Die halbe Wahrheit : Warnwesten im Paradies

Der RWE-Chef tut es, die Sektenpastorin tut es, der ukrainische Präsident tut es auch: Der Warnzwang trifft mitten ins dämmernde Herz der Gegenwart.

Esther Kogelboom
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Es wird dauernd vor allem und jedem gewarnt: „NRW-Filmstiftung warnt vor Schaden für den deutschen Film“, „Nordelbiens Sektenpastorin warnt vor Voodoo-Praktiken“, „Ukrainischer Präsident warnt vor Staatsbankrott“, „RWE-Chef warnt vor Wahlkampfthema Atomkraft“, „Die Linken-Europaabgeordnete Sylvia-Yvonne Kaufmann warnt, vor lauter Kritik an der EU deren Chancen zu verkennen.“ Warn, warn, warn.

Der Warnzwang trifft mitten ins dämmernde Herz der Gegenwart. Wem nichts mehr einfällt, vor dem er warnen könnte, kann schon mal seine Siebensachen packen. Der gehört ins gesellschaftliche Abseits, auf den Schrottplatz der Propheten. Die Grenze verläuft definitiv nicht mehr zwischen den Völkern, sondern zwischen Warnern und gewarnt Werdenden. Man muss halt aufpassen und sich rechtzeitig auf die richtige Seite schlagen.

Deswegen sind Warnwesten gerade wieder überall im Stadtbild zu sehen. Besonders in Fahrradfahrerkreisen erfreuen sich die modisch eher anspruchslosen Westen großer Beliebtheit. Kaum ein Radler, der ohne schlackernden Reflektorwams den Fahrradschuppen verlässt, wird er doch gequält von der Kollektivangst des beginnenden Jahrtausends: der Angst, übersehen zu werden.

Ein orangefarbener Schrei nach Liebe

Ich bin nicht besonders melancholisch, aber Fahrradfahrer mit Warnwesten machen mich so traurig, dass ich ohne weiteres den Scheibenwischwassertank des Autos mit meinen Tränen füllen könnte. Der verzweifelte Kampf um Aufmerksamkeit. Die Selbstinszenierung als Opfer. Der orangefarbene Schrei nach Liebe, aufblitzend im Lichtkegel des Stärkeren.

Eine Warnweste im Auto mit sich zu führen, ist in Deutschland noch nicht Pflicht. In Österreich schon, wo auch sonst. Von dem Geld, das die beiden Betreiber der letzten Autobahnraststätte vor der Grenze mit den Westen verdienen, haben sie sich längst in den wilden Westen aufgemacht – nach Hollywood. Die gut gehende Raststätte führen die Warner Brothers nur so zum Spaß weiter.

Wer sich in Österreich von der extra geschulten Polizei ohne Warnweste erwischen lässt, muss 14 Euro Strafe bezahlen. Es kann also nur ausdrücklich und mit erhobenem Zeigefinger davor gewarnt werden, in Österreich ohne Warnweste über die Autobahn zu fahren … ja, genauso funktioniert die „Sagen Sie hinterher nicht, Sie hätten nichts gewusst“- Technik, deren sich die Warner so gerne bedienen und dabei diesen ganz bestimmten befriedigten Gesichtsausdruck aufsetzen.

Das Verschwinden des Leichtsinns

Der Köter im Vorgarten beißt den Briefträger? Selber schuld, hatte man doch mittels Schild vor dem Hunde gewarnt! In Lagos ausgeraubt? Selber schuld, wohl nicht die Reisewarnung des Auswärtigen Amts gelesen. Nachts betrunken E-Mails verschickt? Selber schuld, hätte man doch das Programm mit der Rechenaufgabe installieren können, die man vor dem Abschicken lösen muss.

Die Welt ist voller kleiner und großer Warnwesten – war sie streng genommen schon immer. Selbst ins Paradies schwebte Gott, von blendenden Reflektorstreifen umstrahlt: „Ich warne euch, meine Lieben, wenn ihr von diesem Baum esst, passiert Fürchterliches.“ Na ja, Eva kann auf jeden Fall von Glück sagen, dass es im Paradies keine helle Auslegeware gab.

Meine Freundin hat nämlich vor kurzem diverse Warnhinweise auf ihrer Teppichreinigerdose leichtsinnig ignoriert. Der Teppich ist jetzt wellig und mausgrau mit braunen Sprenkeln, er verströmt einen zweifelhaften Duft, weil sie den Schaum mit dem falschen Schrubber eingearbeitet hatte. Es war trotzdem eine gute Aktion. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal in aller Deutlichkeit vor dem Verschwinden des Leichtsinns …

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