Die halbe Wahrheit : Die meiste Hitze verliert man über den Kopf

Esther Kogelboom
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Die Mode-Industrie macht mir langsam Angst, wirklich. Ich will Fellstiefel mit Profil und einen Mantel mit Fellkragen kaufen, doch in den Geschäften gibt es nach der ersten Post-Weihnachten-Verramschphase fast nichts mehr Warmes. Alles musste raus, und jetzt ist nichts mehr da.

Sogar im besten Schuhgeschäft der Welt, „Goldmarie“ an der Stargarder Straße in Prenzlauer Berg, ließ man mich wissen: „Hasilein, ob wir noch Stiefel reinkriegen? Hasilein, das ist nicht dein Ernst!“ Also probierte ich das letzte Paar Fell stiefel an, in denen meine Waden wirkten wie Fässer. „Hasilein, die machen echt ein schlankes Bein“, schmeichelte die Verkäuferin vergeblich.

Auf viel zu dünnen Sohlen schlitterte ich aus dem Laden, voller Vorfreude auf alle neuen pastellfarbenen Tiger-Ballerinas und goldenen Gladiatoren-Sandalen, die da bald schon aus Skandinavien geliefert werden.

Nein, ich bringe es einfach nicht über mich, vorzusorgen; bei milden Temperaturen dicke Strickpullover einzukaufen zum Beispiel. Außerdem sind dicke Strickpullover, wenn sie länger als eine Saison halten sollen, eine echte Investition – die guten sind zu teuer und die schlechten bilden nach zwei Wochen hässliche Knötchen unter den Armen.

Fest steht: Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zur Strickmode, und daran ist selbstverständlich meine Kindheit schuld.

Denn in grauer Vorzeit hatte ich noch richtig viele warme Sachen. Meine Oma strickt heute prima Socken, aber vor 20 Jahren fertigte sie Pullover wie verrückt, als lebten wir als Eskimofamilie im ewigen Eis. Ihre Pullover hatten nie Knötchen, aber dafür immer zu enge Kopf löcher. Es war jedes Mal die gleiche Prozedur: Einer von uns durfte zur Anprobe kommen, zog den frisch zusammengenähten Pulli über und versuchte, ihn über die Ohren zu ziehen, was nicht klappte. Unter der Zeltkonstruktion staute sich die Hitze, und man stolperte wie ein blindes Huhn von einem zum anderen. Am Ende wurde das Kopfloch vergrößert, man hatte eine rote Quer linie im Gesicht, und meine Oma wunderte sich stets aufs Neue.

Auch gegen Overalls bin ich allergisch: Als Kind musste ich bei Schnee stets meinen Skianzug anziehen. Doch seit sich einmal beim Skifahren ein Kordelstopper im Gestänge des Sessellifts verkeilte und mich beim Aussteigen gefährlich in die Nähe des Zahnrads zog, bin ich gegen Skianzüge. Ich bin mir ganz sicher: Mit einer neongelben Elho- Jacke, die ich damals unbedingt wollte, wäre das nicht passiert.

Und seit meine Mutter mich zwang, bei einem Frühlingsausflug nach London im Doppeldeckerbus eine Mütze mit Norwegermuster zu tragen, und mich damit zur uncoolsten Erscheinung unter der Sonne machte, verweigere ich mich auch dem Kopfkälteschutz. Mag sein, dass ich bereits, ohne es zu wissen, die in Seattle aufkommende Grunge-Bewegung vorwegnahm, aber davon war 1988 in London streng genommen noch nichts zu merken.

Meine Mutter weiß eben Bescheid: „Die meiste Hitze verliert man über den Kopf.“ Das hat sie wahrscheinlich von Oma, und auch ich werde diese Weisheit an meine Nachfahren weitergeben. Vorausgesetzt, man trägt überhaupt noch ein Fünkchen Hitze in sich. Ich kann geradezu fühlen, wie mein letztes verglimmt.

Es gibt einen weiteren Tiefpunkt in meinem Leben als Mützenhasserin, der trug sich erst vor kurzem zu. In einem Anfall von geistiger Umnachtung setzte ich eine Polyestermütze mit Ohrenklappen auf. Als ich sie abnahm, waren meine Haare elektrisiert und ich sah aus wie der verrückte Professor.

Nein, ich werde mit der Wintermode nicht mehr warm.

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