Die halbe Wahrheit : Boxershorts & WLAN-Box

Von Esther Kogelboom

Ich misstraue meinem WLAN. Seit kurzem liegt bei mir zu Hause eine weiße, flache Box mit gelben, grünen, schwarzen und weißen Steckerchen. Sie blinkt in unregelmäßigen Abständen und taucht das Zimmer bei Dunkelheit in kühles blaues Licht. Wegen dieser Schachtel und einem ellenlangen Zugangscode kann ich jetzt auch zu Hause arbeiten, denn ich komme kabellos ins Super-Highspeed-Internet.

Mein neues WLAN überschneidet sich mit ziemlich vielen anderen WLANs. Eines heißt zum Beispiel „guzy“, dann gibt es noch „flurfunk“ oder „tamara123“. Diese WLANs sind alle passwortgeschützt, ich hab mich nur mal spaßeshalber reinzuhacken versucht, es ging nicht. Frage: Woher weiß mein Computer, in welche Funkwellen er sich einloggen muss? Hat „guzy“ etwa kleine Vorhängeschlösser an jeder Funkwelle, für die mein Computer keinen Schlüssel hat? Merkt sich „tamara123“ meine Pins und Tans, das Luder?

Ich danke den Funkwellen in aller Form dafür, dass sie unsichtbar sind. So unsichtbar wie die Nachbarn. Ach, zauberhafte Anonymität der Großstadt.

Zu Hause arbeiten, das ist ja so eine Sache. Ich kenne viele Horrorgeschichten von Leuten, denen der Tag auf diese Weise unwiederbringlich entglitt. Eine freiberufliche Kollegin, die schon länger und erfolgreich von zu Hause arbeitet, verriet mir ihren Trick: „Du solltest unbedingt darauf achten, dich morgens normal anziehen.“ Das klang jetzt zu einfach, um wahr zu sein.

Sie sagte, sie habe sich wochenlang gewundert, warum sie im heimischen Büro nichts zustande bringt. Dann sei ihr eines Nachmittags aufgefallen, dass sie noch mit ungeputzten Zähnen und nur mit einem Unterhemd und der Boxershorts ihres Freundes bekleidet vor dem Fernseher sitzt. Sprich: Dem Herumlungern kann man ihrer Meinung nach nur wirksam entgegenwirken, indem man sich kleidet, als müsse man jeden Augenblick zu einem wichtigen Termin. Und den Fernseher abschafft.

Ich dagegen habe ein ganz anderes Problem: das Mittagspausengefühl, das sich zuverlässig täglich um Punkt 13 Uhr 15 einstellt. Nur: Wo sind die anderen, die Kollegen? Hier ist niemand. Nur die weiße Box blinkt still in der Zimmerecke. Den möchte ich mal sehen, der mit seinem WLAN Mittagspause macht.

In melancholischer Stimmung brate ich ein Spiegelei, garniere es mit dem letzten, schon grau verfärbtem Cornichon aus dem Gurkenglas und esse es auf. So eine Mittagspause mit WLAN geht viel zu schnell vorbei. Nach zehn Minuten bin ich fertig und bringe den Müll runter. Was es wohl in der Kantine gibt? Bestimmt Schnitzel mit Pommes, mein Leibgericht. Ich fische eine Zigarette aus der Packung und zünde sie an. Immerhin: Bei der Arbeit rauchen, das gab es lange nicht mehr. Gar nicht schlecht. Mir ist nach einem kühlen Glas Prosecco Aperol.

Da! Das Telefon schrillt. In zwei beschwingten Schritten bin ich da; räuspere mich, bevor ich abhebe, schließlich habe ich heute zwar viel gedacht, aber noch nicht gesprochen. Eine fremde Frauenstimme von der Telefongesellschaft fragt, ob mit der Installation des WLAN alles geklappt hat. Ich walze ein paar Problemchen aus, und als das geklärt ist, verwickele ich sie in ein Gespräch über das Wetter – sie blockt ab. Mit dem Argument, sie müsse jetzt aber wirklich mal arbeiten. Verstehe, natürlich, danke für den Anruf.

Ich gehe einmal um den Block, nur ganz kurz, um unter Leute zu kommen. Erleichtert stelle ich fest, dass das Leben draußen weitergeht. Dann überfällt mich eine besonders extreme Form der Nachmittagsmüdigkeit. Im Büro würde ich jetzt einen doppelten Espresso trinken. Hier … ach, warum eigentlich nicht.

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