Die halbe Wahrheit : Da musst du den Hut ziehen!

Von Esther Kogelboom

Ich hatte gerade Besuch von meiner Cousine aus dem Rheinland. Meine Cousine ist 17 Jahre alt. Sie ist wahnsinnig süß und erst zum zweiten Mal in Berlin. Ich dagegen war wahnsinnig aufgeregt, denn ich war seit Jahren zum ersten Mal längere Zeit mit der Cousine zusammen. Es ist nämlich so: Den Kioskbetreiber vom Alexanderplatz kenne ich besser als Sophie. Ihn sehe ich täglich, aber Sophie immer nur Weihnachten.

Sophie mag weder Bohnen noch Honig, trinkt dafür gerne warme Sprite und trägt große Hüte oder bunte Peruanermützen. Für Sophie sind Ost und West einfach nur Himmelsrichtungen. Sophie wollte gerne mehrere Tage am Stück abwechselnd im Jüdischen Museum und bei H & M am Potsdamer Platz verbringen. Sophie kann – und das ist echt hart für mich – die eindeutig besseren Pastasaucen machen. Das habe ich in den ersten Tagen unseres Beisammenseins über meine Cousine gelernt.

Auch über mich konnte ich eine ganze Menge herausfinden: Ich war rein physisch dazu in der Lage, um 4 Uhr 20 aufzustehen und ein tiefgefrorenes Auto zum Ostbahnhof zu lenken. Ich konnte mühelos den Eindruck erwecken, ich würde jeden Morgen in aller Seelenruhe ein ausgewogenes Frühstück zu mir nehmen und hätte mein Leben auch sonst unter Kontrolle. Und: Es ist nicht okay, große Hüte und bunte Peruanermützen blöd zu finden, wenn man für Fahrten durch Berlin nur ein tiefgefrorenes Auto anbieten kann.

„Du solltest dich echt mehr um deine Familie kümmern“, rief meine Freundin am Telefon. Sie klang verärgert. „Na sag schon: Wie viele Cousinen hast du eigentlich?“ Ich verzählte mich ein paarmal und kam schließlich auf sieben. „Denk dran“, sagte sie, „wenn es hart auf hart kommt, ist Blut immer noch dicker als Wasser“. Ich schwieg bedrückt. Meine Freundin und ich: Wasser. Meine Lieblingskollegin und ich: auch nur Wasser? Männer: dann höchstens Altbaubleileitungswasser.

Meine Verwandtschaft und mich trennen laut Routenplaner 580 Kilometer, davon 554 Kilometer Schnellstraßen. Diese Entfernung zu überwinden, dauert 5,38 Stunden, davon 4,59 Stunden auf Schnellstraßen. 12,31 Jahre lang fand ich diese Distanz gut. Und plötzlich ließ mich ein mahnendes Wort meiner Wasser- Freundin zweifeln. Was, wenn es wirklich hart auf hart kommt? Wer besucht mich im Knast? Wer kümmert sich darum, dass auf meiner Beerdigung alle ihre Hüte und Peruanermützen abnehmen?

Um herauszufinden, ob die Blut- Theorie stimmt, lud ich Sophie gegen Mitternacht auf eine warme Fanta in meine total verrauchte Lieblingsbar ein. Denn die Erfahrung lehrt: Beim Tischfußball entblößt der Mensch sein wahres Ich. Und so war es. Sophie und ich haben die wechselnden Gegner bis auf die Knochen blamiert. Eine seltsame Energie lag über unserem Spiel; Fremde schenkten uns Münzen, damit wir weiterspielen konnten. Wir waren sozusagen eine Mannschaft (6:2, 6:3, 6:4, 6:0, 8:6 ...). Für ein Einzelkind ist das ein vollkommen neuartiges Gefühl.

Irgendwann ergriff mich ein kurzer Schwindel. Ich sackte auf der Ersatzbank zusammen, schneuzte mich kräftig und knetete meine beanspruchten Hände. Plötzlich fächerte mir jemand mit einem Bierdeckel Luft zu. Es war meine Freundin. „Kennst du deine Blutgruppe?“, fragte sie. – „Klar, AB. Wieso?“

Sie strahlte mich an.

– „Cool, genau wie ich.“

Da hatte Sophie schon einen anderen Stürmer gefunden. Hut ab.

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