Die halbe Wahrheit : Ein Schokoladenbrunnen bringt nur Unglück!

Von Esther Kogelboom

Wissen Sie schon, was das nächste große Ding in der Geschenkszene ist? Es ist der Schokoladenbrunnen.

Der Schokoladenbrunnen ist sozusagen der neue Wok. Man kann ihn sogar am Hauptbahnhof kaufen.

Der Schokoladenbrunnen hält – noch im Verkaufsregal stehend – ein an Salzstangen geknotetes Minitransparent mit der Aufschrift „Vorsicht, mich benutzt du nur ein einziges Mal“ in die Höhe.

Doch niemand will die Warnung eines einfachen Schokoladenbrunnens ernst nehmen. Dabei bündelt sich in ihm die ganze Dramatik des Schenkens und Beschenktwerdens auf exemplarische Weise: Er ist im mehrfachen Sinne ein Symbol für die Überflussgesellschaft, in der wir leben. Zu seiner Art zählen außerdem elektrisch betriebene Zitruspressen und – Shaker.

Als ich einmal in Lima war, kaufte ich einen solchen Shaker aus dickem, schweren Glas. Er war mit einem Motor ausgestattet, den sie wahrscheinlich aus einem Mexiko-Käfer ausgebaut hatten. Ich hatte mich sofort in ihn verliebt, weil er aussah wie ein Requisit aus einem Elvis-Film. Diesen Shaker also schleppte ich durch halb Peru, nach Machu Picchu und zum Titicacasee, er flog ein paarmal kreuz und quer über die Anden, landete mit mir in La Paz und Quito. Schließlich baute ich ihn voller Stolz in meiner Berliner WG auf.

Mein Mitbewohner, der das Gerät entdeckte, als er sich, nur mit Boxershorts bekleidet, ein Schlaucheis aus dem Gefrierfach holen wollte, sagte: „Cool! Damit mache ich meiner Freundin einen Erdbeer-Daiquiri.“ Seine Freundin wartete bereits in lasziver Pose auf dem Hochbett auf ihn. Auf dem Hochbett! Minuten später dann der Knall. Mein Shaker war in tausend Scherben zersprungen und machte fortan den Flickenteppich unter dem Hochbett zu einer Art Minenfeld.

Mein Mitbewohner besorgte Ersatz, weil er eigentlich eine netter Mitbewohner war, aber es war natürlich nicht der peruanische Shaker, sondern nur einer vom Alexanderplatz. Er steht heute noch in meiner Küche, aber ich benutze ihn nicht. Genauso wenig, wie ich einen Schokoladenbrunnen benutzen würde.

Meine Freundin sitzt am Küchentisch, wickelt den Kopf eines Schokoladennikolauses aus dem Stanniolpapier und bricht ihn in Stücke. „Stell dir vor“, sagt sie kauend, „man lädt seine Freunde ein, und auf dem Tisch steht so etwas wie ein Schokoladenfondue, in das man Fruchtstücke tunken soll. Das wäre peinlich.“

Ich stimmte ihr zu. Es ginge bestimmt ähnlich pseudomodern zu wie in der neuen Fernsehwerbung für Ferrero Küsschen. Sarah Connor hat bestimmt so etwas zu Hause.

Am folgenden Tag rief ich meine Mutter an, um ihr einen Wunsch aus den Rippen zu leiern. Sie druckste herum, probierte, mich durch Gegenfragen abzulenken.

Schließlich sagte sie mit feierlicher Stimme: „Ich wünsche mir einen Schokoladenbrunnen. Den gibt’s jetzt bei Strauss Innovation und bei Tchibo. Und wir könnten ihn Weihnachten direkt ausprobieren.“

Es dauerte einen Moment, bis ich mich gefasst hatte. Ich hätte es eigentlich wissen müssen: Meine Mutter ist der größte Schokoladenjunkie, den ich kenne. Bitterschokolade steht in ihrer Ernährungspyramide dort, wo normalerweise Kartoffeln und Getreide abgebildetet sind.

Schließlich erwiderte ich, was sie stets erwidert hatte, als ich noch ein Pferd und ein Klavier und einen Märklin-Baukasten auf meine tapetenrollenlange Wunschliste schrieb: „Wünschen kann man sich vieles.“

Unsere Kolumnistin, 32, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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