Zeitung Heute : Die Haut der Bilder

KNUT EBELING

"Der große Unbekannte": Das Berliner Haus am Waldsee würdigt den Fotografen Heinz Hajek-HalkeVON KNUT EBELINGNachlässe sind Schätze für Freunde des Mysteriösen.Die Lücken der Überlieferung erlauben eine grenzenlose Spekulation über Leben und Werk; die verschiedenen Perspektiven der Hinterbliebenen sorgen für eine Auffächerung jeder Äußerung.Nicht so bei Heinz Hajek-Halke, einem nicht ganz unbekannten, aber auch nicht ganz berühmt gewordenen Protagonisten der deutschen Fotokunst des 20.Jahrhunderts.Der Nachlaß des Fotokünstlers, der jetzt vom Haus am Waldsee mit Entdeckereifer ans Licht der Öffentlichkeit gebracht wird, ist nahezu lückenlos erhalten.Jede Skizze, jedes Dokument, jede Tagebuchaufzeichnung ist dem Verschwinden entrissen, von einem akribischen Nachlaßverwalter vor jedem Widerspruch bewahrt. Michael Ruetz hat den Nachlaß Heinz Hajek-Halkes so fest in der Hand wie Max Brod das Vermächtnis Kafkas - mit allen bekannten Folgen für die Rezeption.Ein Jahr vor dem 100.Geburtstag des als "Großen Unbekannten" inszenierten Halke gibt der Nachlaßverwalter seine fotografischen Schätze - vier Jahrzehnte Reportage- und Werbefotografie, botanische und experimentelle künstlerische Alchimie - zum ersten Mal aus der Hand.Die handverlesene Ausstellung Halkes ist Probelauf vor der großen Jubiläumsausstellung zum Jahrhundertgeburtstag Hajek-Halkes im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Kein Zweifel, die Probe ist geglückt.Im Haus am Waldsee sieht man die Essenz eines funkelnden Werkes, für das sich in Berlin kein größeres Haus interessierte.So geht der Stadt ein anderer verlorener Sohn erneut verloren.Dabei hätte man an den 1898 in Berlin geborenen und nach einem ausschweifenden Leben dort 1983 verstorbenen Fotografen durchaus erinnern können.Neben Erich Salomon, August Sander, und Otto Steinert war Halke einer der maßgeblichen Innovatoren der deutschen Fotokunst, dessen Schaffen 1933 jäh unterbrochen wurde. Als das Reichspropagandaministerium den Foto-Experimentator mit der Fälschung von Dokumentaraufnahmen beauftragte, nannte sich der Jude Hajek um in Halke, und beging "Reichsflucht".Seine Odyssee führte ihn zunächst ins Exil an den Bodensee, wo er sich als "kleintierbiologischer Berichterstatter" von höheren fotokünstlerischen Aufgaben fernhielt.Wenig später verläßt er mit dem Kontinent auch das bildnerische Schaffen und verdingt sich in Brasilien mit der Züchtung von Kreuzottern und Blutegeln.1947 kehrt Halke nach Berlin zurück, wird Mitglied der Gruppe "fotoform" und fristete ab 1955 ein von Carl Hofer geschütztes Schattendasein an der Hochschule für Bildende Künste. Die Beschäftigung als "kleintierbiologischer Berichterstatter" war auch der Wendepunkt in Hajek-Halkes künstlerischem Schaffen.Während sich der homme à femmes in einer kurzen Blüte zwischen den Kriegen fast ausschließlich dem weiblichen Akt zuwandte, dem er mittels Doppelbelichtung reizvolle, der surrealistischen Fotografie nahestehende Effekte abgewann, trennte er sich in der Folge ganz von der menschlichen Figur. In seiner inneren Emigration am Bodensee verpuppte sich das bildnerische Schaffen Halkes für einige Jahre, um danach in veränderter Form wieder zu entstehen.Während er zuvor die Geschmeidigkeit glatter Körper ablichtete, werden die Oberflächen Halkes in den vierziger und fünfziger Jahren plötzlich porös, grobkörnig und durchbrochen wie Pergament. An die Stelle der ganzen Körper treten nun filigrane Strukturen, die einmal an Flechten oder Mikroorganismen erinnern, ein anderes Mal eher an archaische Runen.Wo das Leben als Menschliches ihm unmöglich geworden war, entdeckte er den Reichtum und die Fülle der organischen Welt.So veränderte Halke die Haut der Bilder.Die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges erzwang - wie auch bei Heinz Trökes - ein Zerbrechen der Figur, ein konsequentes Zurückgehen auf elementare und unzerstörbare Strukturen: die Entdeckung der Abstraktion in der Fotografie. Fototechnisch war es das von Halke entwickelte Verfahren der Lichtgraphik, das die Haut des Bildes von innen nach außen stülpte.Während er seine fotografischen Arbeiten wie vor dem Krieg mehrfach belichtete und verschiedene Abbildungen übereinander sampelte, behandelte er das Fotomaterial nun chemisch.Dies rief sehr bizarre Effekte hervor, so wundersam wie Eisblumen am Fenster. Die Ausstellung im Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, ist bis 18.Januar, jeweils Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, zu sehen.Katalog 16 Mark.Am 9.Januar, Beginn 18 Uhr, findet ein Gespräch mit Michael Ruetz statt: "Wer ist Hajek, wer ist Halke?"

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