtert erkannt, daß der Multimedia-Markt weiterhin hohe Investitionen verlangt und mittelfristig kaum rasche Gewinne verspricht, zeigt die öffentlich finanzierte Fernuniversität Hagen auf diesem Bereich jetzt um so entschiedener Flagge.Denn bereits jetzt droht ihr eine ernstzunehmende Konkurrenz, vor allem durch Fachhochschulen.Sie schicken sich an, über das Netz berufliche Qualifikationskurse anzubieten: Ein Warnsignal für Hagen, dessen Studierende zu einem Drittel im Berufsleben stehen.

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