Zeitung Heute : Die heilige Familie

Was tut denn der Minister im Wald? Und wen beobachtet er da im Dunkeln? Plötzlich fängt es an zu schneien ... Eine kleine Weihnachtsgeschichte.

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Illustration für den Tagesspiegel: Birgit Lang
Illustration für den Tagesspiegel: Birgit Lang

Die Beratungen in Maastricht zogen sich und zogen sich, bis sie einsahen, alle zusammen, beinahe gleichzeitig, dass sie es vor den Feiertagen nicht schaffen würden. Die Briten mauerten, die Polen wollten mehr Geld, die Franzosen lavierten, und der Luxemburger löste unter dem Tisch heimlich ein Sudoku. Jeder wollte nach Hause, jeder hatte genug von den anderen. Bei der Pressekonferenz musste Holz nicht unbedingt dabei sein, die Kanzlerin würde das machen. Er konnte am Abend zusammen mit den anderen zurück nach Berlin fliegen, aber er wusste nicht, was er da machen sollte. Termine standen nicht an.

Holz verabschiedete sich von seinen Mitarbeitern, frohes Fest, und verließ das Gebäude durch den Hintereingang. Einer seiner Personenschützer telefonierte nach dem Fahrer. Holz atmete erleichtert die Winterluft ein, über der Maas stand Nebel. Er suchte in seiner Jacke nach Zigaretten. Weihnachten deprimierte ihn immer, Weihnachten war ein Sonntag hoch drei. Im vergangenen Jahr hatte er an Heiligabend alleine zu Hause gesessen. Seit er Minister war, lockerten sich die alten Freundschaften, wahrscheinlich aus Zeitmangel, viele Freundschaften waren es ohnehin nicht. Jemanden anzurufen und sich selbst einzuladen, brachte er nicht über sich, dazu war er wohl zu stolz. Holz wollte unbedingt Minister werden, das hatte er geschafft. Glücklicher wäre er wohl als Anwalt geworden, so viel war ihm inzwischen klar. Sein Ehrgeiz war müde und schlaff geworden über die Jahre, das hatte auch die Presse gemerkt. Zwei Jahre noch bis zu den Wahlen, im nächsten Kabinett würde er wohl nicht mehr sitzen. Das Bundestagsmandat war vermutlich noch einmal zu halten. Sechs Jahre noch, dann Feierabend.

Die Personenschützer waren erleichtert, als er sie wegschickte, Richtung Flugplatz. Auf seine Verantwortung, na klar. Das waren sie gewöhnt. Er konnte es nicht ertragen, ständig diese glatt rasierten, höflichen jungen Männer um sich herum zu haben. Er hatte ihnen oft genug gesagt, dass sie sich um die Vorschriften und Gepflogenheiten nicht zu kümmern brauchten, er nehme alles auf seine Kappe. Die Gefahr war überschaubar. So weit er wusste, war Holz nicht sonderlich verhasst, er war in jeder Hinsicht unauffällig und ließ die Finger von Entscheidungen, die hohe Wellen auslösen. Er war ein fähiger Verwalter und ein treuer Gefolgsmann der Partei. Das schon.

Sie passierten die Grenze, die nicht weit war, und steuerten Aachen an. Dort entließ er auch den Fahrer und nahm ein Taxi. Es sei etwas Privates, was er vorhabe, sagte er, frohes Fest, am zweiten Feiertag um neun Uhr holen Sie mich dann bitte zu Hause in Zehlendorf ab. Auch der Fahrer kannte seine Gewohnheiten. Vermutlich dachte er, dass Holz hier in der Nähe eine Geliebte hatte, weil es immer so lief, wenn Holz in dieser Gegend war. Vermutlich wunderte der Fahrer sich, weil er ihn doch ohne Weiteres zu seiner Geliebten hätte fahren können, bei anderen lief es doch auch so, und auf die Diskretion der Fahrer konnte man sich einigermaßen verlassen. Der Fahrer sagte nichts.

Holz’ Geliebte wohnte allerdings in Berlin, eine verheiratete Mitarbeiterin seines Ministeriums, die während der Feiertage logischerweise unabkömmlich war. Dass er dieses Risiko eingegangen war, diese Affäre mit Potenzial für die Boulevardpresse, wunderte ihn selbst. Vor zehn Jahren, als der Ehrgeiz noch in ihm brannte, hätte er von so etwas die Finger gelassen. Aber hier ging es um etwas anderes. Er nannte dem Taxifahrer den Namen eines Dorfes in der Eifel, 60 oder 70 Kilometer entfernt. Der Taxifahrer, ein Afrikaner augenscheinlich, erkannte ihn nicht. Das war nämlich das Gute an Taxis, oft saßen am Steuer Menschen, die mit der deutschen Politik nichts am Hut hatten.

In Netwich stieg Holz auf dem Marktplatz aus und ließ sich die Nummer geben, unter der man hier ein Taxi rufen konnte. Er ging die paar Meter bis zum Schwarzen Falken und bestellte einen Glühwein. Die Kellnerin kannte ihn inzwischen, er hatte ihr auch mal ein Autogramm gegeben. Sie glaubte, dass seine Mutter hier in der Nähe wohnte. Es war längst dunkel inzwischen, aber noch nicht Abendessenszeit. Der Gastraum war leer. Holz nahm sich ein Zimmer, zur Sicherheit, falls es nachher zu spät sein würde, auf die 50 Euro kam es nicht an. Außerdem konnte er dort seine Tasche abstellen.

Der Weg war nicht lang, aber unangenehm, in der Eifel war es kälter als in Maastricht. Holz ärgerte sich über seine Schuhe, schwarze, dünne Ministerschuhe mit glatten Sohlen, die bei jedem Schritt ein bisschen in den matschigen Waldboden einsanken. Das Haus lag am Rand von Netwich, eine ehemalige Scheune, geschmackvoll ausgebaut. Unten ein einziger, riesiger Raum, mit meterhohen Fenstern, freistehendem Herd, Kamin und großen Sofas, oben zwei kleinere Zimmer, so weit das von außen zu erkennen war.

Es war sein siebter oder achter Besuch. Lange Zeit hatte er gar nicht gewusst, wo Greta lebt, sicher, das hätte sich mit wenig Mühe herausfinden lassen. Was ihn von der Suche abhielt, wusste er genau, es war Scham. Nicht Feigheit, wirklich nicht, eher Scham. Dann hatte er doch irgendwann, nein, nicht irgendwann, vor drei Jahren ziemlich genau, Barbara gegoogelt. Sie arbeitete inzwischen als Physiotherapeutin, sie hatte eine Homepage, mit Adresse. Praxis im Haus. So einfach war das. Wenn man nur will, verliert man niemanden aus den Augen. Jemanden aus den Augen zu verlieren, ist immer eine bewusste Entscheidung, da gibt es keine Zufälle mehr. Barbaras Foto, offenbar von einem Profi gemacht, ziemlich schmeichelhaft, löste nichts in Holz aus, keine Wut, kein Bedauern, gar nichts. Fotos von Greta fand er nirgends.

Sein Beobachtungsplatz lag etwas erhöht, hinter einem Nadelbaum, die Arten konnte Holz nicht unterscheiden. Im Winter war es unbequemer, hier zu stehen, wegen des Wetters, aber auch sicherer und erfolgversprechender, die Dunkelheit draußen, die Beleuchtung im Haus. Greta war da. Sie saß im ersten Stock an ihrem Computer. Sie war jetzt vierzehn. Holz hatte darüber nachgedacht, unter falschem Namen im Internet mit ihr Kontakt aufzunehmen, aber er wusste nicht, wie er das anstellen sollte, er war nicht gut in diesen Sachen und wollte niemanden um Rat fragen. Greta stand auf, verließ das Zimmer, kehrte mit einer Tasse zurück. Ihre Haare waren länger als beim letzten Mal. Das Kindliche verschwand allmählich, ihr Gesicht streckte sich, alles an ihr wurde länger und dünner. Holz holte sein Fernglas aus der Manteltasche.

Als Barbara damals schwanger wurde, hatte sich Holz sofort zurückgezogen, weil das so zwischen ihnen nicht abgesprochen war. Das hatte Barbara alleine entschieden, damit sollte sie auch alleine zurechtkommen. Holz konnte sich damals ein Kind durchaus vorstellen, ganz allgemein, irgendwann vielleicht, aber nicht auf so eine Art, zufällig, jetzt, und nicht mit einer Frau, die er erst seit ein paar Wochen kannte und höchstens zehn Mal getroffen hatte. Überrumpelungsstrategie, das kannte er von Parteitagen, damit kam man bei ihm nicht durch. Erst wird gewählt, dann wird die Koalition ausgehandelt, ganz zum Schluss werden die Posten besetzt, in genau dieser Reihenfolge, nicht andersherum.

Holz hatte bezahlt, monatlich, was zu bezahlen war. Als er, zwei oder drei Jahre nach der Geburt, vorsichtig seine Fühler ausstreckte, in Form eines freundlich tastenden Briefes, Entschuldigung, Panik damals, dumm gewesen, zur Besinnung gekommen, lass uns an das Kind denken, unser Kind, kam keine Antwort. Anrufe – fünf? sechs? – wurden nicht angenommen. Holz dachte das Übliche, wissend, dass er das Übliche dachte. Barbaras Wut verstand er ja, aber was tut sie denn Greta an, Greta als Werkzeug, Greta als Waffe.

Er hätte den Rechtsweg beschreiten können, zumindest ein Umgangsrecht wäre dabei herausgekommen. Aber er wartete, er wog ab, die öffentliche Wirkung, das entsetzliche Verfahren gegen das bescheidene Recht, alle 14 Tage das Kind zu sehen, vielleicht, falls Barbara mitspielte, jetzt saß sie am längeren Hebel, nicht er, darauf lief es doch hinaus, und so verging ein Jahr, und wieder eines, er war auf einmal Minister, und dann hatte er zu lange gewartet, dann war das Kind schon größer geworden, und er war ihr unwiderruflich ein fremder Mensch und schämte sich auch. Er hätte mehr tun können.

Jetzt stand er hier. Hauptsächlich aus Neugier. Oder aus welchem Grund auch immer. Das war ihm ja auch ein fremder Mensch. Holz erinnerte sich nicht, seit seiner Schulzeit jemals mit einem Mädchen dieses Alters mehr als drei Worte gewechselt zu haben, wie redeten die überhaupt, schon wie Erwachsene, noch wie Kinder? Greta, dachte Holz, ist der einzige Verwandte, den ich habe, die Eltern tot, Einzelkind, keine Onkel, Tanten, Nichten und Neffen, da ist nur Greta, in diesem Haus, an ihrem Computer. Und wenn ich durch mein Fernglas sehe, erkenne ich, dass in ihrem Zimmer ein Poster hängt, auf dem ein junger Mann zu sehen ist, den ich nicht kenne. Scheint eine Filmszene zu sein, also ein Schauspieler. Im Erdgeschoss stand ein Baum, noch ungeschmückt.

Es schneite inzwischen. Holz fror, vor allem an den Füßen. Der Schnee war nass, er kletterte die Schuhsohlen hoch und erreichte das dünne Leder. Ein bis zwei Zentimeter waren bestimmt schon gefallen, und die Flocken wurden größer. Das konnte ja heiter werden auf dem Rückweg. Spuren würde er außerdem hinterlassen. Während Holz sich innerlich auf den Rückweg vorbereitete, zum Dorfplatz würde er sicher zwanzig Minuten brauchen, hörte es auf zu schneien, ein kalter, kristallharter Regen setzte ein.

Holz schüttelte sich. Dann fasste er einen Entschluss. Er setzte Fuß vor Fuß, vorsichtig, wegen der Glätte, und stieg den Hang hinab, Richtung Haus. Er wusste noch nicht, was er sagen würde. Das hing auch davon ab, wer die Tür öffnete.

Barbaras Auto sprang wieder einmal nicht an, sie wollte längst schon zu Hause sein, um sich dort dem schwierigsten Weihnachtsfest ihres Lebens zu stellen. Stattdessen wartete sie auf den Pannendienst. Das Auto brauchte eine neue Batterie, das wusste sie. Aber finanziell war es nicht einfach zurzeit. Der Ausbau der Scheune war teurer gewesen als erwartet, die Praxis lief, na ja, so mittel. Die Gegend hier war dünn besiedelt, und Konkurrenz gab es reichlich. Der Rücksitz des Autos war mit Einkaufstüten bedeckt, die Gans lag im Kofferraum, dazu ein paar Geschenkpakete für Nachbarn, auf den letzten Drücker besorgt. Hier auf dem Land hielt man Kontakt. Für ein paar kleine Aufmerksamkeiten musste einfach Geld da sein. Der Pannenhelfer kam erst nach mehr als einer Stunde, und wollte ihr natürlich eine neue Batterie verkaufen, alles andere hatte wirklich keinen Zweck. Sie durfte mit der Kreditkarte bezahlen.

Der letzte Anruf von Holz lag drei oder vier Jahre zurück, Das war auch an Weihnachten gewesen, am 23., heute, Holz wollte mit Greta sprechen. Barbara hatte aufgelegt, wie jedes Mal. Sie fühlte sich nicht besonders gut dabei. Inzwischen wäre es möglich gewesen, mit ihm zu sprechen, ganz normal, ein Arrangement zu treffen, und es gab ganz sicher üblere Typen als Holz, er war ichbezogen, karrierefixiert, kalt, das alles, aber gewissenlos oder bösartig war er nicht. Dass er ihr sofort unterstellt hatte, ihn mit einer Schwangerschaft, die ein Zufallsprodukt war, hereinlegen und zu irgendetwas zwingen zu wollen, hing auch mit seiner Politikerexistenz zusammen. Da wird ständig intrigiert und laviert, da gibt es keine Zufälle, da belauert jeder den anderen. Darüber hatte Holz gejammert, und dann hatte er gelacht und gesagt: „Ich bin selber auch so.“ Damals war er noch Abgeordneter.

Das größte Problem bestand darin, dass Greta glaubte, ihr Vater sei tot. Irgendwas musste sie dem Mädchen doch sagen, als es anfing, Fragen zu stellen. Die Wahrheit war zu kompliziert. Gretas Vater ist ein wunderbarer Mann gewesen, er liebte sie sehr, er war so glücklich, als sie geboren wurde. Und dann starb er. Vier Wochen nach der Geburt.

Im Laufe der Zeit stellte sich allerdings heraus, dass Lügen noch komplizierter sein können als die komplizierteste Wahrheit. Das fing mit dem Grab an, das Barbara ausgesucht hatte, ein Grab in Bonn, zu dem sie mit Greta in jedem Jahr zwei, drei Mal Blumen brachte, immer von der Angst zerfressen, dass da auf einmal eine Witwe auftaucht oder sonst ein Verwandter. Natürlich stand über den Toten nichts im Internet, das hatte Barbara gründlich gecheckt. Und als Greta größer wurde und selber da hinwollte, zu diesem Grab, waren sie weggezogen. Greta besaß auch eine eigene Telefonnummer, die nicht im Telefonbuch stand. Falls Holz sie anrufen wollte. Ein paar Fotos des Vaters gab es auch. Die Fotos zeigten einen von Barbaras Exfreunden, der inzwischen in Kanada lebte. Trotzdem war das Eis dünn. Früher oder später musste alles herauskommen. Eine schreckliche, dumme Idee, ein Fehler, eine Idiotie. Barbara schämte sich, und seit sie ihren Fehler erkannt hatte, sah sie Holz in einem milderen Licht. Es war Zeit, aufzuräumen.

Heute Abend. Barbara wollte kochen, ein bisschen gute Stimmung verbreiten, und dann die Geschichte erzählen. Eine Geschichte, in der sie nicht gut aussah. Aber das musste sein. Greta war wie sie. Greta würde wütend reagieren, herumschreien, die Wände hochgehen. Und dann würde Barbara die Telefonnummer von Holz auf den Tisch legen. Ruf ihn an. Am besten jetzt gleich. Er wird sich sehr freuen. Alles Weitere findet sich dann.

Die Straßen waren glatt. Eisregen. Barbara fuhr Schritttempo. Dort, wo der Weg zu ihrem Haus abbog, an der leichten Steigung, drehten die Reifen durch, neue Winterreifen waren dringend nötig. Greta stand am Gasherd und kochte Tee. Neuerdings stand sie auf Früchtetee. Sie half beim Ausladen des Autos, widerwillig, wie immer.

„War was Besonderes?“, fragte Barbara.

„Ein Mann war da“, sagte Greta.

„Du hast dem doch hoffentlich nicht aufgemacht“, sagte Barbara. Das war der Nachteil des Hauses, die einsame Lage. Doch Greta wusste ja, was alles passieren kann. Die nächsten Nachbarn, fünf Fußminuten entfernt, nette Leute, die würden im Notfall sofort zu Hilfe kommen.

„Der Mann wollte mit dir sprechen“, sagte Greta. Sie hatte nicht die Tür aufgemacht, sondern das Fenster im Obergeschoss. Der Mann war schon älter und seltsam angezogen, schicker Mantel, Krawatte, darunter wohl ein Anzug, nicht das, was man trägt, wenn man in der Eifel durch den Wald läuft. Trotzdem ganz nett offenbar.

Es tat ihm furchtbar leid, dass Barbara nicht zu Hause war. Er sei ein alter Freund, zufällig in der Gegend. Er lobte Greta, weil sie so vernünftig war, nicht die Tür aufzumachen. Das würde er seiner eigenen Tochter auch empfehlen, in so einem Haus muss man vorsichtig sein. „Weißt du“, rief der Mann, „es regnet so schlimm, und ich habe völlig falsche Sachen an, ich wollte eigentlich gar nicht vorbeikommen, das war eine spontane Idee. Ich bin ja selber schuld, wenn ich jetzt nass bin. Kannst du mir vielleicht was für den Rückweg runterwerfen? Eine Plastiktüte, die ich über den Kopf halten kann? Oder einen Schirm? Ein Schirm wäre natürlich das Allerbeste.“

„Da habe ich ihm meinen Kinderschirm runtergeworfen“, sagte Greta. „Mit den Bildern von Biene Maja drauf. Den benutze ich sowieso nicht mehr. Oh, was für ein toller Schirm, hat er gerufen, das ist ab sofort mein Lieblingsschirm. Dann hat er doch tatsächlich seine Brieftasche genommen, alle Papiere und Plastikkärtchen rausgenommen, und die Brieftasche zu mir hochgeworfen. „Siehst du“, hat er gerufen, „ich bezahle auch was für den schönen Schirm.“

„Und weiter?“

„Dann ist er gegangen. Hat sich ein paar Mal umgedreht und gewunken. In der Brieftasche waren 300 Euro drin.“

„Sehr seltsam“, sagte Barbara. „Gut, dass du dem nicht aufgemacht hast. Normal ist das nicht.“

„Ich glaube nicht, dass er verrückt ist oder ein Perverser. Der wirkte nicht so. Vielleicht ist er einfach nur reich. Oder in Weihnachtsstimmung. 300 Euro. Die können wir brauchen. Am Auto sind doch tausend Sachen kaputt.“

Dieses Ereignis beschäftigte Barbara ziemlich stark, so stark, dass sie ihre Pläne für den Abend beinahe geändert hätte. Sie wusste, dass sie nur nach einer Ausrede suchte, um das Unangenehme, dieses Gespräch, das sie seit Monaten vor sich herschob, ein weiteres Mal verschieben zu können. Nein, diesmal nicht. Sie machten Rührei mit Kräutern, etwas Leichtes, morgen gab es schließlich die Gans. Barbara stand auf. Es war soweit.

„Koch uns noch einen Tee“, sagte sie, „Ich hole noch schnell Kaminholz. Und dann erzähle ich dir etwas. Etwas sehr Wichtiges.“

Der Weg zum Schuppen führte hinter das Haus, wo ein vereister Trampelpfad über eine leichte Anhöhe in Richtung Dorf führte. Neben dem Schuppen, dort, wo der steile Teil des Weges begann, sah sie ihn. Er war alt geworden. Seine Augen waren weit offen, in der Hand hielt er noch den Schirm.

Der Regen auf seinem Mantel war bereits zu einer dünnen Eisschicht gefroren. Barbara sah, dass sie ihm nicht mehr helfen konnte. Dann ging sie langsam zurück zum Haus, und erzählte Greta ihre Geschichte.

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