Die halbe Wahrheit : Verhaltenslehren der Kälte

Esther Kogelboom
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Es soll Paartherapeuten geben, die ihren Klienten allen Ernstes raten, brisante Themen im Auto zu besprechen. Einer fährt, der andere sitzt daneben, man muss sich nicht anschauen, keiner von beiden kann fliehen – perfekt.

Ich würde solchen Paartherapeuten gern die Lizenz wegkommunizieren, denn sie haben wohl noch nie was vom Lüftungsdilemma gehört, das zur Stunde vom Heizdilemma zusätzlich unangenehm verstärkt wird.

Diesen Dilemmata liegt die Un fähigkeit von Frau und Mann zugrunde, sich auf eine Luftzufuhr stärke – und eben momentan die Temperatur dieses Luftstroms – einigen zu können. Dem liegt wiederum zugrunde, dass es die Frau ist, die friert, weil sie sich für den Besuch bei den Vettern väterlicherseits schick gemacht hat und Feinstrümpfe und Hackenschuhe trägt, während der Mann vorsichtshalber eine lange Unterhose und mit Felleinlagen bestückte Lederschuhe trägt, die ihn ohne größere Erfrierungen die Zugspitze hinauftragen könnten.

Die Frau möchte also, dass es gleichmäßig warm auf Füße, Beine und Oberkörper bläst. Auch stellt die Frau die Zieltemperatur sofort auf 30 Grad ein, um den Innenraum des Fahrzeugs erst mal kräftig aufzuheizen. Falls es wider Erwarten doch zu heiß wird, stellt sie die Temperatur eben später auf 22 Grad ein. Sie droht mit einer möglichen Erkältung.

Der Mann dagegen fühlt sich von der fahrenden Hitze bedroht. Ihm genügt eine Zieltemperatur von 19 Grad. Daher hält er es für richtig, den Regler von Beginn an auf exakt 19 Grad zu stellen, weil er nicht – wie die Frau – erst mal bei maximaler Hitze auftauen muss wie ein gefrorenes Brathähnchen in der Mikrowelle. Im Sommer, wird er argumentieren, trage die Frau bei 19 Grad ein T-Shirt. Dann legt er in einem Monolog sein Wissen über Bimetall, Thermostate und den Unterschied zwischen Klimaanlagen und simplen Heizungen dar und verweist auf die legendäre Kolumne von Dr. Wewetzer, in der stand, dass Erkältung nicht von „Kälte“ kommt, sondern eigentlich „Ervirung“ heißen müsste.

Kurz gesagt: Die Frau friert auch dann noch, wenn der Mann schwitzt. Und wenn der Mann ausreichend Luft hat, findet die Frau, dass es zieht. Alles endet in einem Unwohlsein.

Schlimmer noch, wenn sich das Heizdilemma vom Auto in die gemeinsame Wohnung verlagert. Mei ne Freundin berichtete jetzt bei einem Glas Holunderpunsch in der Bar mit Kamin von der Post-it-Methode und ihren furchtbaren Konsequenzen. An die Regler ihrer Heizkörper klebte sie Zettel mit dem Kommando: „Nicht unter 4 drehen!“ Doch der Mann ignorierte das Flehen meiner bibbernden Freundin, die in ihren eigenen vier Wänden North-Face-Jacken trägt, und hielt lieber einen Vortrag über gesundes Mikroklima, den Klimawandel, die Verknappung der fossilen Brennstoffe und die bevor stehende Explosion der Heizkosten.

Mit der tatsächlichen Kälte ging die emotionale einher, die sich weitaus tatsächlicher anfühlte als Frost. Es war eine Kälte, gegen die selbst ihre North-Face-Jacke nicht mehr half.

Die Flammen des Kaminfeuers nickten betroffen, als meine Freundin einen kleinen Schluck Holunderpunsch nahm und mit blaugefärbten Lippen sprach: Die Angst vor der Krise beschwört die Krise erst herauf.“

Dann erörterten wir ausführlich, warum Männern Kälte und Zugluft nichts ausmacht. Die Erklärung fiel uns nach zwei weiteren Bechern Holunderpunsch ein: weil Männer nicht etwa harte Hunde sind, sondern absichtlich krank werden wollen, damit sie sich von uns gesund pflegen lassen können – mit Brühe vom Freilandhuhn, selbst gemachtem Eierstich und dem Nachmittags programm von RTL II. Meine Freundin beschloss, alle Post-its abzunehmen und erst mal zu mir zu ziehen.

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