Zeitung Heute : Die halbierte Einheit

HERMANN RUDOLPH

Das Ereignis, das eben noch eine ganze Gesellschaft bewegte, ist zum glanzlosen, mühsamen Alltag geworden.VON HERMANN RUDOLPH Erinnert sich an diesem siebten "Tag der Deutschen Einheit" noch jemand daran, daß dieser nationale Feiertag einmal umstritten war? Mancher hätte, zum Beispiel, lieber den 17.Juni behalten.Heute, wo diese Kontroverse vergessen ist wie so vieles andere, lohnt es sich eigentlich nur deshalb, sie ins Gedächtnis zurückzurufen, weil der 3.Oktober mittlerweile vielleicht doch zum 17.Juni wird: nämlich zu einem Feiertag, der zum Freie-Tage-Besitzstand der Republik gehört und bei dem sich kaum noch jemand Rechenschaft gibt, weshalb er begangen wird.Und das geschieht nicht von ungefähr.Denn auch die deutsche Vereinigung steht ja nicht mehr wirklich im Vordergrund der politischen Themen.Das Ereignis, das eben noch eine ganze Gesellschaft bewegte, ist zum glanzlosen, mühsamen Alltag geworden. Aber kann das verwundern? Nichts ist schwerer zu ertragen als eine endlose Reihe von historischen Tagen und ein Ausnahmezustand, wie er mit dem Mauerfall begann und in diesem Oktobertag gipfelte, taugt nicht zur Dauer.Daß nun, nach dem großen Gezeitenwechsel, neue Themen - oft genug auch alte - sich wieder der Köpfe und Tagesordnungen bemächtigen, der Standort Deutschland, der Euro oder das Ringen um den schlanken Staat, ist auch das Zeichen einer Normalisierung, die man besser erklärt als beklagt.Es belegt schließlich auch, daß die Einheit zur Tatsache geworden ist.Längst lebt niemand mehr in Köln oder Dresden mit dem Bewußtsein, die jeweils andere Stadt läge noch auf einem anderen Stern, Jan Ulrich ist der Held der ganzen Nation, und im übrigen arbeitet die große Verteilungsmaschine des Wohlfahrts- und Verwaltungsstaates ächzend, aber unermüdlich.Sie hat Ost und West längst fest an das gleiche Schicksal gebunden, wenngleich in noch sehr unterschiedlicher Weise.Doch erstaunlicher als die Distanzen, die noch immer zwischen Ost und West aufklaffen, ist die Kraft des Systems zur Entdramatisierung einer Lage, die nach wie vor dramatische Züge trägt. Doch der Preis für diese unterkühlte, pragmatisch halbierte Einheit ist hoch.Es sind die seelischen Verwerfungen zwischen Ost und West, die mit den Jahren nicht geringer, sondern drängender geworden sind.Ein ganzes Syndrom von Betroffenheiten und Empfindlichkeiten ist gewachsen, vor allem im Osten, und der wahrhaftig nicht leichte Prozeß des Sich-wieder-Aneinandergewöhnens wird begleitet von dem scharfem Geräusch der Vorbehalte und Stereotype, Witze und Häme eingeschlossen.Es bleibt auch nach sieben Einheits-Jahren wahr, daß die Vereinigung den Deutschen keinen Identitäts-Schub, sondern eine neuerliche Identitätsdebatte gebracht hat - anders als man das in einem vierzig Jahre lang geteilten Land hätte erwarten können und wie das unsere Nachbarn, Bewohner selbstbewußter Nationalstaaten, auch erwartet haben. Dafür, für das Bedenken dieses Aspekts der Einheit, ist der 3.Oktober da.Er rückt ihre Alltags-Wirklichkeit in die Perspektive des Schicksalsbogens, den die Deutschen seit Kriegsende durchlebt haben, und macht bewußt, daß sie nicht nur ein Problem von Finanzen und Födermaßnahmen ist.Er erinnert daran, daß die Einheit wirklich einmal Vereinigung war, zu der beide Teile ihren Anteil beisteuerten - die Ostdeutschen die Zivilcourage, die das Tor zur Einheit aufstieß, die Westdeutschen die politische und wirtschaftliche Stärke, die ihre Realisierung ermöglichte.Er rückt die Einheit wenigstens für diesen Tag wieder in das Zentrum der deutschen Politik.Und dort gehört sie hin, wenn die Bundesrepublik zu der Rolle fähig werden soll, die ihr der Wandel auferlegt, der vor acht Jahren Ereignis wurde.

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