Die halbe Wahrheit : Auf dem Highway ist die Hölle los

Das kleine Muttermal ist schuld.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Das kleine Muttermal ist schuld. Es sitzt genau in der Beuge, wo beim Autofahren der Gurt den Hals berührt. Deswegen fahre ich in der Stadt mit dem Gurt unter der Schulter. Um das Mini-Muttermal zu schonen.

So brauste ich vergangenen Mittwochnachmittag rauchend und Musik hörend am Nordhafen vorbei, und ich weiß noch genau, welche Banalität mir dabei durch den Kopf ging: Ob wohl noch Toastbrot im Haus ist? Da hatte mich der Polizist auch schon gestoppt – „Sie wissen, wie man eine Gurt richtig anlegt?“

Mit der Unterwürfigkeit eines gehorsamen Kindergartenkindes, das eine Schleife zu binden gelernt hat, führte ich dem Polizisten vor, wie man einen Gurt ordnungsgemäß anlegt. Dass ein Gurt bei Frauen wie ein Wonderbra wirkt, schien ihn besonders zu interessieren.

Überhaupt, es ging ihm nicht um meine Sicherheit, sondern darum, mich zu maßregeln. Er sagte: „Wenn Sie zu klein für das Auto sind, schieben Sie sich eben ein Kissen unter den Arsch.“ Dann verlangte er nach meinen Papieren, aber ich hatte nur den Kfz-Schein dabei. „Ha“, machte der Polizist. „Haben Sie irgendein Dokument, das beweist, dass Sie Sie sind?“

Ich drückte umständlich meine Zigarette in einem alten Kaffeebecher aus und zeigte ihm meine Kreditkarte, auf deren Rückseite ein Foto ist. Das Foto ist drei Jahre alt, meine Frisur war anders.

Der Polizist sagte: „Das sind Sie nicht.“ – „Doch“, erwiderte ich. – „Nein“, erklärte der Polizist. „Das sind Sie nicht.“

Ich lachte hilflos. Der Polizist: „Wir sind hier nicht in der Keksbäckerei. Woher soll ich wissen, ob Sie überhaupt eine Fahrerlaubnis haben? Sie rufen jetzt jemanden an, der herkommt und bezeugen kann, dass Sie Sie sind.“ Ich sagte: „Leider arbeiten alle, die ich kenne, um diese Uhrzeit.“

Der Polizist fragte: „Und? Haben Sie es zu etwas gebracht im Leben?

Ich: „Wie meinen Sie das?“

Polizist: „Ihre Freunde arbeiten. Sie nicht.“

Wieder musste ich lachen. Der Polizist hatte mich auf frischer Tat ertappt. Mein Delikt: Freizeit. Ich stieg aus dem Auto, um im Kofferraum nach passenden Papieren zu kramen. Ein lang vermisster Ohrring kam zum Vorschein.

Polizist (schleimig): „Darf ich Sie was fragen?“

Ich (hündisch): „Alles, was Sie wollen.“

Polizist (gönnerhaft): „Sie sind freudiger Erwartung, oder?“

Betreten schaute ich an mir herunter. Ich trug eines dieser weiten Kleider, wie sie gerade modern sind, und abgewetzte High Heels, aus denen Nägel mit abgesplittertem Lack herausschauten. Mir fiel der Probierteller voller Kuchen ein, den ich am Vortag bei Barcomi’s verputzt hatte. Der Polizist hielt mich für eine arbeitsscheue, nichtsnutzige, promiske Tagediebin, die ihr Ungeborenes absichtlich durch massiven Zigarettenkonsum schädigt – also für eine lupenreine Schlampe.

Polizist: „Ich rufe jetzt eine Kollegin an, die mit Ihnen nach Hause fährt und dort Ihre Identität klärt. Ich darf das aus nahe liegenden Gründen nicht.“

Der Polizist, so viel steht fest, hätte mich nur zu gern in meine Wohnung begleitet, um mir dort nochmal ganz genau zu zeigen, wie man sich anschnallt.

Schließlich zerwühlte ich unter Aufsicht einer sehr netten Polizistin alle Schubladen meiner Wohnung, bis ich das Gewünschte fand. Toastbrot war aber nicht mehr da.

Abends fuhr ich mit dem Fahrrad über den Gehweg am Roten Rathaus Richtung Kreuzberg – mit dem festen Vorsatz, dort mein Ungeborenes mit der bunten Welt des Lebens vertraut zu machen. Ein Polizist brüllte mir hinterher: „Pack, ihr lernt es nie.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben