Die halbe Wahrheit : Das Leben ist kein Kindergeburtstag!

Von Esther Kogelboom

Meine Freundin und ich waren zu einem Geburtstag eingeladen. Statt der üblichen Sixpacks und des Pfefferminzstrauchs für den Mojito brachten wir eine hölzerne Schaukel mit, denn das Geburtstagskind wurde erst süße drei.

Der Schaukel war eine Gebrauchsanweisung beigelegt, in der stand: „Hängen Sie die Schaukel auf. Lassen Sie einen Erwachsenen bis 50 kg Probeschwünge durchführen.“

Selbstgefällig hob ich die Hand. „Tja, da wäre ich hier wohl die Einzige“, triumphierte ich – obwohl ich in Wirklichkeit ganz schön zugenommen habe und mir seit geraumer Zeit, vermutlich wegen Rührei mit Speck, die H&M-34 nicht mehr passt.

Also führte ich ein paar Probeschwünge durch. Meine Freundin schubste mich an. Die vielen dreijährigen Geburtstagsgäste beobachteten die Szene aus einiger Entfernung und sahen durch die Bank weg skeptisch aus. Ich schaukelte mich hoch und höher. So lange, bis die Schaukel vom Ast riss und ich aufschlug, wobei ich einen gellenden Schrei ausgestoßen haben muss. Das behauptete jedenfalls meine Freundin, nachdem ich das Bewusstsein wiedererlangt hatte.

Meinen Sturz können Sie wahrscheinlich bald bei „Upps – Die Superpannenshow“ anschauen. Diverse Videokameras waren zum Zeitpunkt des Unglücks auf mich gerichtet. Aus dem Off hört man ein Kind mit Piepsstimme fragen: „Mama, was macht die Frau da?“ Meine Freundin seufzte genervt: „O Mann, darüber schreibt sie jetzt bestimmt wieder eine Kolumne.“

Ich hatte mir nichts gebrochen – was ich ein bisschen schade finde, weil ich gerne bemitleidet werde. So ein glatter Durchbruch des rechten Armes hätte mir gut gefallen. Schon immer habe ich davon geträumt, zur (beruflichen) Untätigkeit verdammt, im seidenen Negligé mit einem Gläschen Martini auf dem Balkon zu sitzen und Genesungsblumensträuße zu empfangen. Daraus wird jetzt nichts. Stattdessen changiert mein Arm langsam von taubenblau zu trabiblau. Teile sind sogar ketchuprot bis cranberryrot, ja, auch ein Brombeerton findet sich am Ellenbogen.

Mein begnadeter Masseur entdeckte das Farbenspiel am nächsten Tag. Ich erzählte ihm die Geschichte. „Hm, ach so“, machte er, während er mein Schulterblatt sanft in eine unnatürliche Position bewegte. Und dann: „Du bist gefallen. Das sagen sie alle. Im Vertrauen: Du solltest das Arschloch anzeigen.“ In seiner Fantasie sah er mich wahrscheinlich von einem Stanley-Kowalski-Typen verprügelt. (Seit unser Ben Becker in Hamburg als Kowalski auftritt, sollte „Endstation Sehnsucht“ sowieso „A Metrotram Named Desire“ heißen, wa Keule.) Der Masseur zog weiter an meinem Schulterblatt. Beim Einrasten machte es das Geräusch von mehreren aufploppenden Tennisbällen.

In Wirklichkeit ist mir ein Schläger wie Stanley Kowalski, der heute wahrscheinlich Produzent von Sido wäre, als Konzept immer noch lieber als die „Magst du“-Männer aus Prenzlauer Berg, wo das Leben ein perpetuierendes Topfschlagen ist. „Magst du Litschi-Bionade auch so gern wie ich?“ ist vielleicht akzeptabel. Aber „Magst du am Samstag auf den Flohmarkt?“ oder „Magst du mir zur Abwechslung auch mal zuhören?“.

Um mit einem weiteren unerträglichen Modeslogan fortzufahren: Wie krass ist das denn bitte?

Die Infantilisierung der Gesellschaft schreitet unaufhaltsam voran. Da gehe ich doch lieber gleich auf einen richtigen Kindergeburtstag und komme mit ein paar Multicolor- Flecken davon.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jeden Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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