Zeitung Heute : Die Hauptstadt wird sichtbar

HERMANN RUDOLPH

Über dem Reichstag geht die Richtkrone hoch.Die Bundesrepublik insgesamt muß die Stadt noch als ihre Hauptstadt entdecken.Bis dahin ist es, vermutlich, ein weiter Weg.Dafür geht von dem heutigen Richtfest ein Zeichen aus.VON HERMANN RUDOLPHDie ARD war eben dran, desgleichen die Bayerische Landesvertretung, an diesem Donnerstag ist es der Reichstag, über dem die Richtkrone hochgeht, in der nächsten Woche folgen Thüringen mit dem ersten Spatenstich für seine Landesvertretung und das Bundeskanzleramt mit der Grundsteinlegung.Schon hat man Mühe, die Termine auf die Reihe zu bringen, denn auch bei Bankpalästen und Bürohäusern jagen sich die Premieren.Aber eigentlich ist es gar nicht die Fülle solcher Ereignisse, die am Ende dieses Sommers die Phantasie bewegt.Es ist der Umstand, daß sich aus allen den Gerüst-Gebirgen und Kran-Wäldern, die seit Jahren die Berliner Mitte beherrschen, nun wirklich die Konturen eines neuen Berlins herausschälen.Es ist die Änderung des Aggregatzustandes der Stadt, die sich mächtig aufdrängt: Wo Baustelle war, wird Innenstadt, wo Gerede und Kleinkrieg dominierten, ist das politische Treiben von morgen erahnbar. Tatsächlich ist das Hauptstadt-Unternehmen in den vergangenen Jahren so bis zum Überdruß beschworen, bestritten, bebrütet worden, daß die Gefahr besteht, es werde nun, wo es in Zielweite kommt, gar nicht mehr recht wahrgenommen.Ohnedies könnte man dieses Kapitel der jüngsten Geschichte - frei nach Kleists Aufsatztitel: Über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Reden - als das langsame Werden einer Hauptstadt beim Streiten und Zögern beschreiben.Aber nun taucht sie aus dem Tohuwabohu der vergangenen Jahre auf.Die Landnahme der Politik und ihrer Trabanten ist vollzogen.Ihr Gehäuse nimmt Gestalt an.Wir wissen nicht nur, wo die Ministerien ihren Platz haben werden.Mit einem Mal fallen uns Blicke an - am Pariser Platz, am Kulturforum -, die Urbanität offenbaren, und an die Stelle der einsamen Bauten in den leeren Räumen zwischen Ost und West, die eben noch unsere Aufmerksamkeit auf sich zogen, ist jetzt die Ödfläche zwischen Brandenburger Tor und den Gebäuden am Leipziger und Potsdamer Platz getreten.Denn fast als einziger Ort bewahrt sie die Erinnerung an die einstige tödliche Brache inmitten der Stadt. Aber die heutige Richt-Krönung des Reichstags ragt eben doch aus alledem heraus.Der Beschluß, den Bundestag nach Berlin zu verlegen, bildete ja den Angelpunkt aller Veränderungen.Das Haus selbst wiederum ist ein steingewordenes Erbe unserer Vergangenheit und zugleich Zentrum des Regierungsviertels, dessen Etablierung in Berlin der Stadt die Zäsur setzt.Was er war und was er wird, sein Wandel vom dunklen Monument an der ausgesetztesten Stelle der Mauer zum Eckstein der neuen Aufgabe der Stadt, erbringt den fast handgreiflich faßbaren Maßstab für die Tiefe des Wandels, den wir erleben.Wenn jetzt der Roh-Umbau abgeschlossen wird und die Kuppel wieder über der Stadt steht, ändert sich nicht nur etwas in einer Ecke des Spreebogens.Damit tut die ganze Stadt einen Schritt heraus aus der langen, zu langen, belastenden Übergangsphase, unter der sie in den vergangenen Jahren geseufzt hat. Merken das die Berliner? Es täte not und täte ihnen gut, aber noch wichtiger wäre es, daß es auch die Deutschen überall in der Bundesrepublik merkten.Denn daß man sich in Berlin die Stadt nun wirklich zunehmend als künftigen Ort der Politik und hauptstädtischen Lebens vorstellen kann, reicht, natürlich, nicht aus, die Stadt zur Hauptstadt zu machen - so viel Genugtuung es nach dem langen Wartestand auslösen mag.Es muß schon hinzukommen, daß die Bundesrepublik insgesamt die Stadt als ihre Hauptstadt entdeckt.Bis dahin ist es, vermutlich, noch ein weiter Weg.Aber auch dafür geht von dem heutigen Richtfest ein Zeichen aus.

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