Zeitung Heute : Die Heilkraft des Zufalls

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Entzauberte Wunderwaffen: die adulten Stammzellen

Von Alexander S.Kekulé

WAS WISSEN SCHAFFT

Die Idee war eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Das Knochenmark enthalte universelle Ersatzzellen, schrieb der deutsche Pathologe Julius Cohnheim 1867, die krankes Gewebe ersetzen könnten. Sie würden ständig im Blut patrouillieren und sich nach Bedarf in Haut, Leber oder Herzmuskel verwandeln. Ein Jahrhundert lang suchten Wissenschaftler nach den sagenhaften Wunderkugeln – ohne Erfolg.

Auf der Suche nach Alternativen zu den erfolgreichen, aber ethisch umstrittenen Versuchen mit embryonalen Stammzellen erfuhr Cohnheims Hypothese zur Jahrtausendwende eine unerwartete Renaissance – und plötzlich jagte eine Erfolgsmeldung die andere: Adulte Stammzellen aus dem Knochenmark verwandelten sich, so die aufgeregten Berichte, angeblich mühelos in Leber-, Muskel- und Nervenzellen. Darüber hinaus schien nicht nur das Knochenmark, sondern nahezu jedes noch so unscheinbare Organ des Körpers die Wunderzellen zu enthalten: Haut, Gehirn, Muskel, Leber, Bauchspeicheldrüse, Darm und sogar Fett.

In Deutschland, das aufgrund seiner Gesetzeslage in der embryonalen Stammzellforschung international keine Rolle spielt, wurden die angeblichen Erfolge mit adulten Stammzellen mit besonderer Spannung verfolgt. Als dann vor drei Jahren eine US-Arbeitsgruppe berichtete, sie habe Herzinfarkte bei Mäusen mit Knochenmarks- Stammzellen geheilt, mochten deutsche Kardiologen nicht länger warten. Am 30. März 2001 injizierte Chefarzt Bodo Eckehard Strauer von der Uniklinik Düsseldorf einem 46-jährigen Infarktpatienten Knochenmarkszellen in die Herzkranzgefäße, die er diesem zuvor aus der Hüfte entnommen hatte. Überprüfungen der Mäuseversuche durch andere Labore oder Tests an größeren Säugetieren, wie sie in der Arzneimittelzulassung unverzichtbar sind, hatte es nicht gegeben – was für die Maus recht ist, musste für den Menschen billig sein. Das als Sensation gefeierte Experiment wurde inzwischen in Frankfurt, Hannover und Rostock wiederholt, mit etwa 110 Patienten ist Deutschland in einem Gebiet der Stammzellforschung unvermittelt zur Weltspitze aufgestiegen.

Doch die Freude könnte von kurzer Dauer sein. Bereits seit vergangenem Herbst häuften sich Berichte, in denen die angebliche Plastizität adulter Stammzellen widerlegt wurde. Vergangenen Monat ging es dann auch dem Experiment mit den Infarktmäusen an den Kragen: Gleich zwei unabhängige Studien zeigten, dass sich Mäuseknochenmark keineswegs in Herzmuskel verwandeln kann – die deutschen Experimente fanden also ohne wissenschaftliche Basis statt.

Da kontrollierte Studien bisher fehlen, ist auch die Wirksamkeit nicht bewiesen. Da es vielen Infarktpatienten nach der Behandlung besser ging und zerstörtes Herzgewebe regeneriert wurde, bleibt zu hoffen, dass Strauer und seine Kollegen durch Zufall auf ein unbekanntes Prinzip gestoßen sind – mit Stammzelltherapie hat es allerdings nichts zu tun. Der deutschen Kardiologenelite bleibt also vorerst nur das Argument, mit dem auch Heilpraktiker ihre von der Schulmedizin abgelehnte Eigenbluttherapie trotzig verteidigen: „Wer heilt, hat recht.“

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J.Peyer

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