Zeitung Heute : Die Halbstarken hauen mächtig auf den Putz

LENS .Das Fußball-Mutterland hat wieder Vorbildfunktion - vor allem für Berti Vogts und Co.Denn mit der Abkehr vom berühmten, aber zuletzt wenig erfolgreichen "Kick-and-Rush"-Stil hat Teamchef Glenn Hoddle Englands Auswahl einer Verjüngungskur unterzogen, die dank vieler großer Talente erfolgreich angeschlagen hat."Die Löwen brüllen wieder", titelte "The Guardien" nach dem verdienten 2:0 (1:0) über Kolumbien, durch das die Briten in glänzender Manier das WM-Achtelfinale gegen Argentinien am Dienstag in St.Etienne erreicht hatten."England fängt an zu glauben", schrieb "The Times" und dachte an den zweiten Titel nach 1966.

Dabei bestand die halbe Elf aus "Halbstarken" - und gerade die wurden zu Vätern des Erfolgs."Wir haben unser Ziel dank einer großartigen Vorstellung meiner Spieler erreicht", freute sich Hoddle über den glänzend bewältigten Akt des Umbruchs, den Vogts erst noch vollziehen muß.Zum Vergleich: England bestritt das Kolumbien-Spiel mit vier 23- und einem 18jährigen, dagegen ist das jüngste Mitglied im gesamten DFB-Aufgebot bereits 24.David Beckham, Paul Scholes, Gary Neville, Sol Campbell und der erst Mitte Februar volljährig gewordene Wunderknabe Michael Owen markieren den großen Unterschied: Sie haben in Englands WM-Elf Führungsfunktionen übernommen, dagegen sind beim Europameister solche Talente vor allem in der geballten Form gar nicht vorhanden.

Auf sanften Druck von Fans und Medien hatte Hoddle erstmals auch Owen und Beckham in die Anfangsformation gestellt und damit eine goldrichtige Entscheidung getroffen.Der zweitjüngste WM-Akteur leitete Andertons 1:0 (20.) ein, Beckham (30.) sorgte mit einem spektakulären 28-Meter-Freistoß für die frühe Entscheidung."Es war ein großartiges Gefühl, allen zu zeigen, was ich kann", betonte Beckham.Neben der Freude über sein erstes Länderspieltor war ihm die Genugtuung über den Glanzauftritt im Gesicht abzulesen.Denn bei Hoddle war dessen Lieblingsspieler vorübergehend in Ungnade gefallen, weil den Teamchef die vielen ablenkenden Medien-Auftritte des mit "Spice Girl" Victoria liierten Starspielers von Manchester United (Spitzname: "Spice Boy") störten.

"Ich glaube, ich war immer auf dem Fußballplatz.Nichts kann zwischen mich und mein Spiel kommen", konterte Beckham.Wie er will auch der Team-Youngster im Achtelfinal-Duell mit Argentinien eine alte Rechnung begleichen."Das ist unsere große Chance zur Revanche", sagte Owen in Anspielung auf die WM 1986, wo Diego Maradonas "Hand Gottes" den englischen Viertelfinal-K.o in Mexiko bewirkte.Owen, der damals gerade sieben Jahre alt war, geht nun davon aus, daß die Briten den Spieß umdrehen und noch eine erfolgreiche WM spielen."Ich habe immer gewußt, daß wir in dem Turnier sehr weit kommen können."

Ein kurzes Gastspiel gaben dagegen die enttäuschenden Kolumbianer, die als einziges Team aus Südamerika vorzeitig auf der Strecke blieben.Nach Abpfiff trat Coach Hernan Dario Gomez zurück."Dieser Entschluß stand schon länger fest.Meine Mission ist erfüllt.Nun wird ein anderer für den Neuaufbau gebraucht.Wir müssen noch viel lernen, aber ich bin sicher, daß wir eine gute Zukunft haben." In seiner Elf, die gegen England nicht den Hauch einer Chance hatte, ging auch Carlos Valderrama (36) unter, der in allen drei WM-Spielen wie ein abgetakelter Star wirkte.

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